Contemporary Muslim Fashions ist die weltweit erste umfassende Museumsausstellung, die sich dem Phänomen der zeitgenössischen muslimischen Mode widmet. Die Schau wurde an den deYoung Fine Arts Museums in San Francisco inhaltlich erarbeitet und von Max Hollein initiiert. Das Museum Angewandte Kunst ist ihre erste Station in Europa.

„Es gibt Menschen, die glauben, dass es unter muslimischen Frauen überhaupt keine Modegibt, aber das Gegenteil ist der Fall. Das wird durch die modernen, lebendigen und außergewöhnlichen Modeszenen deutlich, besonders in Ländern mit muslimischer Mehrheit“, sagt Max Hollein, ehemaliger Direktor und CEO der Fine Arts Museums of SanFrancisco. „Contemporary Muslim Fashions ist eine überfällige, dringend notwendige Untersuchung eines facettenreichen Themas, das von Museen bisher noch nicht weitgehenderforscht wurde.“

Bei der Auswahl von Designer*innen haben sich die Kuratorinnen besonders auf den Nahen und Mittleren Osten, Malaysia und Indonesien sowie Europa und die USA konzentriert.Contemporary Muslim Fashions nimmt die vielfältigen, in diesen unterschiedlichen Ländern regional geprägten aktuellen Interpretationen muslimischer Bekleidungstraditionen in den Blick und zeigt dabei nicht nur regionale Besonderheiten, sondern macht auch die Gemeinsamkeiten sichtbar. Sie präsentiert sich als eine Momentaufnahme dieses Modephänomens, das gesellschaftliche, religiöse, soziale und politische Aspekte in sich trägt. Die Ausstellung zeigt einerseits, wie Musliminnen ihre je eigenen modischenVorstellungen von „Modest Fashion“ umsetzen, und andererseits, wie internationaleModeunternehmen mit eigenen Kreationen auf die zunehmende Nachfrage nicht nurmuslimischer Frauen nach „dezenten“, weniger körperbetonten und zugleich modischen Styles reagieren.

„Mode zeigt sich von ihrer besten Seite, wenn sie sich sowohl an die Bedürfnisse derGesellschaft anpasst als auch ihre sozialen und politischen Unterströmungen widerspiegelt“, sagt Jill D'Alessandro, Kuratorin für Kostüme und Textilkunst an den Fine Arts Museums of San Francisco. „In diesem transformativen Moment finden wir jetzt Modest Fashion."

Neben rund 80 Ensembles von etablierten und aufstrebenden Designer*innen aus den Bereichen Luxus-Mode, Streetwear, Sportswear und Couture umfasst Contemporary Muslim Fashions zahlreiche Kunst-, Dokumentar- und Mode-Fotografien, die die ausgestellten Kleidungsstücke kontextualisieren. Die Ausstellung präsentiert außerdem Material aus den Sozialen Medien, da die Modest Fashion Bewegung durch eine junge und dynamische Community von Blogger*innen und Influencer*innen getragen wird. Sie greifen zu den Social- Media-Tools, weil Sie sich in den traditionellen Printmedien nur wenig und nicht adäquat vertreten fühlten.

Contemporary Muslim Fashions wurde von Jill D'Alessandro, Kuratorin für Kostüme und Textilkunst, und Laura L. Camerlengo, stellvertretende Kuratorin für Kostüme und Textilien an den Fine Arts Museums of San Francisco, kuratiert. Reina Lewis, Professorin für Kulturwissenschaften am London College of Fashion, University of the Arts London, war beratende Kuratorin. Am Museum Angewandte Kunst wird die Ausstellung koordiniert von Direktor Prof. Matthias Wagner K und Dr. Mahret Ifeoma Kupka, Kuratorin für Mode, Körper und Performatives. Nach dem Ende der Ausstellung in Frankfurt am Main reist die Ausstellung weiter und wir u. a. im Cooper Hewitt Smithsonian Design Museum in New York gezeigt.

