Der Münchner Künstler Ulrich Horndash (*1951 in Nürnberg), der bereits 2016 im Rahmen der Collage-AusstellungSchnitt Schnitt eine Wand des Gebäudes in seine Installation feinteiliger Papierarbeiten einbezog, gestaltet die zentrale Wand im Foyer des denkmalgeschützten 50er-Jahre-Baus. Im vorgelagerten Glasgang lässt Ulrich Horndash parallel zur Fassade ein monumentales Bild,Veduta 4, entstehen, das sich mit einer Höhe von fünfeinhalb und einer Länge von 22,5 Metern über die etwa 125 Quadratmeter große Fläche der Foyerwand erstreckt.

In ihrem Aufbau orientiert sich die geometrische Malerei an den Orthogonalen der Fassadenkonstruktion, inhaltlich, ergänzt um großformatige auf den Farbfeldern platzierte Siebdrucke, auch auf die Stadtlandschaft, zu der sich die Stahl-Glas-Konstruktion im Süden hin öffnet. Durch die zwischen Innen und Außen vermittelnde Glasfront, die sich den Passanten wie ein „Schaufenster“ darbietet, „tritt das Kunstwerk“, so die Intention des Künstlers, „auf die Straße“. Die Präsenz des Werks im Außenraum wird durch die energetische Farbigkeit des Wandbildes, das mit Komplementär- und Simultankontrasten arbeitet, verstärkt. Es sind Farben „der Gegenwart, also Farben wie sie jederzeit im Kontext der Straße, der Warenwelt zu finden sind: impertinente, leuchtende Töne mit exhibitionistischer Tendenz“.

Architektonische Details wie Lüftungsgitter und Türöffnungen integriert Ulrich Horndash sorgfältig in die monumentale Hard Edge-Malerei, deren glatte, scharf konturierte Flächen nur durch das Relief aufgebrachter Leinwanddrucke unterbrochen sind. Die Siebdrucke in changierendem Schwarz eröffnen spektakuläre Ausblicke auf Gebäudesprengungen, die in den 1970er- und 1980er-Jahren moderne Architekturen vor allem im Stil des Art déco und Brutalismus kontrolliert zu Fall brachten. Sie beruhen auf Pressefotografien, vorgefundenem Bildmaterial, das sich Ulrich Horndash für sein Bildarchiv aneignete und bereits 1991 in den Leinwänden verarbeitete. Damals begann er seine Serie der Vedute, deren Reihe Veduta 4 nun in Darmstadt fortsetzt (Veduta 1, Galerie Tanit, Köln 1991; Veduta 2, Lenbachhaus, München 1992; Veduta 3, City Art Centre, Edinburgh 1995).

In Veduta 4 evoziert Ulrich Horndash mit den Mitteln der Collage eine eklektische „Ruinenphantasie“, die sich in postmoderner Spielart des „Trümmerhaufens der Geschichte“ bedient. Er verarbeitet darin zahlreiche kunst- und medienhistorische Einflüsse, die im Werk jedoch weniger in Form plakativer Aneignung als durch assoziative Verbindungen und formale Parallelen aufscheinen. Ulrich Horndash interessiert sich dabei insbesondere für künstlerische Strömungen der Moderne, wie die Konkrete Kunst oder die Pop Art, die bereits am modernistischen Mythos von Kunst und Künstler kratzten und einen regelgeleiteten konzipieren- den Künstlertypus sowie die Konzentration auf Raum und Form forcierten. Die geometrische Farbfeldmalerei, die Verzahnung von Werk und Archi- tektur, die Verwendung des seriellen Siebdruckverfahrens sowie von Ready-made-Bildern als Vorlagen lassen sich als bewusste Reminiszenz an Vorbilder wie Theo van Doesburgs Café Aubette (1928), El LisitzkysDemonstrationsraum für das Kabinett der Abstrakten (1927), die räumlichen Farbstudien der Architekten Bruno Taut, Le Corbusier und Luis Barragan und nicht zuletzt an die produktionsästhetischen Innovationen Andy Warhols lesen.

Bereits der Titel, Veduta 4, ruft zudem die klassische Vedutenmalerei, insbesondere Giambattista Piranesis von antiken Ruinen dominiertenVedute di Roma (ab 1748), ins Gedächtnis. Ulrich Horndash lässt jedoch die aufkommenden Erwartungen an ein Stadtpanorama mit den in der Fläche lose platzierten Ausblicken auf gesprengte, sich in Auflösung befindliche Architekturen ironisch ins Leere laufen. Hier ist nicht mehr der romantisch verklärte Zahn der Zeit, sondern die kalkulierte Destruktion ausgedienter Modelle am Werk. Wie die auf den Leinwanddrucken fotografisch konservierten, in Wirklichkeit längst verschwundenen Gebäude wird auch die Wandinstallation in der Darmstädter Kunsthalle nur eine temporäre Erscheinung sein: „Man muß zur Kenntnis nehmen, dass die Haltbarkeit der Kunst wie die der Häuser nicht von Dauer ist.“
Text: Aline Willert
[Die im Text verwendeten Zitate stammen aus dem Konzept des Künstlers vom Januar 2018.]