Henrike Naumann (*1984 in Zwickau, lebt in Berlin) beschäftigt sich in ihren filmischen sowie installativen Werken mit den Folgen der Wiedervereinigung undanalysiert die deutsch-deutsche Geschichte mitsamt ihrer gesellschaftlichen Spuren, die sich, gleich einem formal-ästhetischen Vokabular, in vielerlei Dingen bei sensibler Betrachtung finden lassen. Wie kaum eine andere Künstlerin ihrer Generation beschäftigt sich Henrike Naumann mit Fragen der Repräsentation von Machtverhältnissen unseres Staates sowie aktueller Forschung und Analyse unserer Gegenwart.

Die Künstlerin studierte Bühnenbild an der Kunstakademie in Dresden, anschließend Szenenbild an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg und begründete ihren Übergang zur Bildenden Kunst mit der Möglichkeit, das Publikum unmittelbarer in Räume hineinzuversetzen. Alle Elemente eines Interieurs, alle Möbel und Accessoires einer räumlichen Einrichtung arbeiten daran, das Publikum einzunehmen, ganz im Sinne einer immersiven Raumerfahrung. Dabei operiert Naumann mit einer beinahe per den Nutzung der Erfahrungen, Bewertungen und Vorurteile des Publikums.

Mit ihrer ersten musealen Ausstellung im Museum Abteiberg 2018 mit dem Titel »2000« fokussierte die Künstlerin die Folgen und Errungenschaften der Postmoderne im Bezug zu der Museumsarchitektur von Hans Hollein. Ihre Ausstellung stellte den Ausgangspunkt dar für eine kritische Betrachtung der 1990er Jahre in Ost- und Westdeutschland und der Nachwirkungen postmodernen Designs auf die deutsche Gesellschaft, die bereits lange in den Werken Naumanns eine Rolle spielen. Basierend auf ihren Überlegungen verwandelt sich die Ausstellungshalle des Museums in einen sonderbaren ‚Deutschen Pavillon‘, eine Grabungsstätte, in der die Trümmer der Postmoderne und der Deutschen Einheit versammelt wurden. Inzwischen wanderten Teile der Ausstellung auf die Bus-an Biennale nach Südkorea und sollen nun durch neue Möbel und andere Requisiten ergänzt werden und in Hannover an jenen Ort zurückkehren, der im Jahr 2000 das wiedervereinigte Deutschland auf der Expo repräsentierte. Die Arbeiten, die um die Themen der Expo 2000 und dem Terror 2000, Treuhand und Love Parade, Gerhard Schröder und Dr. Motte, Generation Golf und Möbel Höffner, kreisen werden um die politische Dimension der Treuhand – ausgehend von der Doppelfunktion von Birgit Breuel, deren Portrait aus den Arabischen Emiraten als eins der vielen Gastgeschenke im privat betriebenen »EXPOSEEUM« in Hannover zu sehen ist – erweitert und vertieft. Die deutsche Gesellschaft um die Jahrtausendwende, mit ihren verblichenen Verheißungen und Aufstiegsversprechen, wird von der Künstlerin einer schmerzvollen Prüfung unterzogen, die ihren stärksten Widerhall in der Banalität der deutschen Wohn- und Schlafzimmer findet, wo sich radikale politische Tendenzen und gesellschaftliche Machtverhältnisse untrüglich im Interieur verorten lassen.

Zusätzlich zu der Ausstellung in den Räumen des Kunstvereins wird gemeinsam mit Henrike Naumann ein performativ-diskursives Programm entwickelt, das auf dem Gelände des Deutschen Pavillons auf dem Expo-Gelände stattfinden soll. Der Pavillon steht wie kein anderer für die Expo 2000, aber auch für die Frage der Nachnutzung sowie des Scheiterns von Repräsentationsideologien. Heute gehört das Gebäude der Stadt Hannover und wird für weitere Flüchtlingsströme bereit gehalten – es ist ein Ort entstanden, den nicht mal die Künstlerin selbst hättepräziser inszenieren können.