Cana Bilir-Meier beschäftigt sich mit Fragen nach sozialer, kultureller, emotionaler sowie struktureller Teilhabe und Gleichberechtigung von Migrant*innen und Nicht-Migrant*innen. Hierfür nutzt sie eine Fülle an Medien wie Film, Zeichnung, Performance oder Audio. Bilir- Meier interessiert sich für nicht erzählte oder ausgeblendete Geschichte(n) migrantischer Lebenswelten, die sie in privaten und öffentlichen Archiven aufspürt. Sie hinterfragt die Zugänge zur Wissensproduktion in unserer Gesellschaft, um diese für mehr Menschen zu öffnen – dabei setzt sie gezielt auf die Zusammenarbeit mit anderen.

Der Titel der Ausstellung Düsler Ülkesi (dt. Land der Träume) bezieht sich auf ein Kinder- und Jugendtheaterstück gleichen Namens von Erman Okay, das 1982 in München seine Uraufführung feierte. Darin spielten Laiendarsteller*innen migrantischer und nicht- migrantischer Herkunft Alltagsszenen aus dem Leben sogenannter Gastarbeiter*innen, wobei auch unerfüllte Sehnsüchte, gebrochene Versprechen, Vorurteile und Missverständnisse thematisiert wurden. Das Projekt war zugleich ein Pioniervorhaben, in dem junge Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem gemeinsamen Prozess zusammengebracht wurden, um gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Die Premiere des Stücks wurde von einer Bombendrohung gegen das Theater überschattet.

Bilir-Meier stieß auf diese Geschichte, da ihre Mutter, die Sozialpädagogin Zühal Bilir- Meier, nicht nur Darstellerin im Stück war, sondern auch ihre Diplomarbeit über die Arbeit mit den Jugendlichen am Theater schrieb. Daran anknüpfend hat die Künstlerin für die Ausstellung in Hamburg einen neuen Super 8-Film mit dem Titel This makes me want to predict the past produziert, der eine Gruppe von migrantischen Jugendlichen am Münchner Olympia-Einkaufszentrum porträtiert. Dort wurden während eines rechtsextremistischen Anschlags im Jahr 2016 neun Jugendliche mit Migrationshintergrund ermordet, fünf weitere angeschossen und viele Menschen zum Teil schwer verletzt. Drei Jahre später folgt die Kamera in Bilir-Meiers Film den Jugendlichen bei ihren alltäglichen Erkundungen des Einkaufzentrums, während sie ihre Träume und Hoffnungen, aber auch Ängste und Albträume thematisieren. Immer wieder werden dabei Fiktion und Realität miteinander vermischt, Szenen aus dem Theaterstück aufgegriffen und unterschiedliche Zeitebenen überblendet. Der im Titel der Arbeit angelegte Widerspruch, die Vergangenheit vorhersagen zu wollen, ist ein Verweis auf die kontinuierliche und intersektionale Erfahrung von Rassismus, die die Jugendlichen aus den 1980er-Jahren mit denen von heute verbindet. Zugleich ist er auch spielerische Anregung, aus gewohnten Denkmustern, Strukturen und Entwicklungen auszubrechen.

Auch die Zeichnungen der Arbeit Grammatikheft (2018) reflektieren Erinnerungen an vergangene Hoffnungen. Das Grammatikheft aus dem Deutschunterricht der Mutter der Künstlerin wurde knapp 50 Jahre später von ihr selbst kommentiert. In den Anmerkungen berichtet sie von ihren Gefühlen und Ideen als Jugendliche und beschreibt ebenso ihre emotionale Reaktion auf die Konfrontation mit einem früheren Ich und vergleicht ihre Erfahrungen von damals mit dem Jetzt.

Ein zweiter Film in der Ausstellung handelt von der Schriftstellerin und Dichterin Semra Ertan, Bilir-Meiers Tante. 1956 in der Türkei geboren, zog Ertan 1972 zu ihren Eltern nach Deutschland, wo sie als Bauzeichnerin und Übersetzerin arbeitete. 1982 verbrannte sich Ertan in Hamburg öffentlich als Zeichen gegen den zunehmenden Rassismus im Land. Die Künstlerin hat diese persönliche Geschichte in Semra Ertan (2013) aufgegriffen. Der Film verbindet Ertans Gedichte, private Fotos und Ausschnitte aus türkischen wie deutschen Medienreaktionen auf die Tat zu einer Collage, die Ertans Erfahrungen als Teil einer kollektiven Erinnerung und Geschichte verortet.

