In einer Zeitachse durchschreitet der Besucher im Kunstmuseum Ahlen eine visuelle Inszenierung, die zentrale Botschaften, Themen und Stimmungen von fünf Weltausstellungen in Paris 1937, New York 1939/40, Brüssel 1958, Montreal 1967 und Osaka 1970 vor Augen führt. Originale Werke aus den Bereichen Malerei, Skulptur und Design stehen im Dialog mit Modellen und Entwürfen, in denen sich die künstlerischen Ideen der jeweiligen Zeit formulieren. Eingebunden sind fotografische und filmische Dokumentationen, welche temporäre Bauten und Gestaltungen in Erinnerung rufen als auch einen Eindruck von den historischen Schauplätzen und den stattgefundenen Menschenbewegungen vermitteln. Rund 200 Exponate und Dokumente aus weltweiten Museen und Archiven werden gezeigt.

Neben der Gesamtkonzeption der Ausstellung in Herford und in Ahlen lag die Dramaturgie und die Gestaltung des Ausstellungsteils im Kunstmuseum Ahlen in der Hand von Dr. Thomas Schriefers. Als Kurator hat er bereits mehrere umfangreiche Ausstellungsprojekte wie z. B. Collagewelten (2001 und 2003), die ebenfalls in Kooperation mit dem Marta Herford gezeigte Schau Ruhestörung (2013) oder die im Frühjahr 2018 gezeigte Ausstellung I am a chair für das Haus realisiert. Als Architekt und Künstler hat sich Thomas Schriefers seit langem theoretisch und künstlerisch mit der Geschichte der Weltausstellung auseinandergesetzt und verdichtet in der Ausstellung auch mit eigenen Arbeiten und Collagen zentrale Aspekte der gewählten fünf Expositionen.

Der Focus in „Brisante Träume - die Kunst der Weltausstellung“ richtet sich auf die Rolle der Kunst im Kontext der Weltausstellungen. Die Kunst war nie nur schmückendes Beiwerk oder wurde um ihrer selbst willen gezeigt. Architekten und Künstler fungierten als Botschafter und Utopisten. Die Kunst wurde ebenso für nationale Interessen vereinnahmt wie sie im Zeichen des Fortschritts das Experiment und eine freie kritische Haltung repräsentierte. Sie war Teil des Unterhaltungsspektakels und warb gleichzeitig für eine Sensibilisierung der Sinne und Emotionen. Die Ausstellung möchte viele dieser Funktionen und Bezüge ausschnitthaft beleuchten und zur Diskussion stellen.

Die Wahl der fünf Weltausstellungen von Paris im Jahr 1937 bis Osaka im Jahr 1970 resultiert aus dem „brisanten“ zeitgeschichtlichen Hintergrund, der mit diesen verbunden ist. In dieser Periode von 33 Jahren im 20. Jahrhundert hat sich die Welt politisch, technologisch und kulturell massiv verändert. Der Zweite Weltkrieg, die Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki, der Ost-West-Konflikt, Diktatur und Demokratie, sowie der Weg vom Elektronik- ins Atomzeitalter, so schreibt Kurator Thomas Schriefers, hinterließen deutliche Spuren.

In den fünf Kapiteln, die im Marta Herford zu einer Gegenüberstellung von historischen und aktuellen zeitgenössischen Werken führen - 1937 Paris - Ingenieur*innen des Lebens. Kunst und Technik in der modernen Welt; 1939/40 New York - Demokratie und Zerstörung. Die Welt von morgen bauen!; 1958 Brüssel - Der mikroskopische Blick. Bilanz für eine menschlichere Welt; 1967 Montreal - Aufbruch zu den Sinnen. Der Mensch und seine Welt; 1970 Osaka - Traum von einer anderen Zukunft. Fortschritt und Harmonie für die Menschen – wird im Kunstmuseum Ahlen vor allem die Veränderung des Menschenbildes thematisiert.

