Vom 11. Dezember 2018 bis 10. März 2019 zeigt das Albrecht-Dürer- Haus in der Reihe „Fremde Schätze“ ein barockes Flügelaltärchen aus der verschwundenen flämischen Abtei Cysoing, das sich heute in französischem Privatbesitz befindet. Bei der Gestaltung griff der Künstler unter anderem auf Holzschnitte Albrecht Dürers zurück.

Ungewöhnliches aus Privatbesitz
Mit der lockeren Reihe „Fremde Schätze“ bieten die Kunstsammlungen derStadt Nürnberg im Rahmen von kleinen Ausstellungen im Stadtmuseum im Fembo-Haus oder im Albrecht-Dürer-Haus privaten Sammlern und Erben die Möglichkeit, ihre Kostbarkeiten – meistens erstmals – einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen.

Die aktuelle Präsentation soll in der direkten Gegenüberstellung mit vier originalen Dürer-Holzschnitten demonstrieren, welche schönen, erstaunlichen oder kuriosen Dürer-Schätze in Privatbesitz noch immer zu entdecken sind:

Das Flügelaltärchen zeigt nicht nur eindrucksvoll, wie weit die Holzschnitte des Nürnberger Meisters verbreitet waren, sondern auch, wie stark sie noch in der Barockzeit Künstler und Auftraggeber inspirieren konnten. Erstaunlich ist dabei, dass es dem Malstil nach vermutlich irgendwann in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstanden ist, aber dennoch die Form der spätmittelalterlichen Flügelaltäre verkleinert aufnimmt. Nur an den hohen kirchlichen Feiertagen wurden diese geöffnet, so dass ein kostbarer Schrein mit Skulpturen und die aufwendig gearbeiteten Innentafeln zu sehen waren.

Aufgeklappt zeigt die Mitteltafel die Anbetung des Christusknaben durch die Heiligen drei Könige, die sich in einer weiten, bergigen Landschaft vollzieht. Hier aber orientierte sich der Künstler nicht an Dürer, sondern an einem berühmten Zeitgenossen, den der Nürnberger sehr schätzte und auf seiner Reise durch die Niederlande 1521 sogar persönlich kennengelernthatte: Lucas van Leyden (1494?1533). 1513 schuf dieser den großformatigen Kupferstich mit dem Geschehen bei der Krippe, dem der unbekannte Maler hier recht genau folgt.

Dürer – unerschöpflicher Quell von Vorbildern
Der linke Altarflügel orientiert sich unverkennbar an Dürers Holzschnitt„Martyrium des Hl. Johannes“, dem ersten Blatt aus dem Jahrhundertwerk der „Apokalypse“ von 1498. Der rechte Flügel zeigt die Enthauptung der Hl. Katharina nach einem etwa gleichzeitig entstandenen, ähnlich monumentalen Blatt Albrecht Dürers.

Die Außenflügel, die bei geöffnetem Altar nicht zu sehen sind, folgen zwei weiteren Holzschnitten Dürers, diesmal aus der Folge der „Großen Passion“ von 1511. Sie zeigen links die Beweinung Christi und gegenüberdie Kreuzigung.

Etwas schlichter sind die beiden Apostel des oberen Flügelpaars gestaltet, das auf den Außenseiten St. Jacobus und St. Matthias zeigt, während auf den Innenseiten die Apostelfürsten Petrus und Paulus zu sehen sind.

Bei dem Altärchen handelt es sich um ein bemerkenswertes Werk der sogenannten Dürer-Renaissance. Als solche bezeichnet die Kunst- geschichte ein neues und starkes Interesse am Schaffen Albrecht Dürers, das gegen 1600 einsetzte und im Grunde das ganze 17. Jahrhundert hindurch anhielt. Für den aufblühenden Kunstmarkt entstanden dabei unzählige Kopien und Paraphrasen, aber auch Fälschungen nach Werken Dürers. Die breite Basis dafür lag natürlich in der enormen Qualität und Verbreitung von Dürers Kupferstichen und Holzschnitten.

Das verschwundene Kloster
Die Provenienz eines Kunstwerks ist heute zu einer zentralen Frage der Kunstgeschichte geworden – auch dann, wenn sie unproblematisch ist. In diesem Fall gibt die Rückseite des Altärchens mehrere Hinweise auf seine Herkunft und sein weiteres Schicksal. Ein älterer, handschriftlicher Zettel auf der Rückseite besagt, dass es aus der Abtei Cysoing stammt.

Ein weiteres, offenbar älteres Siegel zeigt ein Allianzwappen unter einer Grafenkrone. Es lässt sich als das Wappen der Grafen von Ursel identifizieren, einem flandrischen Grafengeschlecht der frühen Neuzeit. Daneben steht das Wappen der Grafen von Hornes. Beide Familien waren in Flandern reich begütert und sehr einflussreich, sie hatten hohe militärische und Hofämter inne. Die Allianz der Häuser Ursel und Hornes lässt nun auch eine genauere Datierung des Altärchens zu, da Graf François d'Ursel 1662 Honorine de Hornes heiratete. So wird man wohl in Graf François den Auftraggeber für das Altärchen sehen dürfen. In Brüssel oder Antwerpen war der Zugang zu Künstlern nicht schwer, aber ob der Graf das Altärchen lange in einem seiner zahlreichen Schlösser oder Herrensitze bewahrte, lässt sich nicht mehr feststellen. Vielleicht stiftete er oder einer seiner Nachkommen es an das Kloster Cysoing.

Die ehemalige Abtei Saint-Calixt von Cysoing lag wenige Kilometer südlich von Lille, dem Hauptort des französischsprachigen Teils der alten Grafschaft Flandern. Er wurde 1667 durch Ludwig XIV. von Frankreich annektiert.

Das Kloster wurde im Jahre 854 von Markgraf Eberhard von Friaul (810–866) und seiner Frau Gisela, Enkelin Kaiser Karls des Großen, gegründet. In den Unruhen der Französischen Revolution wurde die Abtei 1792 von Revolutionären geplündert und im Jahr darauf niedergebrannt. Von den Klostergebäuden steht heute nichts mehr, auch die Kirche nicht. An ihrer Stelle wurde später ein Schloss gebaut. Was an Mobiliar nicht verbrannt war, wurde verkauft. So kam das Altärchen an einen dritten Besitzer, vermutlich eine geistliche Institution, die jedoch noch nicht identifiziert werden konnte. In späterer Zeit gelangte das Werk dann offenbar in den Kunsthandel, wo die Vorfahren des jetzigen Eigentümers es erwarben.

Noch immer birgt das Altärchen also einige ungelüftete Geheimnisse. Diese Präsentation soll eine Anregung zur weiteren Beschäftigung damit bieten und präsentiert zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis für das Nachleben druckgraphischer Werke Albrecht Dürers und Lucas van Leydens.


Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch und Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Samstag und Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: museen.nuernberg.de/duererhaus