Emy Roeder (1890–1971) war eine der profiliertesten Bildhauerinnen des 20. Jahrhunderts. In bemerkenswerter Konsequenz entwickelte sie anhand nur weniger Themen eine ganz eigene figürliche Bildsprache. Zeit ihres Lebens suchte Roeder das Wesentliche des menschlichen und kreatürlichen Daseins in ihren Werken zu fassen: innere Ruhe und Kraft, Zartheit, Liebe und Bedürfnis nach Schutz, aber auch tiefe Einsamkeit.

Trotz des meist kleinen Formats strahlen ihre weiblichen Akte und Gewandfiguren, ihre Gruppen von Freundinnen und Geschwistern ebenso wie ihre Tierskulpturen eine selbstverständliche, ruhige Präsenz aus, die den Betrachter gefangen nimmt.

Das Museum im Kulturspeicher bewahrt den Nachlass der in Würzburg geborenen Künstlerin mit 104 Skulpturen und 776 Zeichnungen. Die Ausstellung zeigt Teile dieses Bestandes, ergänzt um einige bedeutende Leihgaben aus Privat- und Museumsbesitz. Anhand von 76 Skulpturen und über 100 Zeichnungen wird Emy Roeders künstlerische Entwicklung nachvollziehbar: von den expressiven Figuren ihrer frühen Berliner Jahre bis hin zum Spätwerk mit seiner immer stärkeren Stilisierung und Konzentration der künstlerischen Aussage.

Das Werk Emy Roeders, die zu Lebzeiten als eine der großen Bildhauerinnen ihrer Generation galt, wird heute wieder entdeckt – so in der zeitgleich laufenden Ausstellung „Freiheit – DieKunst der Novembergruppe 1918 bis 1935“ in der Berlinischen Galerie oder in der Schau „Bildhauerinnen“ der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn. Im Anschluss an die WürzburgerStation wird die Ausstellung im Landesmuseum Mainz und im Georg Kolbe Museum Berlin zu sehen sein. Emy Roeder kehrt damit an die beiden Orte zurück, die auch biografisch ihre Ankerpunkte in Deutschland waren.

In neun Kapiteln zeichnet die Ausstellung die Biografie und künstlerische Entwicklung Emy Roeders nach und zeigt dabei insbesondere die Wechselwirkungen zwischen Skulptur undZeichnung. Mit Entschiedenheit ging schon Roeder ihren Weg. „Ich wollte nicht Künstlerin werden, ich wollte Bildhauerin werden“, berichtete sie noch als 80-Jährige in einem Interview. Ein großes Gespür für Qualität und Innovation muss schon die junge Künstlerin gehabt haben, als sie sich gezielt Bernhard Hoetger, einen der wegweisenden deutschen Bildhauer dieser Zeit, als Lehrer aussuchte und mit Berlin das Zentrum der deutschen Avantgarde als Wohnsitz wählte. Hier machte sie sich einen Namen als eine der wichtigsten Bildhauerinnen ihrer Zeit. Sie stelltemit der Freien Secession aus und wurde 1918 Gründungsmitglied der „Novembergruppe“. Wieihr damaliger Ehemann Herbert Garbe experimentierte sie in diesen Jahren mit expressionistischen und kubistischen Stilmitteln, die in diesen Kreisen en vogue waren.

In den 1920er Jahren wandte Roeder sich wieder einer naturalistischeren Gestaltungsweise zu. Bezeichnend dafür ist, dass sie nun auch verstärkt nach Modellen zeichnete. Die Zeichnung wurde fortan zu einem wichtigen Arbeitsmittel für die Künstlerin und zur Brücke zwischen der unmittelbaren Naturanschauung und dem konzentrierten und abstrahierten Ausdruck im plastischen Werk. Dabei war die Zeichnung mehr als Mittel zum Zweck: Neben schnellen Skizzen schuf Emy Roeder sorgfältig durchgearbeitete, in ihrer klaren Linienführung und entschiedenen Flächengliederung das Wesentliche ihres Motivs erfassende Kreidezeichnungen, die sie als eigenständige Kunstwerke verstand und auch ausstellte und verkaufte.

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten bedeutete für Emy Roeder wie für viele Künstler einen Einschnitt in ihrer so vielversprechend begonnenen Karriere: Die Terrakottafassung der„Schwangeren“, mit der sie 1920 den Berliner „Rohr-Preis“ erhalten hatte und die 1921 von der Kunsthalle Karlsruhe erworben worden war, wurde 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“gezeigt. Emy Roeder weilte zu dieser Zeit in Florenz, wo sie ein Stipendium für einen Aufenthaltin der deutschen Künstlerresidenz „Villa Romana“ hatte. Mit Hilfe von Hans Purrmann, demLeiter des Künstlerhauses, konnte sie ihren Aufenthalt dort immer wieder verlängern und verlebte so den Zweiten Weltkrieg in der Emigration. Die Rückkehr nach Deutschland nach ihrer Internierung in einem Lager bei Padula und einem Aufenthalt in Rom wurde ihr 1949 durch die Aussicht auf eine Anstellung an der Landeskunstschule in Mainz ermöglicht, wo sie bis 1953 lehrte. Eine erste Einzelausstellung (organisiert von dem aus Florentiner Tagen bekannten Kunsthistoriker Herbert Siebenhüner), die von Bonn aus in einer Ausstellungstournee in mehreren deutschen Städten gezeigt wurde, machte das Werk der vergessenen Künstlerin in ihrer Heimat wieder bekannt. So wurdenPlastiken von ihr auch auf der ersten „documenta“ 1955 dem Publikum präsentiert. ÖffentlicheAnkäufe und Aufträge zeugen von ihrem beträchtlichen Renommée und ermöglichten ihr ein unabhängiges Dasein. Emy Roeder nutzte ihre Unabhängigkeit: Noch im hohen Alter von über siebzig Jahren unternahm sie Reisen nach Tripolis, Kairo und Marokko, wo sie zu den schlanken, überirdisch wirkenden Frauengestalten ihres Spätwerks inspiriert wurde.

Bei allen Umbrüchen der Zeit zeugt das bildhauerische und zeichnerische Werk Emy Roeders von einer bemerkenswerten Kontinuität. Alle Zufälligkeiten und jeden exaltierten Ausdruck abstreifend, sprechen die Plastiken und Zeichnungen vor allem seit den 1920er Jahren von der Suche nach harmonischer Klassizität, gleichzeitig jedoch strenger Stilisierung und – im Spätwerk – geradezu archaischem Ausdruck. Ein langsamer, aber stetiger Wandel ihres Stils, der am Ende ihres Lebens zu einer immer stärkeren Reduzierung des plastischen Volumens und zu einer Intensivierung der zeichenhaft-grafischen Wirkung der Skulpturen führte, zeugt von beharrlicher und bedachter Arbeit am Werk. In seiner Konsequenz und Qualität ist das Werk Emy Roeders dem ihrer bekannteren männlichen Bildhauerkollegen ebenbürtig.


Öffnungszeiten:
Dienstag: 13:00 - 18:00 Uhr
Mittwoch: 11:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 11:00 - 19:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: kulturspeicher.de

Zwei nackte Berliner Kinder (Geschwister), 1928, Schwarze Kreide, 39,4 x 29,6 cm © Museum im Kulturspeicher, Foto Andreas Bestle, 1054 KB
01.12.2018 - 10.03.2019

Das Kosmische allen Seins. Emy Roeder – Bildhauerin und Zeichnerin

Museum im Kulturspeicher

Oskar-Laredo-Platz 1
97080 Würzburg