Die Ausstellung im Detail
In den letzten Jahren ist das Bewusstsein der muslimischen Konsument*innen als wichtiges Segment innerhalb der globalen Modebranche gestiegen. Mit mehr als 1,8 Milliarden praktizierenden Muslim*innen weltweit ist die Vielfalt der Kleidungsstile sehr nuanciert. Im Westen ist das Bild von muslimischen Frauen jedoch oft sehr einseitig. San Francisco und Frankfurt sind als Standorte besonders geeignet, um das Thema dieser Ausstellung vorzustellen. Beide Städte zeichnen sich durch eine große kulturelle und ethnische Diversität aus. In der Bay Area leben heute rund 250.000 Muslim*innen. Das deYoung Fine Arts Museum liegt damit in einer Region mit einer der größten muslimischen Gemeinden der USA. Frankfurt ist als ein zentraler Handelsknotenpunkt in Europa mit einem Bevölkerungsanteil von derzeit erfassten 53 Prozent Ausländer*innen und Deutschen mit sogenanntem Migrationshintergrund eine der internationalsten Städte Deutschlands. Sichtbare Muslim*innen zählen seit Jahrzehnten sowohl in San Francisco als auch in Frankfurt selbstverständlich zum Stadtbild.

Gleich zu Beginn der Ausstellung taucht man anhand einer großen Auswahl an Ensembles in die Welt der Modest Fashion ein. Die Kombination aus stilvollen Entwürfen und unterschiedlichen Graden von Bedeckung hat in den letzten Jahren in der westlichen Modewelt eindrückliche Spuren hinterlassen. Auf dem Markt für Modest Fashion treffen heute sowohl aufstrebende als auch etablierte muslimische und nichtmuslimische Modedesigner*innen auf international agierende westliche Mode-Unternehmen, die die Größe des Marktes für sich erkannt haben und entsprechende Modest Fashion-Kollektionen produzieren. Auf diesem Markt werden jährlich etwa 44 Milliarden Dollar umgesetzt. Zusätzlich finden weltweit Modest Fashion-Weeks statt, die Designer*innen Bühnen für ihre Kollektionen bieten, während zugleich immer mehr muslimische Modest Fashion-Designer*innen Einzug in die Welt der westlichen Mainstream-Mode halten. Der Aufstieg dieses Modesektors wird oft im Zusammenhang mit der Kaufkraft muslimischer Frauen gesehen, aber auch einer Generation von selbstbestimmten jungen Musliminnen zugeschrieben, die als Modeblogger*innen und Influencer*innen in den Sozialen Medien aktiv sind und neue Narrative muslimischer Frauen prägen.

Die Ausstellung erkundet verschiedene Formen des Bedeckens und beschäftigt sich dabei insbesondere mit Kopfbedeckungen. Hierbei ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass nicht alle muslimischen Frauen ein Hijab (Kopftuch) und noch weniger einen Nikab (Gesichtsschleier) tragen. Tatsächlich ist die Zahl der muslimischen Frauen, die in den Vereinigten Staaten und in Deutschland regelmäßig ein Kopftuch tragen, in den letzten zehn Jahren bei etwa 40% geblieben. Das Kleidungsstück wird aus verschiedenen Gründen getragen, dazu zählen persönliche Frömmigkeit, Gemeinschaftskonventionen oder eine Vielzahl von politischen Positionen.

Die Fotografien von Künstler*innen wie Alessia Gammarota, Rania Matar und Tanya Habjouqa zeigen den hohen Grad an Vielfalt der Kopfbedeckungen (und deren Fehlen) in verschiedenen Regionen, bei Generationen und Individuen. Kritisch beleuchtet wird die Thematik durch Fotografien von Hengameh Golestan von 1979. Als die islamische Revolution im Jahr 1979 den letzten persischen Monarchen seines Amtes enthob, begann sie sich der Dokumentation der Unruhen in ihrer Heimatstadt Teheran zu widmen. Am 8. März des Jahres 1979, dem internationalen Frauentag, nahm sie die hier ausgestellten Bilder auf, als„Dokumentation der Demonstrationen von Frauen gegen die gesetzlichen Veränderungen, die im Zusammenhang mit der Ausrufung der islamischen Republik in Kraft getreten waren.Eine dieser Regelungen bestand in der Verschleierungspflicht für Frauen [...] an allen öffentlichen Orten.“ Die Proteste dauerten mehrere Tage an und zogen hunderttausende Frauen an. Die Bilder, die an diese Proteste erinnern, haben in letzter Zeit im Zusammenhang mit den neuerlichen Protesten gegen die Verschleierungspflicht im Iran erneut an Bedeutung gewonnen. So sieht man neben Golestans Fotografien ein Twitter- Video von Vida Movahedi, die gegen die verpflichtende Kleiderordnung im Iran protestiert.

