Die Berliner Malerin Lotte Laserstein (1898-1993) ist eine der sensibelsten Porträtistinnen der frühen Moderne zwischen Tradition und Innovation. Bereits als 30- jährige war sie eine berühmte und erfolgreiche Künstlerin.

Wir leben heute in einem Zeitalter der Wiederentdeckungen - von Künstler*innen, deren Karrieren in den Wirren des 20. Jahrhunderts, einer Epoche der Extreme, oft brutal beendet wurden. Und in einer Zeit der Wiederkehr des Realismus. Zurecht war jahrzehntelang die Abkehr von feudaler Repräsentation, konventionellen Schönheitsbegriffen und klassischem Realismus legitim. Die Kunst einer neuen Gesellschaftsordnung wollte und brauchte Experimente und neue Sichtweisen. Nun entdeckt die Kunstwelt, dass der Kontrast von Form und Formlosigkeit, von Gegenständlichkeit und konzeptioneller Symbolik die Wahrnehmung wieder erweitern und bereichern kann.

Lotte Laserstein hatte das Talent, zwei Universen zu verbinden. Sie spielte mit Zitaten aus der Kunstgeschichte ebenso wie mit der Flächigkeit und dem Pinselstrich des Spätimpressionismus. Ihr Lebenswerk wird dominiert von Menschenbildern, von Intimität, Wärme und Sinnlichkeit. Sie idealisierte ihre Modelle nie, sie gab ihnen Würde und intensive Präsenz, bekleidet oder nackt. Laserstein war eine sanft-gefühlvolle Chronistin der 1920er und 30er Jahre: Sie malte Frauen und Männer der neuen Zeit und aller Klassen in ihrer ganzen Natürlichkeit. Sie setzte sich bildnerisch über damals normative Vorstellungen von Geschlechterrollen hinweg.

Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur präsentiert 58 Arbeiten, darunter 48 Gemälde, 9 Zeichnungen und Dokumente Lasersteins aus ihrer Berliner Erfolgsperiode und ihren schwedischen Exiljahren. Die vom Frankfurter Städel Museum organisierte und bis zum 17. März dort gezeigte Ausstellung Von Angesicht zu Angesicht wird von der Berlinischen Galerie übernommen. In Berlin wird das Werk Lasersteins mit Portraits, Landschaftsbildern, Spätwerken und Bildern aus ihrem künstlerischen Umfeld der 1920/30er Jahre erweitert. Vergleiche mit Konrad Felixmüller, Max Liebermann, Ernst Neuschul, Christian Schad u.a. demonstrieren deutlich die Besonderheit und Originalität des Laserstein-Realismus.

Glanz und Elend einer Biographie: Lotte Laserstein wurde 1898 als Tochter eines protestantischen Apothekers mit jüdischen Wurzeln im heutigen Paslek, damals Ostpreußen, geboren. Ihr Vater starb, als sie erst drei Jahre alt war. Die Mutter zog daraufhin mit ihren beiden Töchtern Lotte und Käte zur großbürgerlichen, ebenfalls verwitweten Großmutter nach Danzig. Bereits ab 1908 erhielt Lotte ersten Malunterricht bei der Malerin Elsa Birnbaum, der Schwester ihrer Mutter.

1912 zog die Familie in die Metropole Berlin. Nach ihrem Abitur begann Lotte 1921 mit dem Studium an der Berliner Akademischen Hochschule. Die Weimarer Republik erlaubte Frauen endlich an staatlichen Kunstschulen zu studieren. Ihr Lehrer hieß Erich Wolfsfeld, eines ihrer Idole war der Naturalist Wilhelm Leibl. 1927 beendete sie als schon mehrfach ausgezeichnete Meisterschülerin das Studium. Mit der Teilnahme an ca. 22 Gruppenausstellungen und Wettbewerben erlebte Laserstein in kurzer Zeit einen glanzvollen Aufstieg in der Kunstwelt. Bereits 1928 kaufte die Stadt Berlin ein erstes Gemälde von ihr an. Obwohl sich in ihren Bildern Anklänge an die damals populäre Neue Sachlichkeit finden, war ihr Malstil weder objektivierend unterkühlt noch gesellschaftskritisch überzeichnet. 1931 kam es zu ihrer ersten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Fritz Gurlitts.

