Den Auftakt der Videoreihe »Ozeanische Gefühle« macht der Film »Grosse Fatigue« der in New York lebenden Französin Camille Henrot (1978 in Paris geboren). Er wurde in Venedig mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet. »Grosse Fatigue«, die »Große Müdigkeit« oder »Große Ermüdung« entstand im Rahmen eines Forschungsstipendiums in einem der weltweit größten Museumskomplexe, dem Smithsonian Institute in Washington.

Das dort inspirierte enzyklopädische Video erzählt von dem obsessiven Forscherdrang, das Geheimnis des Lebens verstehen zu wollen. Henrot verbrachte Stunden am Computer, um mehr über die Fundstücke in den Archiven zu erfahren. Mit aufpoppenden Bildschirmfenstern auf ihrem Computermonitor und einer großartigen Bilder- und Wortflut rappt sie ihre eigene durchgestylte Version der Geschichte des Universums.

Für ihren fulminanten Film »Grosse Fatigue« recherchierte Camille Henrot monatelang in den ausufernden Sammlungen des Museum of Natural History und des National Museum of the American Indian in Washington. 

Der Film beginnt mit dem Foto einer Galaxie auf einem Computermonitor. Ein Ordner wird geöffnet und eine wahre Bilderflut nimmt seinen Lauf. Rhythmische Schläge locken den Zuschauer in ein rasantes Schöpfungspanorama hinein. Henrot kombiniert verschiedene, durchaus widersprüchliche Entwicklungsgeschichten und Ideen vom Werden und Vergehen miteinander. Mit immer mehr aufpoppenden Bildschirmfenstern klickt sie sich von Frage zu Fakt zu Phänomen, von Wikipedia zu Aufnahmen in den Archiven, von präparierten Vögeln zu ethnografischen Objekten, von Charles Darwin zum Atomphysiker Robert Oppenheimer, von archaischen Relikten zu digitalen Apparaten und psychischen Krankheiten.

Die Dichte der Informationen beschleunigt sich. Mal öffnen sich zwei, drei Fenster, mal viele hintereinander, sie überlappen sich in Mustern, ergänzen oder widersprechen sich. Sie schließen sich zu schnell, um erfasst zu werden. Videosequenzen kommen hinzu. Henrot ordnet ihre Fundstücke mal nach Farben, mal nach Muster, mal nach Gattung. So führt sie die Grenzenlosigkeit des Wissens, dessen unendliche Vielfalt und unerschöpflichen Gegenstände vor.

Ein rasanter Rap sampelt indianische Mythen, religiöse Ursprungsgeschichten und Evolutionstheorien. Die beschwörenden Worte des Erzählers und die Dramatik des Soundtracks versprechen so etwas wie Orientierung in der Fülle der Screenshots und Depots der Museen. Henrot hat den Text mit dem amerikanischen Autor Jacob Bromberg aus Fragmenten unterschiedlicher Ideen zur Entstehung der Welt zusammengestellt. Durch den Rhythmus werden sie imaginär zu einer gemeinsamen Überlieferung.

Gab es »ne Chaba« oder ein gigantisches Wesen namens »Pan Gu«, das aus einem schwarzen Ei ausgebrochen ist und damit Himmel und Erde geschaffen hat, oder eine riesige Kobra, die den Fluten eines Urozeans entstieg? Oder ist der Gott »Bumba«, der die Sonne erbrach, der Ursprung des Lebens? Vielleicht waren es Nukleosynthese, Quantenfluktuationen und ein Urknall, der eine Kernfusion chemischer Elemente ausgelöst hat, aus denen unsere Art Leben entstanden ist. 

Ein- und Ausatmen bilden den Anfang und das Ende des Videos und spielen mit der Unendlichkeit. Denn »Am Anfang gab es ja nicht einmal einen Anfang. Da gab es Nichts und damit auch keine Vorstellung von einem Anfang.« Oder war da gar kein Anfang, sondern schon immer ein unendliches Sein?

Die Stimme des Rappers Akwetey Orraca-Tetteh ist meist stark und überzeugt, wie die eines Predigers. So wird klar, wie Wissen seit Jahrtausenden erinnert und in permanenter Zirkulation über Generationen weitergetragen wird. Die materielle Ansammlung der Museen konfrontiert Henrot mit der immateriellen, kulturellen Geschichtspraxis der mündlichen Erzählung innerhalb einer Gemeinschaft und eines Kontextes. Aber sind Worte nicht nur ein weiteres Zeichensystem unter vielen? Mythos und Wissenschaft ergänzen sich in »Grosse Fatigue« und sind keine Gegensätze. Sie ziele auf einen »schizophrenen Dialog« der Systeme und Kulturkreise, so Henrot. Ihr Desktop als zentraler Zugang zur Welt führt vor, wie sehr wir im digitalen Zeitalter Wissen als Gleichzeitigkeit der Ideen konsumieren.