Die Arbeit Mersin 16.2.2003 (2018) vereint ebenso das Private mit dem Öffentlichen und Politischen. Die über 800-teilige Fotoserie zeigt die Hand der Künstlerin mit einer MiniDV- Kassette an verschiedensten Orten in Istanbul. Auf der Kassette befindet sich wiederum das Video Melehat Koncay (2018), auf dem Bilir-Meiers Großtante vor einer Gruppe von Frauen in ihrer Wohnung von ihrer Wiedergeburt berichtet, nachdem sie in einem früheren Leben von ihrem Ehemann erschlagen wurde. Die Zuhörerinnen akzeptieren diesen Bericht als gelebte Erinnerung. Bilir-Meier thematisiert die Ambivalenz von Sichtbarkeit und Zeugenschaft, indem sie das Gespräch im privaten Raum dokumentiert und den Bildträger dann in Form einer Fotoserie auf die Straße bringt. Ganz bewusst wählte die Künstlerin als Startpunkt für ihren Weg durch Istanbul die Istiklal Caddesi, Ausgangspunkt vieler politischer Demonstrationen in der Stadt.

Die Videoarbeit Bestes Gericht entstand 2017 im Vorfeld des NSU-Tribunals in Köln. Sie diente als Teilnahmeaufruf und veranschaulicht gleichzeitig durch mediale Wiederholung institutionalisierten Rassismus. Die Arbeit besteht aus Material der Fernsehgerichtsshow Alexander Hold. Die Künstlerin operiert mit deutlich hörbaren Zusammenschnitten, die den Kontext der einzelnen Aussagen zwar manipulieren aber diesen Eingriff bewusst lesbar belassen. Die Ausschnitte werden durch Reaction-Shots der Künstlerin und der Schauspielerin Lale Yilmaz ergänzt, die selbst in den verwendeten Folgen der Show in oft klischeebeladenen Rollen auftritt. Immer wieder sieht man die beiden, wie sie sich über das Gesehene amüsieren, unterhalten oder bisweilen fassungslos reagieren.

Zur Ausstellung erscheint die erste Monografie der Künstlerin.
Cana Bilir-Meier (*1986 in München, lebt und arbeitet in München, Hamburg und Wien) studierte an der Akademie der bildenden Künste und der Schule Friedl Kubelka in Wien sowie an der Sabanci-Universität in Istanbul. Ihre Arbeiten wurden national und international ausgestellt; u.a. in der Tensta Konsthall in Stockholm, in der Kunsthalle Wien, beim Public Art Munich Festival in München, im Programm Parlament der Körper der documenta 14 in Kassel, auf dem Ankara International Film und an vielen weiteren Orten. 2018 war sie Preisträgerin des ars viva Preises vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft und 2016 gewann Bilir-Meier den Birgit-Jürgenssen-Preis neben weiteren Auszeichnungen und Stipendien.

Zur Ausstellung ist gemeinsam mit anti-rassistischen Initiativen und Institutionen Hamburgs ein umfangreiches Rahmenprogramm zur Gesellschaft der Vielen entstanden.

Mit: AG Story Walks, Perspektive Stadterkundung, Lampedusa in Hamburg, NINA – fraueN IN Aktion, Freedom of Movement Dänemark, Ibrahim Arslan, Hannah Peaceman, Vincent Bababoutilabo, Chana Dischereit, EsRAP, Esra Özmen & Enes Özmen, Ozan Ata Canani, Booty Carrell, KANAKISTAN, Taudy Pathmanathan, Tamer Düzyol, Diaspora Salon, GWA St. Pauli, Queerfeministisches Café Rote Flora, Initiative in Gedenken an Semra Ertan, Initiative in Gedenken an Ramazan Avci Initiative, der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Süleyman Tasköprü und Initiative in Gedenken an Yaya Jabbi und Anderen.

© Cana Bilir-Meier, 2019
18.05. - 21.07.2019

Cana Bilir-Meier: Düsler Ülkesi

Kunstverein in Hamburg

Klosterwall 23
20095 Hamburg