Die 63. Jahresausstellung auf Seebüll widmet sich intensiv der Darstellung des Menschen in Emil Noldes Werk. Insgesamt rund 120 Werke, viele davon erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen, geben im Wohn- und Atelierhaus Seebüll einen Einblick in das vielfältige Werk. Zu den Höhepunkten zählt die Schenkung eines Gemäldes aus dem Spätwerk: „Kleine Sonnenblumen“,1946. Ein Kabinett mit 33 Stücken ist der Keramik des Malers gewidmet. Es ist die letzte Gelegenheit, das Haus im gegenwärtigen Zustand zu sehen. Für das Jahr 2020 bereitet die Nolde Stiftung Seebüll die denkmalgerechte Modernisierung und technische Ertüchtigung des Wohn- und Atelierhauses Seebüll vor.

In Emil Noldes umfangreichem Œuvre nehmen – neben den Werken mit Blumen, Landschaften und Meeren – Bilder mit Menschen und Figuren einen bedeutenden Stellenwert ein. Sie finden sich über alle Gattungen hinweg in Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und der Druckgraphik, und dies von Anbeginn seines künstlerischen Schaffens an. Nolde selbst betont die Wichtigkeit dieses Werkkomplexes mehrfach in seinen Schriften und Briefen:„Die Menschen sind meine Bilder“, schreibt er in seiner Autobiographie.

Emil Nolde ist kein Bildnismaler im eigentlichen Sinn. Das rein Abbildhafte war ihm nicht wichtig. Die Bilder zeigen den Blick des Künstlers auf die dargestellten Menschen, sie offenbaren, wie er sie erlebt und vor allem empfindet. In seiner Darstellung dringt er hinter die Oberfläche und porträtiert ebenso den Charakter wie die Wesenseigenschaften seiner Modelle. Die Bilder erzählen von zwischenmenschlichen Begegnungen und familiären Erlebnissen, von der Spannung zwischen den Geschlechtern, insbesondere aber von Gefühlen wie Liebe, Begierde, Angst, Erstaunen, Neugier.

Noldes Figurenbilder verweisen auf die grundsätzlichen Gegebenheiten der menschlichen Existenz. In ihnen liegen die Wurzeln seines Schaffens, sie sind gesehene Natur, umgesetzt, verwandelt, teils geträumt, gesteigert, immer aber erlebbares, lebendiges Gegenüber. Wenn Nolde in seiner Autobiographie schreibt: „Die Menschen sind meine Bilder. Lachet, jubelt, weinet, oder seid glücklich, ihr seid meine Bilder, und der Klang Eurer Stimme, das WesenEurer Charaktere in aller Verschiedenheit, Ihr seid dem Maler Farben“, dann, so Dr. ChristianRing, Direktor der Nolde Stiftung Seebüll, „stellt er uns Menschen in all unserer Verschiedenheit in das Zentrum seiner Kunst und zwar so, dass die Bilder bzw. die dargestellten Gefühle noch heute als Identifikationsangebot gelten können und wir uns darin wiederfinden. Ein schöneres Geschenk kann uns ein großartiger Künstler wie Emil Noldenicht machen.“

Höhepunkt der 63. Jahresausstellung ist das herausragende Gemälde „Kleine Sonnenblumen“ aus dem Jahr 1946. Das bedeutende Spätwerk, das auf ein sogenanntes „Ungemaltes Bild“zurückgeht, strahlt einen besonderen Zauber aus. Es versinnbildlicht reine Harmonie, sowohl in der farblichen Gestaltung als auch in der Erscheinung des Mädchens mit den beiden Sonnenblumen. Das märchenhafte Bild scheint in seiner Helligkeit und Wärme aus einer anderen Welt zu kommen und verleitet zum Träumen. Das Gemälde bereichert erst seit Kurzem die Sammlung der Nolde Stiftung Seebüll als Schenkung von Dr. Friedrich Johenning. Der Düsseldorfer Kaufmann Dr. Friedrich Johenning hat gemeinsam mit seiner 2018 verstorbenen Frau Renate in den vergangenen 40 Jahren eine außerordentliche Sammlung von Werken des deutschen Expressionismus mit dem Schwerpunkt auf Emil Nolde aufgebaut.In liebevoller Erinnerung an seine Frau Renate schenkte er das Gemälde „Kleine Sonnenblumen“ der Nolde Stiftung Seebüll.

Dr. Hans-Joachim Throl, Vorsitzender des Kuratoriums, würdigt die Schenkung: „DasKuratorium unserer Stiftung hat diese Schenkung in großer Dankbarkeit angenommen und den unwiderruflichen Beschluss gefasst, das Gemälde dem von Emil Nolde hinterlassenen unveräußerlichen Bestand seiner Werke hinzuzufügen, die sich im Stiftungsvermögen der Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde befinden. Das wunderbare Bild ‚Kleine Sonnenblumen‘verbleibt somit ewig in der Obhut unserer Stiftung. Und es wird untrennbar verbunden sein mit der Erinnerung an Herrn Dr. Friedrich Johenning und seine liebe Ehefrau Renate, die beide gemeinsam so gern Seebüll besuchten.“

Dr. Christian Ring, Direktor der Nolde Stiftung, ergänzt: „Die Zuwendung durch Dr. FriedrichJohenning berührt uns sehr und wir sind mehr als dankbar. Es ist die bedeutendste Schenkung, die der Nolde Stiftung Seebüll in ihrer 63-jährigen Geschichte zuteilwurde. Diese Schenkung ist auch ein Zeichen des Vertrauens und der Wertschätzung unserer Arbeit. Dies erfüllt uns mit Stolz und größter Dankbarkeit Renate und Dr. Friedrich Johenninggegenüber.“