Der Kunstverein in Hamburg freut sich, die erste institutionelle Einzelausstellung der britischen Künstlerin Hannah Perry in Deutschland zu präsentieren. Perrys künstlerische Praxis umfasst Skulptur, Installation, Video und Performance und findet ihren Ausgangspunkt häufig in eigenen Erinnerungen und Erfahrungen. Durch Überlagerungen und Überblendungen von Materialien und Inhalten schafft sie multiperspektivische Arbeiten, um die Essenz persönlicher Erinnerung in unserer hypertechnologisierten und vernetzten Welt zu analysieren. A Smashed Window and an Empty Room verhandelt die Auswirkungen von Traumata auf die psychische und emotionale Gesundheit sowie die Bedingungen und Folgen menschlicher Interaktionen.

Perry arbeitet häufig mit codierten und geschlechtsspezifisch konnotierten industriellen Materialien, welche die Landschaft und Demografie Nordenglands reflektieren, die ihr Aufwachsen geprägt haben. Ihr besonderes Interesse gilt dabei Materialien aus der Stahlindustrie und viele ihrer skulpturalen Arbeiten entstehen mithilfe ihres Vaters, einem industriellen Metallarbeiter.

Die raumgreifende Skulptur Rage Fluids (2018) besteht aus mehreren geschwungenen Stahlgerüsten, die mit chromfarbener Vinylfolie bespannt sind, die üblicherweise zum Autotuning verwendet wird. Die spiegelnde Oberfläche wird durch Basslautsprecher in Schwingungen versetzt, sodass die Besucher*innen ein beständig verzerrtes Bild von sich selbst und ihrer Umgebung wahrnehmen. Die Skulptur entstand aus Perrys anhaltendem Interesse an der Automobilindustrie und dem dazugehörigen Kult, der bisweilen einem Fetisch ähnelt und oft mit spezifischen Vorstellungen von Männlichkeit verknüpft ist. Perry untersucht mit Rage Fluids eine Analogie zwischen dem menschlichen Körper und dem Auto, in der die pulsierende Chromfolie sinnbildlich für die Haut als durchlässige Membran steht, auf der sich ein innerer Kampf abzeichnet. Zugleich symbolisiert das vibrierende Chrom auch das Nachbeben des Äußeren eines Autos nach einer Kollision.

Die Skulptur steht in enger Verbindung mit dem 360°-Film GUSH (2018), der die Höhen und Tiefen alltäglicher und lebensverändernder Ereignisse, das Universelle im persönlichen Schmerz und das Gefühl von Zerrissenheit in Momenten des Schocks verhandelt. Die Erzählperspektive bricht hierbei ebenso häufig ab wie die filmische, die zwischen eindringlichen 360°-Aufnahmen und konventioneller Frontalansicht mäandert. Der Film ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit immenser Trauer, Schmerz und Verlust vor dem Hintergrund des tragischen Selbstmordes eines engen Freundes und Kollaborateurs von Perry.

Für die Ausstellung ist eine neue hydraulische Skulptur entstanden, die Momente von Gewalt, Zärtlichkeit und Intimität durch einen mechanisierten Tanz mit sich selbst beschwört. Bewegungssimulatoren choreografieren die Aktionen von zwei gekrümmten Metallkörpern, wobei das harmonische Zusammenspiel der beiden Elemente wiederholt Momenten der Konfrontation gegenübergestellt wird. Durch das Zusammenstoßen zerstören die beiden skulpturalen Formen ihre polierten Oberflächen nach und nach, sodass im Verlauf der Ausstellung die Abnutzungserscheinungen ihres Mit- und Gegeneinanders immer deutlicher werden.

Hannah Perry (*1984 in Chester, lebt und arbeitet in London) studierte am Goldsmiths College und der Royal Academy of Art in London. Sie zeigte international auf Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. in der Towner Art Gallery, Eastbourne, im Somerset House, London, und KM - Künstlerhaus, Halle für Kunst und Medien in Graz (alle 2018), im MoMA Warschau und bei L’inconnue in Montreal (beide 2017), im Fotomuseum Winterthur und der Saatchi Gallery, London (beide 2016). Perry hat u.a. Performances für die David Roberts Art Foundation und für die Park Nights der Serpentine Gallery in London entwickelt.