Der Kunstverein in Hamburg präsentiert die erste institutionelle Einzelausstellung der Musikerin und Künstlerin Peaches. Zu ihrem 20-jährigen Bühnenjubiläum bedient Peaches sich eines disziplinübergreifenden und grenzüberschreitenden Ansatzes zur Erweiterung des Formats „Ausstellung“, indem sie einen lebendigen Organismus entstehen lässt. An der Schnittstelle von Live-Performance und visueller Kunst entwickelt sie dabei neue und überraschende künstlerische Formen. Die Ausstellung eröffnet eine erweiterte Sichtweise und Auffassung von Peaches‘ Universum und des kritischen Denkens, das ihren Werke inhärent ist.

Whose Jizz Is This? macht Peaches‘ vielseitige Arbeit – einschließlich ihrer Musikproduktionen und Live-Performances – zum Ausgangspunkt einer Präsentation von skulpturalen, fotografischen, filmischen und textlichen Werken in einer immersiven Umgebung. Alle gezeigten Werke sind eigens für diese Ausstellung entstanden. Peaches, die sich wie immer gewandt darin zeigt, Grenzen verschwimmen zu lassen, hat eine Show geschaffen, die Live-Performance mit musikalischer Intervention, visueller Kunst und historischer Reflexion verbindet. Sie selbst, die sich darin den Themen Sex, Feminismus, Queerness, Gender und der Politik des neuen Jahrtausends auf kühne und unerwartete Weise nähert, bezeichnet ihre WJIT-Präsentation als „ein dekonstruiertes Musical in 14 Szenen“.

Im Kern dieser Präsentation stehen die „Fleshies“, als Doppel-Masturbatoren bekannte Sexspielzeuge, die zunächst mit Menschen interagieren, sich dann jedoch von ihnen abwenden und Befriedigung bei sich selbst finden. Die ihnen zugewiesene Identität lehnen sie somit ab, rücken dabei die zerstörerische, narzisstische menschliche Welt aus dem Zentrum und stoßen eine Revolution an. In ihrem gesamten Werk interessiert sich Peaches für die Emanzipation des Körpers. Diese Sex-Hilfen aus Silikon in einem Silikonschlauch reduzieren den Körper solange auf Löcher in passivem Zustand, bis sie ihr eigenes Narrativ gestalten: ihr Ringen mit den menschlichen Beziehungen. Ihr einsamer Kampf. Ihr Aufbegehren. Ihre Bemühung um Anerkennung in einer sexuell befriedigten Gemeinschaft.

Bühnengemäß und humorvoll gibt Peaches in einer aus 14 Szenen bestehenden Performance ohne Schauspieler einer intersektionell-feministischen Perspektive eine Form. Die Klanglandschaft Requiem for a Fleshie und die Lichtwelt Our Future is Now verbinden die aus skulpturalen Arbeiten und einem Bühnenbild bestehenden Szenen: diese beiden Komponenten strukturieren das Narrativ des dekonstruierten Musicals. Für die Herstellung der großen und kleinen Skulpturen wurden Drucke, Videomaterial, ein Brunnen und Klanginterventionen verwendet. Die Architektur ist ein integraler Bestandteil der Installation, ebenso wie sich jedes einzelne Werk auf die Sprache der Bühnenaufführung bezieht. Wir bewegen uns von Glory Hall bis zurPeepshow, während wir zusehen, wie die Fleshies sowohl Höhe- als auch Tiefpunkte erleben; wir begegnen ihnen bei einer Versammlung der Anonymen Alkoholiker und auch später am Brunnen, wo sie versuchen, die Vorstellung des „Vollgewichstwerdens“ zu überwinden. Die Überwindung gelingt ihnen schließlich am Altar und sie schaffen – von Menschen frei - ihre eigene Gesellschaft.

Zur Ausstellungseröffnung präsentiert Frederica Dauri eine zeitlich ausgedehnte Performance, worin eine lockere Silikonstruktur von einem Menschen bewohnt wird, der als Silikongestalt zu leben versucht - oder, besser gesagt, ein Silikonkörper von einem Menschen Besitz ergreift.

Dieses Projekt ist eine Kooperation mit dem Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel und wird durch die Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, Kulturstiftung des Bundes und der Botschaft von Kanada gefördert.

© Peaches, Whose Jizz Is This?, 2019
10.08. - 20.10.2019

Peaches: Whose Jizz Is This

Kunstverein in Hamburg

Klosterwall 23
20095 Hamburg