Nachdem die manuelle Bearbeitung, genauer: die farbige Übermalung, im 19. Jahrhundert noch als ein Verfahren diente, um die technischen Unzulänglichkeiten des Mediums zu kompensieren, wandelte sich das Verhältnis von Fotografie und Übermalung im 20. Jahrhundert in entscheidender Weise. Nach der Verbreitung der Farbfotografie im Alltag ist in kunsthistorischer Hinsicht hier vor allem die Zeit der siebziger Jahre hervorzuheben, wo die Form der Übermalung im Zuge einer Auseinandersetzung von Malerei und Fotografie verstärkt (wieder-)eingesetzt wurde. Zu jener Zeit, für welche die Positionen von Arnulf Rainer, Sigmar Polke und Gerhard Richter einstehen, ging es primär um medienreflexive Fragestellungen. Nach der zeitgleichen (erneuten) künstlerischen Emanzipation der Fotografie in eben jener Zeit ist der Stellenwert der Übermalung dann zunächst zurückgegangen.

Heute ist der Wettkampf, der aus der künstlerischen Selbstbehauptung der Fotografie entsprungen ist, längst obsolet. Und genau deshalb mag die Renaissance der Übermalungen von Fotografien in der jüngeren Vergangenheit überraschen: Warum gibt es in den letzten Jahren verstärkt malerisch überarbeitete Fotografie? Sind die medialen Grenzen der Bild-Gattungen heute vollständig aufgegeben worden? Ist die Renaissance des Manuellen im Feld des Fotografischen vielleicht sogar als eine Reaktion auf die Erfahrung der digitalen Welt zu deuten? Die Ausstellung will diese neue Form einer zeitgenössischen Bild-Sprache in seiner Breite untersuchen und den unterschiedlichen künstlerischen Ansätzen Raum geben.

Nach einer Eingangssequenz, in der Werke von Arnulf Rainer, Sigmar Polke und Gerhard Richter aus den sechziger bis achtziger Jahren einen historischen Auftakt zur Frage des übermalten Fotos vor Augen führen werden, richtet die Ausstellung den Blick auf jüngere Positionen aus dem deutschsprachigen Kunst-Diskurs. Sie stehen exemplarisch für die Vielfalt und die unterschiedlichen Ansätze in einem Bereich der künstlerischen Fotografie, welche das dokumentarische Verständnis des Bildes längst hinter sich gelassen hat. 

Mit Florian Merkel (*1961), Peter Klare (*1969), Shannon Bool (*1972), Sabrina Jung (*1978), Anna Vogel (*1981) und Helen Feifel (*1983) konzentriert sich diese erste Überblicksausstellung zum Thema der übermalten Fotografie auf eine neue Generation, die nach dem Foto-Boom der neunziger Jahre souverän das Bild im Hinblick auf eine hybride Form weiterentwickelt hat. Es wird dabei zu fragen sein, inwiefern allgemeine gesellschaftliche Phänomene, soziale, kommunikative oder gar politische Fragestellungen hier Themen der Auseinandersetzung sind und ob das traditionelle Foto hier überhaupt noch erkennbar bleibt.

Helen Feifel, Stage I, 2018, Übermalte Fotografie, 186 x 138 cm © Helen Feifel
03.07. - 06.10.2019

Gezielte Setzungen. Übermalte Fotografie in der zeitgenössischen Kunst

Sprengel Museum Hannover

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