Die Ausstellung widmet sich dem Kempens Informatieblad, einer zwischen 1971 und 2018 vom belgischen Künstler Jef Geys herausgegebenen Zeitung, die er zur Distribution von Information sowie Dokumentation und Diskussion seiner im weitesten Sinne künstlerischen Aktivitäten nutzte. Die hier zu sehende Präsentation versammelt erstmals alle Ausgaben des Kempens Informatieblad sowie des seit 2012 parallel erscheinenden Kempens Informatieboek und stellt diese, erweitert um eine Auswahl von künstlerischen Arbeiten und Archivmaterial, zur Ansicht und Recherche offen zugänglich zur Verfügung.

Jef Geys (1934–2018) lebte in der flämischen Kleinstadt Balen in der Region Kempen, die den Ausgangs- und oftmals Bezugspunkt seines Schaffens bildete und mithin Redaktionssitz und Produktionsstätte des Kempens Informatieblad war. Von dieser peripheren Position aus entwickelte er eine künstlerische Praxis, die sich durch lokales Engagement, einen nicht selten humorvollen Konzeptualismus sowie die Hinterfragung von Konventionen und Autoritäten in und außerhalb der Kunstwelt auszeichnet. In seinem Werk, das neben der hier im Fokus stehenden publizistischen Tätigkeit Fotografie, Malerei, Skulptur, Film, Installation und experimentelle Ansätze der Pädagogik umfasst, beschäftigte er sich mit den Funktionsweisen von Kunst und ihren institutionellen Ausformungen. Durch seine Strategien der Subversion und Tarnung, die wie er sagte nur „innerhalb des Systems stattfinden können“, erschloss er – die Regeln des Spiels austestend und aufzeigend – einen eigenen ethischen und praktischen Möglichkeitsraum künstlerischen Arbeitens. Geys legte ein ständig wachsendes Archiv von Spuren seines persönlichen und professionellen Alltags an, vor dessen Hintergrund seine Arbeiten häufig konzipiert, kontinuierlich vervielfältigt und rekombiniert wurden. In seinen Werken untersuchte Geys dabei nicht nur Wert und Status von Kunst, Kunstwerk und Künstler*in, sondern thematisierte auch sozio- politische Themen wie Klassen- oder Geschlechterfragen.

Nach einem Kunststudium in Antwerpen unterrichtete Geys von 1960 bis 1989 als Lehrer für Positive Ästhetik an der Balener Gesamtschule, ein Fach das von Geys und für ihn geschaffen wurde. Als Teil des Lehrplans organisierte er in seinem laborhaften Klassenzimmer unter anderem Ausstellungen mit Werken von zeitgenössischen Künstlern wie Roy Lichtenstein oder Piero Gilardi und unternahm mit seinen Schüler*innen eine Exkursion zum Atelier von Marcel Broodthaers. Seit den frühen 1960er Jahren war Geys neben seiner ineinandergreifenden künstlerischen Arbeit und Lehre zudem in die Produktion und Distribution eines Anzeigenblatts involviert, demKempisch Reklaamblad. Auf dessen Seiten begann er zwischen den darin geschalteten Inseraten verschiedenes Text- und Bildmaterial zu veröffentlichen. Nachdem es eingestellt wurde, übernahm Geys das Blatt und führte es in Eigenregie als Kempens Informatieblad weiter. Die Zeitung überlagerte Künstlerisches und Alltägliches, in dem sie beides als das jeweils andere verkleidete und so einander nicht entfremdete sondern näher zusammenrücken ließ. Dabei verschränkte er mit den Jahren zunehmend regionale und internationale Öffentlichkeiten und ließ deren Aufmerksamkeitsökonomien gegeneinander laufen.

Die erste Ausgabe des Kempens Informatieblad erschien am 27. März 1971. Das Cover zeigt ein Selbstportrait des Künstlers mit seiner ikonischen Herz-Form, bürokratisch standardisiert durch die darin eingesetzten Zahlenreihen aus Personalausweis und anderen Identitätsdokumenten. Die Zeitung erschien im Zusammenhang mit einer Einzelausstellung am Koninklijk Museum voor Schone Kunsten in Antwerpen. Als dieses ihn im Jahr zuvor eingeladen hatte, antwortete Geys mit dem Vorschlag, das Museum in die Luft zu sprengen und zeigte schließlich das Konzept sowie die Dokumentation der Reaktionen darauf als Ausstellung. Parallel dazu erschien die erste Ausgabe der Zeitung, die neben Fotografien des Museums, die Geys’ Vorhaben illustrierten, ein Interview mit dem Künstler sowie ein umfangreiches Werkverzeichnis enthielt. An diese Ausgabe knüpfte Geys 1972 mit der Veröffentlichung des kreatief an, ein „‚Roman’ über Motivation und Wirklichkeit. Die Publikation enthielt ein erweitertes und vom Künstler selbst mit Kommentaren versehenes Verzeichnis seiner Arbeiten, das später immer wieder in den Kempens Informatiebladen zu finden ist.

