Im Rahmen seiner Ausstellungsreihe Fotografie neu ordnen unternimmt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) eine Bestandsaufnahme der deutschen Fotoszene um 1980. Ein Ausgangspunkt ist die Zeitschrift Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst, die von dem Fotografen Wolfgang Schulz (*1944) zwischen 1977 und 1985 herausgegeben wurde. Dazu lädt das MKG die Fotoexperten Reinhard Matz (Köln), Steffen Siegel (Folkwang Universität Essen) und Bernd Stiegler (Universität Konstanz) ein, ihr Forschungsprojekt über die 1980er Jahre mit den historischen Fotografien in der Sammlung des MKG in Beziehung zu setzen. Ziel der Zusammenarbeit ist eine fotografiegeschichtliche Archäologie der deutschen Fotoszene um 1980 am Beispiel der Zeitschrift Fotografie und ihrer Protagonisten. Sie zeigt rund 150 Exponate von Wolfgang Schulz, Dörte Eißfeldt, Verena von Gagern, André Gelpke, Reinhard Matz, Heinrich Riebesehl, Wilhelm Schürmann u.a., die Zeitschrift selbst sowie eine Reihe von eigens für die Ausstellung geführten Interviews mit Zeitzeugen.

Zwischen 1975 und 1985 ereignet sich im Feld der Fotografie Bemerkenswertes: Wichtige Galerien werden gegründet und die Fotografie gelangt mehr und mehr in den Fokus des Kunstmarktes. Seit diesem Zeitpunkt war das Sammeln und Ausstellen von Fotografien in Museen nicht länger eine Ausnahme. Auf der sogenannten Mediendocumenta von 1977 hatte die Fotografie ihren ersten großen Auftritt. Grundlegende wissenschaftliche Bücher erschienen und nicht zuletzt wurde eine Vielzahl von Zeitschriften gegründet. Hierzu gehören sowohl Periodika, die seitdem den wissenschaftlichen Diskurs zum Fotografischen bestimmten (u.a. History of Photography, Fotogeschichte), als auch Journale, die sich an ein breiteres Publikum mit Interesse an Fotografie richteten (u.a. Camera Austria, European Photography, Volksfoto oder Fotokritik).

Zu dieser zweiten Gruppe zählte eine Zeitschrift, die zwischen 1977 und 1985 mit insgesamt 40 Heften erschien und für die ihr Herausgeber Wolfgang Schulz einen ebenso prägnanten wie anspruchsvollen Namen fand: Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst (später Fotografie: Kultur jetzt). Die Zeitschrift scheint heute beinahe vollständig vergessen. Doch die Leistung des Herausgebers und den beitragenden Autor*innen und Fotograf*innen verdient es genauer betrachtet zu werden. Die von ihnen gefundene Mischung aus Bildern und Texten ist eine bedeutende Quelle zur Erkundung einer fotografischen Szene, die um 1980 mit Nachdruck an der Etablierung der Fotografie als einer eigenständigen Kunstform arbeitet. Zugleich besitzen die 40 Hefte von Fotografie auch den Charme des Unabgeschlossenen und sind durch die persönlichen Vorlieben ihres Herausgebers geprägt. Eine konzentrierte Auseinandersetzung mit ihr bedeutet eine Rückkehr zu den Ursprüngen der jüngsten Fotogeschichte in Deutschland, die heute – überraschend genug – weitgehend verschüttet scheint.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Kapitel: Sie würdigt das fotografische Werk von Wolfgang Schulz aus der Zeit um 1980, stellt eine Auswahl der in der Zeitschrift vertretenen Fotograf*innen aus den Beständen des MKG vor, präsentiert alle vierzig Ausgaben der Zeitschrift Fotografie (die in ihrem Nebeneinander ein eindrucksvolles gestalterisches Panorama ergeben) und lässt in Video-Interviews Zeitzeugen im Sinne einer „Oral History“ zu Wort kommen.

Wolfgang Schulz war nicht nur Herausgeber, der es sich als einer der ersten zur Aufgabe macht, „eine vollständige Sammlung der Gegenwartsfotografie mit dem Schwerpunkt auf deutscher Fotografie" vorzulegen, sondern auch ein bemerkenswerter Fotograf. Die Ausstellung zeigt zum ersten Mal überhaupt seine fotografischen Arbeiten aus der Zeit um 1980, die in verschiedenen Serien unterschiedlichen Themen gewidmet sind: Bagger und Bäume, Unterholz und Unterwäsche, Porträts und fotografische Experimente.

Die Werke aus der Sammlung des MKG geben Einblick in das breite künstlerische Schaffen der 1980er Jahre. Heinrich Riebesehl (1938–2010) erkundete in seiner dokumentarischen Serie Agrarlandschaften in Schwarz-Weiß die norddeutsche Landschaft. Wilhelm Schürmann (*1946) näherte sich in ähnlich nüchterner Weise in Serien der Industrielandschaft, der Architektur und der Stadt. Beide suchten ihre Motive in der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, die sie umgab. André Gelpke (*1947) begab sich an die Ränder der Gesellschaft und fotografierte im eigenen Auftrag in seiner Arbeit mit dem Titel Pulverfaß St. Pauli im Sex-Club Salambo im Hamburger Amüsierviertel St. Pauli. Er verstand die Erotiktheater als Spiegelbild der Gesellschaft und als einen Ort, an dem sich die Doppelmoral des Publikums offenbart. Dörte Eißfeldt (*1950) verband in ihrer Arbeit Große Liebe (1980) fotografische Montagetechniken mit dem Prinzip der Serie und schuf in der Dunkelkammer Fotogramme über ihre eigene Lebenswelt. Ihre Position ist der „poetischen Fotografie“ zuzurechnen, wie die Fotografin Verena von Gagern (*1946) die „Darstellung privater Wirklichkeiten“ beschrieb. Von Gagern fotografierte Ende der 1970er Jahre im „emotionalen Raum“ der eigenen Familie, zu der beispielsweise ihre Aufnahme Barbara (1978) zählt.