Ab 1933 wurde sie vom öffentlichen Kulturbetrieb ausgeschlossen und arbeitete ein paar Jahre als Kunstlehrerin an einer jüdischen Privatschule. 1937 emigrierte sie nach Stockholm, wo sie mit einer Ausstellung in der Galerie Moderne gefeiert wurde. Von dort musste sie die Inhaftierung und Ermorderung ihrer Mutter miterleben. Ihre Schwester schafft es, im Berliner Untergrund zu überleben. Nach wechselvollen Jahren und isoliert vom internationalen Kunstbetrieb zog Laserstein 1954 ins südschwedische Kalmar und sicherte ihre Existenz unter anderem als Auftragsmalerin. Noch während ihrer Lebenszeit begann ihre internationale Wiederentdeckung 1987 und 1990 in den Londoner Galerien Thos. Agnew & Sons und The Belgrave Gallery. 1993 verstarb sie in Kalmar. Mit der Ausstellung Lotte Laserstein. Meine einzige Wirklichkeit 2003 im Ephraim-Palais wurde ihre Kunst erstmalig auch wieder in Deutschland durch Das Verborgene Museum präsentiert, kuratiert von Anna-Carola Krausse, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin.

Berliner Ausstellungskonzept der Kuratorin Annelie Lütgens, Leiterin der Grafischen Sammlung: Die Berlinischen Galerie präsentiert nicht nur Werke aus den prägenden Berliner Jahren Lotte Lasersteins, sondern wirft einen Blick auf die zweite Lebenshälfte der Malerin im Exil. Anlässlich einer Ausstellung zu ihrem 85. Geburtstag 1983 in Kalmar wurde Peter Fors (*1957 in Kalmar) auf sie aufmerksam. Der kunstbegeisterte, junge Mann begleitete und unterstützte Laserstein dann als enger Vertrauter bis zu ihrem Tod. 2009 übergab er hunderte von dokumentarischen Materialien aus ihrem Nachlass in die Künstler*innen-Archive der Berlinischen Galerie, die auszugsweise in der Ausstellung gezeigt werden. Hinzu kommen einige Dinge aus Fors‘ heutigem Besitz.

In der Berlinischen Galerie hat Lotte Laserstein daher seit langem ihren Platz. Anlässlich der Ausstellung Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen konnte Lasersteins verschollen geglaubtes Gemälde Im Gasthaus (1927) im Jahr 2014 erstmals seit 1928 wieder gezeigt werden. Es war vom Magistrat der Stadt angekauft, im Zuge der Aktion Entartete Kunst entfernt worden und galt bis 2013 als verschollen. Die Berlinische Galerie präsentierte in ihrer Ausstellung Wien Berlin insgesamt drei Leihgaben von Gemälden Lasersteins, darunter das Meisterwerk Abend über Potsdam (1930), das sich seit 2010 im Besitz der Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin befindet. Die Berlinische Galerie schätzt sich glücklich, Lasersteins frühes Selbstporträt im Atelier Friedrichsruher Straße seit 2016 als langfristige Leihgabe aus Privatbesitz in der ständigen Sammlung präsentieren zu können.

Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie: „Meinem Kollegen Philipp Demandt danke ich auf das herzlichste, dass er das Ausstellungsprojekt seines Hauses gemeinsam mit der Berlinischen Galerie realisiert hat. Die Zusammenarbeit mit dem Städel Museum war von großer Professionalität, Harmonie und Kollegialität geprägt. Hieran haben Alexander Eiling und Elena Schroll sowie viele weitere Mitarbeiter*innen des Frankfurter Museums entscheidenden Anteil. Auch die Unterstützung durch die Staatlichen Museen zu Berlin und die Tatsache, dass der Abend über Potsdam abermals bei uns zu sehen sein wird, erfüllt uns mit Dank. Anna-Carola Krausse, deren Arbeit maßgeblich zur Wiederentdeckung Lotte Lasersteins beigetragen hat, danke ich für Ihre Geduld.“

Pressestimmen Von Angesicht zu Angesicht:
„Lasersteins Bilder leben aus der Stille. Sie brauchen kein Weltgeschehen, sie haben sich selbst. IhrWagnis ist nicht ästhetischer Aufruhr. Ihr Wagnis heißt Nähe.“ (DIE ZEIT)
„Sie malt weniger die „Neue Frau“, nach der in der Weimarer Republik mit ihrer „Neu“-Manie alle suchen, auch wenn die Porträtierten Bubikopf und Zeitkostüm tragen – vielmehr die Frau an sich.“(FAZ)
„So schlecht ist es nicht, dass man heute staunend vor einem Laserstein-Bild steht, dem die neunzig Jahre Erinnerungsdunkel nichts anhaben konnten.“ (DIE WELT)
„Was sie am meisten beschäftigte, das war der Zauber eines weiblichen Selbstbewusstseins, die Konservierung eines kurzen Freiheitsseufzers zwischen männlichen Gewaltexzessen, wo die Frau ohne Druck sie selbst sein konnte“ (SZ)
„Da ist die technische Raffinesse, mit der sie die Farben in- und gegeneinandertreibt. Konturen mit dem Finger verwischt und die Partikel gegeneinanderschießt wie Eisenspäne, was zu spannendenUnschärfeeffekten führt.“ (FAS)