In Paris 1937 wurde Europa von sehr unterschiedlichen nationalen Interessen beherrscht, denen auch die Kunst Ausdruck geben sollte. Während Künstler wie Robert Delaunay, Charlotte Perriand oder Raoul Dufy in Paris mit ihren Werken und Pavillongestaltungen zu Botschaftern für die Mystifizierung des Fortschrittgedankens wurden, ließen sich Künstler anderer Nationen wie z.B. Georg Kolbe oder Carrado Cagli im Kontext eines vorherrschenden Traditionalismus oder mit pathetisch überhöhten Menschenbildern für ideologische Zwecke vereinnahmen. Die Gegenüberstellung von zwei Plastiken von Georg Kolbe, die 1929 und 1937 in den deutschen Pavillons an prominenter Stelle in den deutschen Pavillons aufgestellt wurden, und die Präsentation der großen Holzfigur Nackte des Künstlers Henk Chabot, die im niederländischen Pavillon stand, führen in der Ahlener Ausstellung das unterschiedliche Menschenbild und den Stimmungswechsel kurz vor dem Krieg vor Augen.

In New York 1939/40 haben Architekten und Designer mit großen symbolischen Formen und der zentralen Modellstadt Democracity vor allem dem Glauben Ausdruck verliehen, dass die Wirtschaftspolitik und die Demokratie in der „Neuen Welt“ , die Zufluchtsort vieler aus Europa emigrierter Künstler wurde, die Zukunft der Menschheit bauen wird. Mit Blick auf den Krieg war dies ein Auftrag, der auch mit der Zerstörung der traditionellen Städte und Strukturen in Europa zusammenhing. Lionel Feininger zeigte in seinem großen Wandgemälde zur Schifffahrt exemplarisch den Moment des Aufbruchs. In großen Unterhaltungsshows und in der Attraktion eines metallenen Roboters mit Namen Electro, der sich mit dem staunenden Publikum unterhielt, wurde die Welt des 21. Jahrhunderts und der Mensch von morgen gefeiert. Das künstlerisch ausformulierte Bild des Menschen war jedoch zeittypisch idealisiert, meist dekorativ, stark illustrativ und programmatisch. Einen Höhepunkt in der Inszenierung bildete die riesige Darstellung des Staatsgründers George Washington, der im Zentrum der Constitution Mall als prominente Achse zur Perisphere-Kugel positioniert wurde.

In Brüssel feierte man 1958 zwar das Wunder des Atoms, unübersehbar dargestellt durch den Bau des Atomium als Expo-Wahrzeichen, doch offenbarte sich in den einzelnen Beiträgen der Nationen in der Folge von Krieg, Zerstörung und Vernichtung ein vielfältiges und kritisches Bild der Wechselwirkung zwischen Mensch und Technik. Wohl zum ersten Mal in der Geschichte der mondialen Expositionen wurde dabei der Mensch selbst zum zentralen Thema. Das menschliche Bildnis präsentierte sich in Kunstwerken so unterschiedlich, wie die gesamte Ausstellung, welche in Zeiten des Umbruchs alle teilnehmenden Nationen zur Selbstbespiegelung motivierte. Selbstironie war zulässig, denkt man an die pointierten Zeichnungen des amerikanischen Karikaturisten Saul Steinberg. An der im deutschen Pavillon prominent aufgestellten Plastik Figurenbaum des Berliner Bildhauers Bernhard Heiliger entwickelte sich stellvertretend für eine nationale Debatte ein emotional aufgeladener Streit um Gegenständlichkeit, Abstraktion und den Wert der Kunst, welche die noch junge Bundesrepublik Deutschland in Brüssel repräsentierte.