Der regionale Fokus der Ausstellung liegt bei muslimisch-geprägten Ländern: Zunächst blickt die Ausstellung dabei auf den Nahen und Mittleren Osten und präsentiert hier Arbeiten von Designer*innen wie Faiza Bouguessa, Mashael Alrajhi und Wadha Al Hajri, die regionale Kleidung als Grundlage für ihre eigenen Designs nehmen. Die traditionelle Abaya - ein einfaches, lockeres schwarzes Kleidungsstück, das den Körper vom Hals bis zu den Füßen bedeckt - wurde von Designer*innen, deren Erfahrungen durch ihren eigenen transkontinentalen Lebensstil und ihre Modeausbildung beeinflusst wurden, zeitgemäß aktualisiert. Mit einer jahrhundertealten Geschichte offenbaren die heutigen Abayas das Vermischen von regionalen Textiltraditionen und globalen Modetrends zu neuen Kleidungsstücken, die sowohl das lokale als auch das globale Publikum ansprechen.

Eine Auswahl von Kleidungsstücken von Muslim*innen, die heute in den Vereinigten Staaten und im Vereinigten Königreich leben, wie z.B. Céline Semaan Vernon von Slow Factory aus Brooklyn und Saiqa Majeed von Saiqa London, zeigt, wie Migration und Verlagerung auch soziale und religiöse Praktiken und Kleiderordnungen prägen. So hat Slow Factory kürzlich eine Partnerschaft mit der American Civil Liberties Union (ACLU) geschlossen, um eine Sammlung als direkte Reaktion auf das "muslimische Verbot" von Präsident Trump zu erstellen. Um die Entwicklung der muslimischen Konsumkultur zu erforschen, präsentiert ein weiterer Teil der Ausstellung erschwinglichen Luxus, schnelle Mode und Sportbekleidung, die eine Modest-Fashion-Kundschaft ansprechen, darunter Designs von Sarah Elenany und Barjis Chohan, sowie Nikes Pro Hijab und ein Burkini von Shereen Sabet.

Weiter erkundet Contemporary Muslim Fashions die reichen Textil- und Kostümtraditionen Indonesiens, einem Land mit einer der größten muslimischen Bevölkerungen weltweit. Designer*innen wie Itang Yunasz, Khanaan Luqman Shamlan und NurZahra verarbeiten in ihren modischen Designs luxuriöse Stoffe in leuchtenden Farben und komplexen Mustern. Mit Labels wie z.B. Blancheur werden ähnliche Trends im benachbarten Malaysia vorgestellt, wo Social-Media-Plattformen und Onlineshops einen schnell-wachsenden Markt für Schönheit, Technologie, Lebensmittel und Mode im Rahmen des Halal – eine Bezeichnung für alle Dinge und Handlungen, die nach islamischem Recht zulässig sind – bedienen. Hier werden auch führende Designer*innen wie Melinda Looi, Bernard Chandran und FIZIWOOO vorgestellt, die maßgeschneiderte Looks hervorgebracht haben, die sich an die hohe Nachfrage durch eine muslimische Elite wenden.

„Die transnationale Reichweite von muslimischer Modest Fashion ist erstaunlich“, sagt die beratende Kuratorin Reina Lewis, Professorin für Kulturwissenschaften am London College ofFashion. „In muslimisch geprägten Ländern sowie Minderheitskontexten innerhalb derDiaspora lassen sich muslimische Modest Fashion Fans von einem Angebot globaler muslimischer Mode aus der Vergangenheit und Gegenwart inspirieren, um neue Formen einer „Fusionsmode“ zu schaffen, die sie dann mit der Welt durch Social-Media Kanäle und im Familien- und Communitykontext teilen."

Durch die Ausstellung hinweg ist eine Auswahl von Werken von Künstler*innen verteilt, wie u. a. Wesaam Al-Badry und Shirin Neshat, die sich kritisch mit Bekleidungsvorschriften, patriarchalen Strukturen, Fremdbestimmung und -zuschreibungen auseinandersetzen. Auf den drei Fotografien der Serie Al-Kouture (2017) von Wesaam Al-Badry (*1984) sieht man Frauen, die einen Nikab (Gesichtsschleier) tragen, die jeweils aus Seidentüchern der ikonischen Highendmarken Chanel, Valentino und Gucci gefertigt sind. Für den im Irak geborenen Künstler, der in den 1990er Jahren in den mittleren Westen der USA umsiedelte, offenbart die Serie ein Spannungsverhältnis zwischen okzidentaler und Arabisch-islamischer Ideologie, das durch die westliche Konsumkultur geprägt wird und Einfluss auf die traditionelle muslimische Kultur nimmt. Die Dissonanz zwischen seinen Erfahrungen im Mittleren Osten und denen in der Mitte Amerikas lotet Al-Badry mithilfe seiner Arbeiten aus, indem er gängige Vorstellungen von Identität, Krieg und Islamfeindlichkeit thematisiert.

