Japanische Teekeramik ist Kunst, die auch benutzt wird. Herausragende Stücke erhalten sogar von ihren Herstellern, noch häufiger aber von ihren Besitzern einen Namen. Im ritualisierten Umgang mit einzelnen Gefäßen entsteht eine sehr persönliche Beziehung der so genannten Teemenschen (chajin) zu ihren Objekten. Auch die Begeisterung für diese sehr besondere Kunstform verbindet Keramikliebhaber miteinander, so etwa im regelmäßigen Einüben der Teezeremonie (chanoyu, wörtlich „heißes Wasser für Tee“). Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) setzt in der Ausstellung Unter Freunden. Japanische Teekeramik einen Schwerpunkt auf die persönlichen Beziehungen, die sich um diese einzigartigen Keramiken entflechten. Die Ausstellung zeigt rund 100 herausragende Teekeramiken aus der Ostasiensammlung des MKG, darunter Teeschalen, Vasen, Kaltwassergefäße und weitere Tee- Utensilien. Über 50 Objekte erwarb Gründungsdirektor Justus Brinckmann (1843–1915) während seiner Amtszeit (1877–1915) vom Kunsthändler und Sammler Samuel Bing (1838–1905), mit dem er einen intensiven Austausch über japanische Kunst pflegte. Zu sehen ist auch eine Objektgruppe im Stil des berühmten japanischen Keramikers Ogata Kenzan (1663–1743), die Brinckmann besonders schätzte, sammelte und als Erster wisschenschaftlich diskutierte. Er war es, der den Japonismus nach Deutschland brachte, dessen Vermarktung beförderte und eine Begeisterung auslöste, die bis heute anhält. Eine zeitgenössischen Perspektive auf die Sammlung japanischer Teekeramik im MKG nehmen der Keramiker Jan Kollwitz und der Schriftsteller Christoph Peters ein. Das MKG lädt die befreundeten Experten für japanische Teekeramik ein, die Präsentation – auch unter Einbeziehung ihrer eigenen Werke – mitzugestalten. Unter Freunden stellt anhand ausgewählter Exponate die 700 Objekte umfassende Werkgruppe japanische Teekeramik vor, die im Rahmen eines von der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius geförderten Projektes wissenschaftlich erschlossen werden konnte.

Die Ausstellung erstreckt sich über ausgewählte Räume der Ostasien-Präsentation. Ein Bezugspunkt ist das 1978 von der in Kyoto ansässigen Teeschule Urasenke in der ersten Etage des MKG errichtete Teehaus Sh?seian (Hütte der reinen Kiefer). Hier finden seit über vierzig Jahren mindestens einmal die Woche Unterricht im japanischen Teeweg (chad?) und im monatlichen Rhythmus öffentliche Teevorführungen statt. Die japanische Teezeremonie chanoyu rund um den grasgrünen Pulvertee Matcha hat eine Vielzahl an Gerätschaften hervorgebracht, die nur im Teeraum zur Anwendung kommen. Hervorzuheben sind hier die Teeschalen selbst, aber auch das Kaltwassergefäß, Vasen und die vielen verschiedenen Teller, Platten und Schalen für das Essen (kaiseki) während einer Teezusammenkunft. Die Ausstellung stellt einzelne Gerätschaften und ihre Funktion bei einer Teezusammenkunft vor.

Ein weiteres Kapitel der Ausstellung beleuchtet die Sammlung japanischer Teekeramik aus unterschiedlichen Perspektiven und zeichnet nach, nach welchen Kriterien Justus Brinckmann diese Sammlung aufgebaut hat. Eine wichtige Rolle spielte hier der Sammler Samuel Bing, von dem Brinckmann über 50 Keramiken erwarb. 1838 als Siegfried Bing in Hamburg geboren, ließ sich der Kunsthändler 1876 als Samuel Bing in Frankreich einbürgern, wo er ab 1878 eine Galerie für Ostasiatika betrieb. Seine 1895 eröffnete zweite Galerie Maison de l‘Art Nouveau gab dem französischen Jugendstil seinen Namen. Vermutlich konnte Brinckmann die meisten Stücke aus der Sammlung Bing erwerben, als dieser sich von der japanischen Kunst ab- und der Glas- und Keramikproduktion des Jugendstils zuwandte.

Zwischen 1888 und 1891 gab Bing das äußerst aufwendig gedruckte Monatsmagazin Le Japon artistique, documentsd’art et d’industrie heraus, das auch als Artistic Japan in England und Amerika und unter dem Titel Japanischer Formenschatz in deutscher Ausgabe erschien, betreut von Justus Brinckmann. Bing und seine renommierten Mitstreiter, die häufig nicht nur ihr Wissen, sondern auch ihre Werke zur Bebilderung der Zeitschrift zur Verfügung stellten, erhofften sich dadurch eine internationale Popularisierung der japanischen Kunst. Bei allem Erfolg stieß das Magazin jedoch auch auf Widerstand. Bing wurden zwar gute Absichten, aber ein noch größerer Wille zur Vermarktung seiner eigenen Ostasiatika unterstellt. Die wissenschaftliche Erschließung und Vermarktung japanischer Kunst erfolgten hier Hand in Hand über enge persönliche Netzwerke, die sich quer durch die europäische Sammlerlandschaft zogen.

Deutlich wird dieses Zusammenspiel zwischen Markt, Wissenschaft und Sammeln auch an den Keramiken im Stil des Ogata Kenzan in der Sammlung des MKG. Es ist bezeichnend für Brinckmanns Herangehensweise, dass er die zusammengetragenen Stücke umgehend in einer weltweit ersten Studie zu Ogata Kenzan publizierte (Kenzan. Beiträge zur Geschichte der japanischen Töpferkunst, 1897). Diese ließ sich der Sammler Charles Lang Freer (1854–1919) ins Englische übersetzen und entwickelte u.a. darauf aufbauend seine eigene Kenzan-Sammlung, die sich heute in derFreer Gallery, Smithsonian Institution, Washington, D.C., befindet.

Die Freunde Jan Kollwitz (*1960) und Christoph Peters (*1966) verbindet die gemeinsame Leidenschaft für Teekeramik. Jan Kollwitz brennt seit über 30 Jahren seine Keramik in einem japanischen anagama-Holzbrennoffen in Cismar in Schleswig-Holstein. Gelernt hat er die aufwendige Technik in Echizen, einem der sogenannten Sechs alten Öfen Japans. Kollwitz‘ Keramiken folgen formell und technisch den japanischen Vorbildern, wobei der Ofen mit dergroßen Brennkammer, stapelbaren Brennkapseln und einer Luke zum Herausziehen einzelner Stücke eine große Gestaltungsvielfalt ermöglicht. Abgesehen von wenigen glasierten Stücken erhalten die meisten Keramiken erst während des vier Tage und Nächte dauernden Brandes natürliche Ascheanflug-Glasuren. Kollwitz bringt seine Keramiken mit Stücken aus der Sammlung des MKG in einen Dialog. Der Ofenbau in Cismar durch einen japanischen Ofenbaumeister ist wiederum Grundlage für Christoph Peters Roman Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln (2014). Auch für den Band Japan beginnt an der Ostsee. Die Keramik des Jan Kollwitz (2017) trägt Peters die Texte bei. Peters selbst praktiziert chanoyu, sammelt japanische Teekeramik und erzählt von seinen umfangreichen Erfahrungen mit Tee in all seinen Facetten in dem Werk Diese wunderbare Bitterkeit. Leben mit Tee (2016). Im Rahmen der Ausstellung wird er einen Raum nach seinen individuellen Vorstellungen mit japanischer Teekeramik gestalten.