Mit der Ausstellung What Are We Made Of? – Werke aus der Art Collection Telekom eröffnet die Kunsthalle Darmstadt ihr Jahresprogramm 2019. Gezeigt werden etwa 35 mitunter mehrteilige, raumgreifende Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern, die aus dem kulturellen Raum Ost- und Südosteuropas – dem Fokus der 2010 gegründeten Sammlung – stammen. Die Bandbreite der präsentierten Arbeiten reicht von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart. Die ältere Generation der Künstlerinnen und Künstler musste noch unter den schwierigen Bedingungen der kommunistischen Parteidiktaturen ihre Freiräume finden, während Ende der achtziger Jahre der dramatische Umbruch der politischen Systeme zu demokratischen Strukturen begann, der die Gesellschaften mit dem massiven Einzug der kapitalistischen Wirtschaft sowie der westlichen Waren- und Konsumwelt konfrontierte.

Die Werke in der Ausstellung entwickeln ihre Erzählungen, Verweise und Bedeutungsfelder vor dem Hintergrund dieses historischen Wandels, der die ideologische und tatsächliche Aufteilung der Welt in Ost und West, in Kapitalismus und Kommunismus aufgehoben hat. Sie sprechen von politischen Auseinandersetzungen, von tragischen Erlebnissen, von utopischen Hoffnungen und Plänen, von wissenschaftlichen Experimenten, von der Leere, von unseren Körpern und ihrem seelischen Gleichgewicht. Sie erinnern an die leichte Verfügbarkeit von Vorurteilen, die Trauer über untergegangene Träume und Hoffnungen, die Ängste vor konkreter Gefährdung. Sie regen Themen, Bezugsfelder und Emotionen an, die über kulturelle, politische und persönliche Grenzen hinweg und auch über die unsichtbaren Trennlinien hinausreichen, die der Eiserne Vorhang bis heute hinterlassen haben mag.

Das Konzept der Ausstellung rückt dabei jenes komplexe Muster an abstrakten Prägungen in den Blick, welche Kindheit, Familie, Erziehung, Wertesysteme, Religion, Politik, Sprache, Kultur und Geschichte in jedem Menschen anlegen und ihn mitunter ausmachen. Die Werke geben sehr konkrete und präzise Verweise auf gesellschaftlich umfassende wie auch individuelle Erfahrungen und Einflüsse, wie dem kollektiven Trauma des Bosnienkriegs oder der ganz persönlichen Faszination für die Grundlagenforschung.

Die Art Collection Telekom legt den Sammlungsschwerpunkt auf zeitgenössische Kunst aus Ost- und Südosteuropa, welche erst in geringem Maße in internationalen Sammlungen vertreten ist. Neben der Sammlung Kontakt der Erste Group in Österreich zählen dazu seit wenigen Jahren die speziellen Abteilungen für Forschung und Dokumentation in den großen Museen, wie dem Museum of Modern Art in New York, der Tate Modern in London oder dem Centre Pompidou in Paris. Alle Anstrengungen in dieser Richtung führten und führen zu einer Neubewertung und Umschreibung vor allem der europäischen Kunstgeschichte, die um die während des Kalten Krieges weitgehend ausgeblendeten Kapitel der osteuropäischen Kunst erweitert und korrigiert werden muss.

Die Sammlung spiegelt die mediale Bandbreite zeitgenössischer Kunst von der Zeichnung bis zur performativen Inszenierung. Verschiedene Querschnitte der Art Collection Telekom wurden seit 2014 in bisher vier größeren musealen Ausstellungen in Berlin, Bukarest, Warschau und Zagreb einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Im kulturellen Programm einer der Europäischen Kulturhauptstädte 2019, Plowdiw, Bulgarien, wird die Sammlung mit der Ausstellung Listen To Us – Artistic Intelligence präsent sein. Die Kunsthalle Darmstadt macht nun erstmals seit vier Jahren eine größere Auswahl von Werken in einer Ausstellung in Deutschland zugänglich.