Die Arbeit Turbulent (1998) ist wiederum Teil einer Video-Trilogie der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, in der sie die Spannungen zwischen weiblicher und männlicher Erfahrung sowie zwischen individueller Identität und Gruppenidentität nachspürt. Die Künstlerin arbeitete mit iranischen Künstler*innen und Musiker*innen im Exil zusammen. Während der Sänger Shoja Azari vor einem großen Publikum ein Lied über Erotik und geistliche Sehnsucht darbietet, steht die Sängerin Sussan Deyhim in einem schwarzen Tschador gekleidet in einem leeren Theatersaal und singt mit heiserer Stimme eine eigens komponierte Melodie, die ohne Worte auskommt. Damit verweist die Künstlerin nicht zuletzt auf ein im Zuge der islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 verhängtes Verbot, nach dem Frauen nicht mehr in der Öffentlichkeit singen durften.

Der letzte Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit Highend-Fashion, die an die unterschiedlichen Bedürfnisse muslimischer Frauen angepasst wurden. Seit der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sind wohlhabende muslimische Kunden wichtige Gönner der Pariser Couture-Häuser. Getreu dem Geist der Couture, zeigt diese Branche seit langem die Bereitschaft, ihre Kreationen an die Bedürfnisse von Kunden anzupassen, die sich weniger körperbetont kleiden wollen. Heute setzt sich diese Tradition unter den westlichen Modedesigner*innen fort, die spezielle Kollektionen für Ramadan und Eid anbieten. Hierzu zählen z.B. Oscar de la Renta, sowie internationalen Marken, die Modest Capsule Collections wie z.B. The Modist anbieten.

Der wachsende Wunsch muslimischer Frauen nach dezenter und stilvoller Mode hat zu einem Markt geführt, der vielfältige Bedürfnisse über die muslimischen Gemeinschaften hinaus bedient. Zugleich wächst die Zahl nicht-muslimischer Frauen, die auf als
„modest“ gelabelte Kleidung einschlägiger Modehäuser zurückgreifen, weil sie die dezentereKörperbetonung schätzen und/oder dies als emanzipatorischen Akt gegenüber einem westlichen, körperfokussierten Idealbild von Frauen verstehen. Denn „Modest Fashion“ istnicht gleichbedeutend mit dem Tragen eines Kopftuchs, einer Burka oder eines Nikab. Modest Fashion ist auch nicht zwingend mit Religiosität – egal welcher Art – in Verbindung zu bringen, sondern entspricht einer gewissen Vorstellung vom (Nicht-)Zeigen von Körperlichkeit. Mit Blick auf die Ausstellung bringt Max Hollein dies auf den Punkt, wenn ersagt: „Mode ist die extrovertierte Ausdrucksform eines kulturellen Zustands. Der Rest ist eine Frage der Perspektive.“

Als erstes Museum in Europa und als einzige Station in Deutschland, hat das Team des Museum Angewandte Kunst eine Erweiterung der Ausstellung entwickelt, die sich explizit mit dem Phänomen aktueller muslimischer Mode im deutschsprachigen Raum beschäftigt. Zu sehen sind Ensembles der Designer*innen Naomi Afia (Wien), Feyza Baycelebi (Berlin/Istanbul), Imen Bousnina (Wien) und Mizaan (Mannheim). Neben dem englisch-sprachigen Katalog, der auch im Museum Angewandte Kunst erhältlich sein wird, erscheint eine deutschsprachige Publikation mit Übersetzungen von ausgewählten Texten aus dem englischen Katalog sowie neuen Beiträgen, die das Thema der Ausstellung präziser auf den deutschsprachigen Kontext beziehen.

Die Ausstellung wird gefördert von der Ernst Max von Grunelius-Stiftung und dem Bankhaus Metzler sowie unterstützt von BONAVERI.