Mit ECSTASIES, einer eindrücklichen Installation aus Skulptur, Sound und Zeichnung zeigt der Kunstverein in Hamburg die bisher größte institutionelle Einzelausstellung der Bildhauerin und Installationskünstlerin Marguerite Humeau in Deutschland. Humeaus Werk hat die Ursprünge der Menschheit und die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Welten zum Gegenstand, die sie sich in intensiver Recherche und in Zusammenarbeit mit Historikern, Anthropologen, Paläontologen, Zoologen, Linguisten und Ingenieuren erschließt. Durch ihre interdisziplinäre wie auch spekulative Forschung erweitert sie ihr eigenes künstlerisches Denken und entwickelt eine neue Form der historischen Recherche, die unser technologisches Zeitalter widerzuspiegeln vermag.

Marguerite Humeau entwirft mit ihrer Installation eine spekulative Szene aus einer Zeit von vor 150.000 Jahren, in der eine Gruppe Frauen erstmals auf psychoaktive Substanzen trifft. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit verlässt das Gehirn durch die Einnahme psychoaktiver Tierhirnteile seine normale Konfiguration und dringt ins Unbekannte vor. Die spektakulären Folgen dieses Ereignisses könnten zu einer neuronalen Umgestaltung geführt haben, die nicht wahrnehmbar ist, weil sie auf mikroskopischer Ebene stattfindet. Diese Neukonfiguration des menschlichen Gehirns ließ eine andersartige soziale Struktur entstehen, die sich von anderen Primaten vollständig unterschied. Man hat lange versucht, diese Annahme zu beweisen oder auch nachzuvollziehen, da spekuliert wird, dass diese bis dahin nicht bekannten gedanklichen Reisen am Ursprung von Sprache, Kunst und Religion gestanden haben könnten.

In ihren Recherchen fand Marguerite Humeau einen Aufsatz der Archäologin Bette Hagens, der ihr half, die Ursprungshypothese zu untermauern und weiterzuentwickeln. Hagens vergleicht in dem Text die vorzeitlichen Venusfigurinen mit tierischen Gehirnen und verweist dabei auf deren auffälligen äußerlichen Gemeinsamkeiten. Sie vermutet, dass prähistorische Schamanen die psychoaktiven Bestandteile von Tiergehirnen aßen, um durch die Bewusstseinsveränderung zur spirituellen Ekstase zu gelangen. Die Schamanen wählten vermutlich bestimmte Gehirnteile von speziellen Tieren, mit denen sie kommunizieren oder in die sie sich verwandeln wollten. Um das richtige Mischungsverhältnis darstellen zu können, schnitzten sie sie in verschiedenen Materialien. Die so entstandenen skulpturalen “Rezepte“ für die spirituelle Reise sind vermutlich das, was wir später als "Venusfigurinen" bezeichnet haben. Die Venusfigurinen könnten somit als das Symbol der neuronalen Umgestaltung verstanden werden, die durch die Entdeckung von psychoaktiven Substanzen seitens der Frühmenschen vor mehr als 150.000 Jahren eingeleitet wurde.

Die Ausstellung im Kunstverein in Hamburg zeigt eine neue Werkserie, für die Humeau aus digitalen 3D-Modellen Bronzeabgüsse und Steinskulpturen realisiert hat. Diese Skulpturen werden durch eine große Serie von Zeichnungen ergänzt. Die Gesamtinstallation verbindet die prähistorische Vergangenheit mit der fernen Zukunft und spekuliert über mögliche Weiterentwicklungsszenarien des menschlichen Bewusstseins.

Im abgedunkelten Ausstellungsraum sitzen, stehen oder liegen auf mehreren Podesten zehn venusartige Figuren und laden die Betrachter*innen ein, die Tiefen ihres Bewusstseins zu entdecken. Die digital gerenderten Figuren sind aus unterschiedlichen Materialien gearbeitet, wie beispielsweise Kalkstein, Alabaster oder Bronze und referieren dabei auf historisch bedeutsame, vorzeitliche Venusabbildungen wie z.B. die Venus von Courbet (ca. 14.900 Jahre alt) oder die Venus von Frasassi (ca. 20.000 – 28.000 Jahre alt). Die Künstlerin versteht den Ausstellungsraum dabei als den Schauplatz einer polyfone Séance. Die Skulpturen erscheinen formal mehrdeutig und erinnern bisweilen an Frauenkörper, an Abbildungen von Gehirnen, Figurinen oder spirituelle Wesen aus unterschiedlichen Epochen und von verschiedener Herkunft.

Der gesamte Raum ist von einer Klanginstallation durchdrungen, die mit einer sanften Atmung beginnt und in einem repetitiven Gesang endet. Die weiblichen Figurinen werden so Zeuge der ursprünglichen Tranceerfahrung. Ihre Stimmen führen uns durch die Reise ihres Geistes, während sie zuweilen zu unterschiedlichen Tieren mutieren, oder an die Grenzen ihrer menschlichen Fähigkeiten stoßen. In einem zweiten, hell beleuchteten Raum, der einem Showroom eines Hightech-Unternehmens ähnelt und vielleicht als "Reisebüro für spirituelle Reisen" verstanden werden kann, präsentiert Humeau einen großen zeichnerischen Fries, der die Ergebnisse ihrer Forschung über die spekulierte ursprüngliche Erweiterung des menschlichen Bewusstseins darstellt. Humeau diskutierte mit verschiedenen Expert*innen wie Schaman*innen, „Magic Mushroon“ - Forscher*innen und Neurowissenschaftler*innen und entwickelte aus diesen Gesprächen eine Reihe von Zeichnungen, die so viele Fragen zu stellen scheinen, wie sie gleichzeitig zu beantworten versuchen. Die AusstellungECSTASIES betont die Flüchtigkeit der menschlichen Existenz in Relation zu der kosmischen und geologischen Zeitrechnung.

Die Ausstellung ist eine Kooperation mit dem New Museum, New York, und dem Museion, Bozen, wo sie im September 2019 eröffnet wird.

Marguerite Humeau (*1986 in Frankreich, lebt und arbeitet London) studierte an der Design Academy Eindhoven und am Royal College of Art in London, wo sie 2011 ihren MA in Design Interactions erlangte. Ihre Arbeiten wurden zuletzt in Einzelausstellungen im New Museum, NY (2018), in der Tate Britain (2017), Museum Haus Konstruktiv, Zürich (2017), Schinkel Pavillon, Berlin (2017), Nottingham Contemporary, Nottingham, UK (2016); und Palais de Tokyo, Paris (2016) gezeigt. Ihre Arbeiten waren Teil folgender Gruppenausstellungen: Hayward Gallery, London (2018), Haus der Kunst, München (2018), High Line, New York (2017); Kunsthal Charlottenborg, Kopenhagen (2017); Manifesta 11, Zürich (2016), Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, Wien (2015) und das Museum of Modern Art, New York (2014). Humeau erhielt 2017 den Zurich Art Prize und 2018 den Battaglia Foundary Sculpture Prize.