In Montreal wurde 1967 unter dem Motto Terre des Hommes die Freundschaft der Menschen unter den Völkern der Erde beschworen. Man suchte lebendige Dialoge und setzte auf die Neugier des Publikums, das zur Reflektion über das Menschsein angeregt wurde. Die Sprache des Menschenbildes war ähnlich vielfältig wie in Brüssel. Es gab eine größere Zahl abstrakter Darstellungen, allen voran Alexander Calders circa 24 Meter hohe Großplastik Homme, die wie eine stabilisierte Mobile-Plastik wirkte. Kinetische Objekte deutscher Gegenwartskünstler, vornehmlich aus der Zero Gruppe, unter ihnen auch das Werk von Hermann Goepfert, wurden in dem als Zeltkonstruktion gebauten deutschen Pavillon gezeigt. Reformpädagogische und spielerische Beiträge forderten den Menschen zur Selbstwahrnehmung und zum Dialog auf. Jean Tinguely entwickelte für den Schweizer Pavillon ein feingliedriges Wandrelief aus sich drehenden Maschinenteilen, dem er den Namen Requiem pour une feuille morte gab. Diese Arbeit korrespondierte mit dem berühmten Le Paradis-Skulpturengarten, den Niki de Saint Phalle 1967 im Dialog mit Jean Tinguely auf dem Dach des französischen Pavillons als einen Liebeskampf zwischen Nanas, Phantasiegeschöpfen und seltsamen Maschinenwesen initiierte.

Auf dem Höhepunkt der Weltausstellungsgeschichte angekommen, veränderte sich in Osaka 1970 das Erscheinungsbild der Expo grundsätzlich und damit auch der Auftritt der Künste, die sich zunehmend in multimedialer Form artikulierten. Der unterirdische deutsche Pavillon, in dessen Mitte sich Heinz Macks Installation Krone für das Farbspektrum stand, - deren Weiterentwicklung als Rhythmus Afrikas in der Ausstellung zu sehen ist, wurde als multimedialer Experimentalraum für wechselnde musikalische Aufführungen genutzt. Viele Modelle und Entwürfe hatten als Transformationen zwischen Natur und Technik einen visionären Charakter und wurden nicht realisiert. Das plastische Bild des Menschen nationaler Prägung aus früheren Zeiten gab es nur noch vereinzelt. Dem Menschen wurde mittels Film-, Foto- und Holografie- Technik ein Spiegel vorgehalten. Das vorgetragene Bild des Menschen war bewegt und flüchtig. Neben multimedialen Spektakeln thematisierten Foto- und Filmreihen die zivilisationsbedingte Umweltzerstörung, Krieg und Armut und somit die reale Wirklichkeit als Kontrast zur imaginären Welt der Sehnsüchte und Visionen.

Das Kunstmuseum zeigt originale historische Werke von Alvar Aalto, Carrado Cagli, Henk Chabot, Le Corbusier, Raoul Dufy, Egon Eiermann, Lyonel Feininger, Hermann Goepfert, Margret Hildebrand, Georg Kolbe, Heinz Mack, Maurizio Sacripanti, Gustav Seitz, Kurt Schwippert, Jean Tinguely, Fritz Wotruba u.v.m.

Aktuelle Arbeiten von zwei zeitgenössischen Künstlerinnen ergänzen die historische Ausstellung. In den Videoarbeiten von Jasmina Cibic wird das Originalmodell für den jugoslawischen Pavillon 1958 in Brüssel, in den drei Fotografien von Juliane Rückriem die Architektur und die Aussage des Atomiums reflektiert und künstlerisch verarbeitet.

Zur Gesamtausstellung ist ein Ausstellungsmagazin mit vielen Fotos, Verweisen und Hintergrundinformationen entstanden, es kostet 14 Euro.


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Freitag: 14:00 -18:00 Uhr
Samstag -  Sonntag (Feiertage): 11:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Feiertage:
26.12. 2018: 11:00 - 18:00 Uhr geöffnet 
 01.01.2019: 14:00 - 18:00 Uhr geöffnet

Weitere Informationen direkt unter: kunstmuseum-ahlen.de