Álvaro Siza wurde 1933 geboren, im selben Jahr, in dem das Bauhaus seine Tore schloss. Er ist vielleicht der letzte noch lebende Modernist oder zumindest die wichtigste Stimme, die das nicht vollendete modernistische Projekt bis ins 21. Jahrhundert hineinträgt.

Die Ausstellung Siza – Ungesehenes & Unbekanntes zeigt diese Kontinuität sowie auch die unvermeidbaren Widersprüche in 100 Zeichnungen. Diese Zeichnungen stammen aus seinem persönlichen Archiv sowie aus kleinen Sammlungen enger Freunde und Familienangehöriger. Ihr Schwerpunkt liegt daher nicht nur auf seinem beruflichen Vermächtnis, sondern auch auf dem familiären, in dem Maria Antónia Siza (1940–1973) im Mittelpunkt steht. Seine Frau zeichnete ihn, er zeichnete sie, und die liebende Umarmung des menschlichen Körpers zieht sich quer durch die Architektur, die Kunst, das Leben.

Passenderweise sagte Juhani Pallasmaa letztes Jahr zu Álvaro Siza, dass „Architektur so etwas Unreines und Komplexes ist, dass darüber zu reden so ist, wie über die Theorie des Lebens zu reden...“ In vielerlei Hinsicht entwickeln sich die Berninischen Falten von Maria Antónias Kleidern und Haaren in Sizas eigenen Tintenlinien, und diese anthropomorphische Suche geht weit über ihren Tod, mit nur 30 Jahren, hinaus. Diese Körper werden unaufhaltsam abstrakter, wie die Venus von Milo verlieren sie ihre Arme und werden zu etwas mehr – in dem das hellenische Heilig-Weibliche immer anwesend ist.

Diese Gliedmaßen vermehren sich und tauchen in der Architektur und Geometrie der Arbeiten ihres Sohnes, Álvaro Leite Siza (geb. 1962), wieder auf. Vater und Sohn waren unabhängig voneinander mit ähnlichen Themen beschäftigt, Themen der Mythologie und Religion , ineinander verschlungene Figuren, welche die Bedeutung von Familie offenbaren. Die Zukunft liegt jetzt in den Händen eines Enkels, Henrique Siza (geb. 1992), der in Berlin Architektur studiert. In der Stadt zeichnen sich die Umrisse der Meister ab, die den Hintergrund von Álvaro Sizas ersten internationalen Beiträgen (1976– 1990) bildeten: der Wohnkomplex am Schlesischen Tor und das Kulturforum.

Das Wohnhaus, bekannt als Bonjour Tristesse, greift durch die abgerundeten Ecken von Poelzigs Geschäftshaus S. Adam oder Mendelsohns Mossehaus die Berliner Modernität wieder auf, während das Kulturforum, das sich unweit der Aschen des sich stets wandelnden Potsdamer Platzes befindet, Teile von Scharoun und Mies van der Rohe wie in einem Puzzle zusammenzuführen versucht. Heute, nach der Internationalen Bauausstellung (IBA), hat das Kulturforum einen leeren Kern, während Berlin sich mit Glasgebäuden gefüllt hat – wobei Glas der Künstlername von Bruno Taut ist. Sizas Epitaph für Berlin ist am Ende überraschend treffend „Die angespannte Stadt“ („The Taut City“).

Ungewollt als „Architekt der Teilhabe“ bezeichnet, wurde Álvaro Siza – nach der Nelkenrevolution in Portugal (1974) – eingeladen, den Bezirk Schilderswijk-West (1983–1993) in Den Haag umzubauen und die neue Architekturfakultät (1984–1996) in Porto zu gestalten. Die familiäre Kameradschaft seiner Kollegen und der Austausch mit den Studenten erinnern wie auch der weiße Putz des Neuen Bauens an die sorglose Avantgarde des Bauhauses. Die heute berühmte Schule von Porto beweist, dass der letzte echte Modernist auch der ultimative Manierist ist, der die Komplexität des modernen Formenvokabulars mit klassischen Vorbildern vereint.

Kontinuität, Widerspruch und Hybridisierung spielen mit seinem Unterbewusstsein. Der weniger bekannte Sportkomplex für die Universiade 1997 in Palermo kommt in seiner Materialität den Amphitheatern, Kolosseen und Stierkampfarenen nahe und ist – wie viele von Sizas internationalen Arbeiten – ein weit unterschätztes Stadtumbauprojekt. Ein weiteres Beispiel ist seine Rückkehr in die Niederlande 2002. Für die Erneuerung der Hafenskyline in Rotterdam, einer Stadt, die andauernd wächst und sich neu erfindet, stellte er sich Zwillingstürme vor, von denen aber nur einer gebaut wurde. 

Der New Orleans Tower war mit Stein verkleidet, anders als die Vorhangfassaden, die man normalerweise mit Hochhäusern verbindet, oder die ikonische Gropius-Fassade in Dessau. Wie durch einen glücklichen Zufall feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum weniger als ein Jahr nach der Einweihung von Álvaro Sizas China Design Museum in Hangzhou (2012–2018), das um eine permanente Bauhaus-Sammlung herum gebaut ist. Im selben Jahr, in dem er sich einen Arm brach, begann er die Arbeit an dem Museum, ein Zeichen der Treue seinen Grundsätzen – dem Zeichnen per Hand.

Im Laufe verschiedener Besprechungen interessierten wir uns zunehmend für eine Gruppe von Mappen, die als „nicht identifizierte Projekte“ gekennzeichnet waren. Es ist uns gelungen, manche davon zuzuordnen. Bei anderen handelt es sich um lose Ideen und Entwürfe, die hätten sein können, aber nie wurden. Ein paar von ihnen haben sich in die Auswahl eingeschlichen, aber es sollte nie eine monografische Ausstellung über Siza und seine Familie sein – was aufgrund der schieren Größe eines solchen Unterfangens und der Aktivität des Hauptdarstellers, der stetig weiter produziert, ohnehin unmöglich gewesen wäre. Dennoch ist in den Arbeiten eine einheitliche Methode enthalten, ein Vermächtnis, das in Longfellows Gedicht „Die Baumeister“ auf treffende Weise zusammengefasst ist: „Architekten des Schicksals, die mit großer Sorgfalt die Wände der Zeit bearbeiten, auch die unsichtbaren Stellen, denn die Götter sehen alles.“

Die Kuratoren der Ausstellung sind der Architekt António Choupina (Álvaro Sizas Commissaire d’Expositions) und Frau Dr. h. c. Kristin Feireiss (Aedes Architekturforum).