Die Kleine Passion Dürers verdankt ihren Namen dem Format der 36 Holzschnitte  von ca. 127 x 97 mm. Damit ist sie zwar tatsächlich „kleiner“ als die Große Passion, die mitunter fast 40 x 30 cm misst, aber zumindest etwas „größer“ als die Kupferstichpassion. Mit 36 Blatt ist die Kleine Passion andererseits die umfangreichste Folge, die Albrecht Dürer (1471 - 1528) jemals geschaffen hat. Zusammen mit dem Titelholzschnitt und einer verworfenen Graphik zur Ölbergszene hat der Nürnberger Meister insgesamt sogar 38 Holzschnitte entworfen. Sie darf auch als die weitgreifendste Folge Dürers gelten, ist die Leidensgeschichte Christi doch als Tat des Erlösers in die Menschheitsgeschichte vom Sündenfall bis zum Jüngsten Gericht eingeordnet. In seiner Großen Passion - mit nur 12 Blättern – konzentrierte sich Dürer dagegen auf das eigentliche Geschehen und ließ sogar Motive aus, die er bereits im Marienleben verwendet hat. 

 

Alle drei Holzschnittfolgen publizierte Dürer 1511 als Buchausgaben mit Texten, die der Nürnberger Mönch und Humanist Benedictus Chelidonius (um 1460 – 1521) verfasst oder zusammengestellt hat. Man hat diese Texte lange Zeit als reine Auftragsarbeiten angesehen, die nachträglich passgenau zu den Bildern entstanden sind. Aber Chelidonius ließ seine Passio Jesu Christi salvatoris mundi bereits um 1508 in Straßburg mit Holzschnitten von Hans Wechtlin drucken. Bald nach diesem Erstdruck muss sich der Benediktiner entschlossen haben, eine zweite Ausgabe seiner Passio mit Albrecht Dürer zu veranstalten. Daher darf man die Vermutung, Dürer habe den Mönch beauftragt, ad acta gelegt werden. Als Dürer um 1509 mit den Arbeiten an der Kleinen Passion beginnt, ist die Dichtung des Chelidonius längst vorhanden. Trotzdem muss die Zusammenarbeit zwischen Dichter und Künstler sehr eng gewesen sein, steht doch in allen drei Büchern das Bild jeweils auf der prominenten rechten Seite und der Text – im selben Format wie der Holzschnitt angeordnet – ihm auf der linken Seite gegenüber. 

 

Die Holzschnitte zur Kleinen Passion sind innerhalb weniger Jahre von 1509 – eventuell schon ab 1508 – bis 1511 entstanden, wobei aber nur vier eine Datierung tragen. Je zweimal 1509 und zweimal 1510. Die Große Passion hat Dürer dagegen bereits mit seinen Blättern zur  Apokalypse um 1496 in Angriff genommen, das Marienleben läßt sich im Zeitraum 1502 bis 1511 verorten. 

 

Für seine ambitionierten Buchausgaben – auch die Apokalypse wurde 1511 ein zweites Maul aufgelegt – unterbrach Dürer wohl seine Arbeit an der Kupferstichpassion, deren Blätter aus den Jahren 1507/08 und dann wieder 1512 datieren. Das heißt aber auch, die Kleine Passion ist die einzige Folge in der Zeit um 1511, die  aus einem Guss ist. 

 

Um einen Vergleich zwischen den drei Passionsfolgen zu ermöglichen, sind in der Dauerausstellung „Bild - Druck - Schrift“ bei den druckgraphischen Techniken auch je ein Blatt aus der Großen Passion und der Kupferstichpassion ausgestellt. 

 

Bei der Kleinen Passion stellt sich auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Albrecht Dürer und seinem Schüler Hans Schäufelein (um 1480/85 – 1538/40), der während des Italienaufenthaltes Dürers das Speculum passionis domini nostri Ihesu christi des Nürnberger Stadtarztes Ulrich Pinder, die 1507 erschien, mit Illustrationen versah. In etlichen Holzschnitten ähnelt sich die generelle Bildanlage und Komposition von Dürer und Schäufelein, so dass die Streitfrage aufkam:?Hat Dürer eventuell seinen Schüler kopiert oder hat Schäufelein bereits vorhandenes Werkstattmaterial für seine Arbeit genutzt.

 

Die Buchausgabe der Kleinen Passion erschien 1511 mit dem Titel Passio Christi ab Alberto Durer Nurembergensi effigiata cum varij generis carminibus Fratris Benedicti Chelidonij Musophili und mit dem Bild Christi als Schmerzensmann. Also zu deutsch etwa: Die Passion Christi von Albrecht Dürer in Bilder gesetzt mit verschiedenen Gattungen von Gedichten des Bruders und Musendfreundes Benedictus Chelidonius. Bereits auf dem Titelblatt spricht der Heiland den Leser direkt an:

 

„Ach, der du Schuld an so großen Schmerzen bist, die ich als Gerechter erleiden muß, ach, der du grausame Schuld am Kreuz, ach, an meinem Tod trägst, ach Mensch, es soll doch genügen, daß ich das einmal für dich ertragen habe: O laß doch ab, mich mit neuer Schuldenlast zu foltern!“?


Öffnungszeiten:
Samstag: 14:00 - 17:00 Uhr
Sonntag: 10:00 - 17:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: museumottoschaefer.de

Albrecht Dürer, Passion Christus vor Kaiphas ©Museum Otto Schäfer
03.06. - 30.12.2018

Albrecht Dürer - Die kleine Passion

Museum Otto Schäfer

Judithstraße 16
97422 Schweinfurt