Das Georg Kolbe Museum präsentiert mit der Ausstellung „Bunte Steine“ drei herausragende Positionen zeitgenössischer Kunst. Die Schau zeigt rund 30 Werke der Bildhauer William Tucker und Kai Schiemenz sowie des Malers Stefan Guggisberg. Sie greift den Gedanken einer Sammlung von Steinen auf, wie ihn Adalbert Stifter in seinem 1853 erschienenen Erzählungsband „Bunte Steine“ verfolgt hat. Darin trägt jede Geschichte den Namen eines Steines: Granit, Kalkstein, Turmalin, Bergkristall, Katzensilber und Bergmilch. In den Erzählungen sind sie Dreh- und Angelpunkte für die geschilderten Verläufe des menschlichen Lebens im Zusammenspiel mit der Natur. Einer Steinsammlung gleich sind auch die in der Ausstellung gezeigten Werke: Wiederholt greifen die drei Künstler in ihren Arbeiten das Motiv des Steins auf. Ob als gegossener Bronzekoloss bei Tucker, als fragiles Glasobjekt bei Schiemenz oder aus Farbpartikeln sich Zusammenfügendes bei Guggisberg: Hier treffen die elementaren Gegensätze von Einfachheit und Erhabenheit, Massivität und Zartheit aufeinander. Die kraftvollen und zugleich stillen Werke konfrontieren ihr menschliches Gegenüber durch ihre starke Präsenz im Raum mit seinem In-der-Welt-Sein. Diese existenzielle Auseinandersetzung ist fortwährend aktuell und universal und auch deshalb in einer Zeit immer flüchtigerer Werte gesellschaftlich relevant.

Der gebürtige Brite und seit den 1980er-Jahren in den USA arbeitende William Tucker (*1935) ist international einer der anerkanntesten Bildhauer seiner Generation. Seine Werke sind in zahlreichen Sammlungen renommierter Museen wie dem British Museum und der Tate Gallery in London, dem Guggenheim Museum oder dem Metropolitan Museum of Art in New York vertreten. Mit „The Language of Sculpture“ (1974) publizierte Tucker zudem eine einflussreiche Abhandlung über die Bildhauerei der Moderne. In der Ausstellung werden die sogenannten „Köpfe“ präsentiert, die überwiegend zwischen 1997 und 2000 entstanden sind. Sie tragen poetische Titel („Icarus“, „Sleeping Musician“, „Persecutor“, „The Hero at Evening“, „A Poet of Our Time“, usw.) und kennzeichnen Tuckers Interesse an Geschichte und Erinnerung, Literatur und Poesie. Die massiven Bronzekörper Tuckers zeugen von einer kraftvollen Sprache zwischen Figuration und Abstraktion: So sind auch die „Köpfe“ keine Porträts im eigentlichen Sinne. Menschliche Körperformen und geologische Gesteinsformationen sind darin gleichermaßen motivisch enthalten.

Tuckers Werke treffen in der Ausstellung auf großformatige Malereien des Schweizer Künstlers Stefan Guggisberg (*1980), der in den zurückliegenden zehn Jahren ein beeindruckendes Werk mit eigenständiger Formensprache entwickelte. Schweizer Museumssammlungen wie das Kunstmuseum Bern und das Kunstmuseum Thun würdigten es bereits mit Ankäufen. Guggisberg schafft in seinen Ölarbeiten auf Papier berauschende Farbräume, in denen er sich wiederkehrend mit dem Motiv des Steins auseinandersetzt. In einer besonderen Technik trägt er die Farbe Schicht für Schicht auf das Papier auf, um sie in einem nächsten Schritt mit einem Radiergummi teilweise zu entfernen. Der Künstler zeichnet seine Motive somit direkt in die Farbschicht. Seine brillante Malerei lotet die Pole zwischen Schärfe und Unschärfe aus und schafft dadurch faszinierende atmosphärische Sinneseindrücke.
Wiederkehrend spielen Guggisbergs Motive mit der Illusion, Ansichten von Mikro- und Makrokosmen oder Beobachtungen eines Naturereignisses zu sein. Nie aber suchen sie ein tatsächliches Abbild der Natur.

Kleinere Ölmalereien des Schweizers treten in den Ausstellungsräumen mit den Glasskulpturen von Kai Schiemenz (*1966) in Dialog. Schiemenz gehört zu einer jüngeren Künstlergeneration, die das klassische Medium der Skulptur und seine vielschichtige Dimension in einem Resonanzraum des 21. Jahrhunderts weiterdenkt. Seine Werke waren international in Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten.
Der Künstler arbeitet seit vielen Jahren mit Glas. Aus Felsen geschlagene Bruchsteine überträgt er in diesen besonderen Werkstoff. Die lichtdurchlässige Qualität des farbigen Glases verleiht ihnen Edelsteincharakter und lenkt den Blick in eine beseelte Tiefe. Der Ursprung der Skulpturen, Stein gewesen zu sein, bleibt durch die nur partiell veränderte Form sichtbar. Durch das Material erfahren die Objekte eine neue Dimension, die dem Betrachter ermöglicht, in sie hineinzusehen. Eigens für die Ausstellung hat Schiemenz zwei weitere Arbeiten aus Kunststoff geschaffen, in denen er die menschliche Figur integriert. Die „Erzählung“ der Steine wird dadurch um ein wichtiges Gegenüber ergänzt.

Von den Kuratorinnen wurden zwei weitere Kunstschaffende zur künstlerischen Beteiligung eingeladen: Die Schriftstellerin Anja Kampmann (*1983) verfasste für den Katalog einen lyrischen Text mit dem Titel „Wie Falter über dem Moor so still“. Dieser tangiert auf subtile Weise die ausgestellten Werke. Der Soundkünstler Toni Quiroga (*1988) hat für die Ausstellung ein Stück komponiert, das durch die Rückkoppelung zwischen Pyriten und resonierenden Metallplatten erklingt. Es wird im am 04. April 2019 im Museum uraufgeführt.

Kuratiert wird die Ausstellung von Katherina Perlongo und Dr. Elisa Tamaschke, die von 2016–2018 als wissenschaftliche Volontärinnen am Georg Kolbe Museum tätig waren.


Stefan Guggisberg wurde 1980 im Schweizerischen Thun geboren. Er lebt und arbeitet in Leipzig. Nach einer Ausbildung zum Grafiker an der Schule für Gestaltung in Biel studierte er Fotografie und Malerei an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Timm Rautert und Neo Rauch. Die Ausbildung schloss er mit einem Meisterschülerstudium bei Neo Rauch ab. Stefan Guggisberg wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Kulturpreis der Stadt Thun (2015) und dem Kulturförderpreis der Rotary Stif- tung Schweiz (2004). Stipendien erhielt er von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen (2013) und verschiedenen Schweizer Institutionen, darunter die Kunstgesellschaft Bern (Aeschliman-Corti-Stipendium, 2013). Seit 2003 werden Werke von Stefan Guggisberg regelmäßig im Rahmen von Gruppen- und Einzelausstellungen in der Schweiz und in Deutschland präsentiert, so etwa im Kunstmuseum Bern, Kunstmuseum Thun, Centre Pasquart Biel, in der Kunsthalle Bern und in der Städtischen Galerie Karlsruhe.


Anja Kampmann wurde 1983 in Hamburg geboren und lebt in Leipzig. Sie studierte an der Universität Hamburg und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie veröffentlichte in Zeitschriften, u. a. in Akzente, Neue Rundschau, Wespennest, und im Jahrbuch der Lyrik. 2013 wurde sie mit dem MDR Literaturpreis und 2015 mit dem Wolfgang Weyrauch- Förderpreis beim Literarischen März in Darmstadt ausgezeichnet. Im Hanser Verlag erschienen ihr Gedichtband „Proben von Stein und Licht“ (Edition Lyrik Kabinett, 2016) sowie ihr Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“ (2018). Mit diesem war Anja Kampmann im Frühjahr 2018 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und stand auf der Long List für den Deutschen Buchpreis 2018. Im selben Jahr wurde sie mit dem Mara-Cassens-Preis und dem Lessing-Förderpreis ausgezeichnet.


Kai Schiemenz wurde 1966 in Erfurt geboren. Er lebt und arbeitet in Berlin, wo er an der Universität der Künste unterrichtet. Sein Studium absolvierte er an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin sowie an der dortigen Universität der Künste in der Meisterklasse von Lothar Baumgarten. Er wurde mit zahlreichen Stipendien ausgezeichnet, darunter Arbeitsstipendien des Berliner Senats (2001, 2004), das Künstlerstipendium der Villa Aurora in Los Angeles (2005), ein Arbeitsstipendium der Stadt Madrid (2006) sowie ein Kulturaustauschstipendium für New York (2010). 1999 war er Preisträger des renommierten GASAG Kunstpreises, Berlin. Kai Schiemenz‘ Werk ist regelmäßig in zahlreichen nationalen und internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen, u. a. im Mies van der Rohe Haus, Berlin, in der Städtischen Galerie in Wolfsburg, MARTa Herford, UBE Biennale (Ube City, Japan), Berlinische Galerie sowie in der Villa Romana (Florenz).


William Tucker wurde 1935 in Kairo geboren. Er lebt und arbeitet in Williamsburg, Massachusetts (USA). Er studierte an der University of Oxford, am St. Martin’s College of Art & ign in London sowie in der University of Leeds. Tucker hat an zahlreichen renommierten Universitäten in England und den USA unterrichtet, darunter das Goldsmith’s College in London, das St. Martin’s College of Art & Design in London sowie an der Columbia University in New York. Von 1980 bis 1981 war er Stipendiat des Guggenheim Fellowship. Seit den 1960er-Jahren sind seine Werke in zahlreichen internationalen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt worden. 1972 stellte Tucker im Britischen Pavillon auf der Biennale in Venedig aus. Im Jahr 2010 wurde sein Lebenswerk mit dem Lifetime Achievement Award des International Sculpture Center, Hamilton (NY) ausgezeichnet. William Tuckers Werke befinden sich in renommierten Sammlungen, wie dem British Museum, London, dem Guggenheim Museum, New York, Metropolitan Museum of Art, New York, der Tate Gallery in London und dem Rijksmuseum in Amsterdam.


Toni Quiroga, 1988 geboren, lebt und arbeitet als Sound-Künstler in Berlin. Er studierte zwischen 2013 und 2016 Sound Art & Design an der University of the Arts in London und absolvierte 2017 sein Masterstudium in Digital Culture an der Goldsmith‘s College in London. In seinen audiovisuellen Installationen erforscht er die Korrelation zwischen obsoleten und neuen technologischen Medien. Für diese künstlerischen Versuchsanordnungen verwendet er organische Elemente wie Steine, Rückstände aus der Erde oder auch vom Menschen erzeugten Abfall. Seine Werke waren international auf verschiedenen Festivals, u. a. in Bergen, London, Bozen und Manizales (Kolumbien), zu sehen.

William Tucker, The Hero at Evening, 2000 und Homage to Rodin (Bibi), 1999, Foto_Enric Duch
23.02. - 01.05.2019

Bunte Steine. William Tucker, Kai Schiemenz, Stefan Guggisberg

Georg Kolbe Museum

Sensburger Allee 25
14055 Berlin