Als Gegenentwurf zum herkömmlichen Künstlerkatalog entstanden die insgesamt über 50 Ausgaben des Kempens Informatieblad auch später meist in Verbindung mit seinen Ausstellungen. Sie wurden gratis oder für wenig Geld distribuiert, nachdem sie anfänglich noch wie die Vorgängerpublikation als huis-aan-huisblad in Balen verteilt worden waren, fanden aber auch auf andere Weisen Eingang in Werk und Ausstellungen. So wurden zum Beispiel Druckplatten gezeigt oder Wände mit den Seiten der Zeitung tapeziert. Nach einer langjährigen Publikationspause, ausgelöst durch Geys’ temporären Rückzug aus dem Kunstbetrieb, wurde das Kempens Informatieblad ab den späten 1980er Jahren zu einem zentralen Bestandteil seiner Arbeitsweise. Als ein vom Künstler gelenktes Informationssystem wurde es sukzessive zu einer Art Meta-Medium innerhalb seiner Praxis, durch das er dessen Repräsentation und Vermittlung – über Ausstellungszusammenhänge hinaus – selbst organisierte.

Wie auch das Kempens Informatieblad bilden die beiden in der Ausstellung gezeigtenOrdner eine Schnittstelle zu Geys’ Archiv. Es handelt sich um zwei aus einer Serie von acht Ordnern, die insgesamt 800 Seiten umfassen. Darin befinden sich einzeln in Plastikhüllen abgeheftete künstlerische Arbeiten, Skizzen, postalische und elektronische Korrespondenzen sowie Zeitungsausschnitte, Reproduktionen und Fotografien. Die verschiedenen Inhalte und Formen stehen gleichwertig nebeneinander und bilden eine subjektive Ordnung der Dinge.

Während die meisten Ausgaben in Balen konzipiert und produziert wurden, verlagerte Geys für sein 1993 am Witte de With realisiertes Projekt „Wat eten wij vandaag“ [dt.: Was essen wir heute?] die Redaktion des Kempens Informatieblad in den Ausstellungsraum. Für die Schau lud Geys neun Familien aus Wohnprojekten inAlexanderpolder ein, einem Stadtteil von Rotterdam, dessen Nachkriegsbauten Thema der parallel stattfindenden Architekturbiennale Architecture International Rotterdam (AIR) waren. Geys ließ so die Anwohner*innen des Viertels zu Wort kommen und stellte ihnen verschiedene mediale Kanäle zur Verfügung, sich zu ihrer Umwelt zu äußern. In situ entstanden die drei Sonderausgaben Alexanderpolder, die in einer Auflage von 258 000 Kopien in Rotterdam und dem benachbarten Capelle aan den Ijssel verteilt wurden und der Gratiszeitung De Havenloods/Het Zuiden beilagen. Darin berichteten die partizipierenden Familien von ihren alltäglichen Erfahrungen neben Beiträgen von Künstlern wie Jeff Wall oder Geys’ ehemaligen Lehrerkollegen Walter van den Broeck. Parallel wurde während der siebenwöchigen Laufzeit montags bis samstags von 18:40 bis 19 Uhr das Abendessen einer der teilnehmenden Familien live im lokalen Fernsehen übertragen.

Weitere Zeitungsbeilagen konzipierte er in den darauffolgenden Jahren zunächst für die britische Zeitung The Independent in Großbritannien und später für das belgische Wirtschaftsblatt De Financieel-Economische Tijd. Erstere erschien 1995 als einseitiger Beitrag zur Gruppenausstellung Take Me (I'm Yours) in der Londoner Serpentine Gallery, letztere wurde in wöchentlichen Intervallen im September / Oktober 1999 veröffentlicht und beinhaltete eine Fortführung der im kreatief Buch begonnen kommentierten Werkliste.

Wie in der chronologischen Reihung der Kempens Informatiebladen in der Ausstellung anschaulich wird, kam es über die Jahrzehnte zu Wiederholungen von Inhalten und Covern. Beispielhaft können hier die vier Ausgaben zu !Vrouwenvragen? [dt.: !Frauenfragen?] genannt werden. Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von Frauen betreffende Fragen, die Geys 1964 beginnend aus Zeitungen und anderen Medien kopierte. Die Fragen schrieb er mit Marker auf einen Streifen Packpapier, der in seinem Klassenraum hing. Wenn eine der Schüler*innen eine Bemerkung zu einer der Fragen fallen ließ, machte Geys diese zum Thema des weiteren Unterrichts. 1970 zeigte Geys die Papierrolle erstmals in einer Ausstellung der sozialistischen Frauengruppe in Balen. Die insgesamt 157 Fragen wurden später von ihm als Kunstwerk ediert und in zwölf verschiedene Sprachen übersetzt.

Immer wieder weitete Jef Geys die anti-journalistische Methode seiner Zeitung auch auf andere Medien aus. 1973 kollaborierte er mit dem Filmemacher Jef Cornelis für dessen Serie Kunst Als Kritiek. Wanneer is Kunst Wel Kritiek? [dt.: Kunst als Kritik. Wann ist Kunst Kritik?], die er für den nationalen belgischen Sender BRT entwickelte. Der vierte Teil, in dem Geys als Fernsehansager fungiert, schlägt als Antwort auf diese Frage vor: „4. Wanneer de Kunstenaar in alle Ernst Speelt.“ [dt.: Wenn der Künstler in vollem Ernst spielt]. Indem Geys, in der Art eines öffentlichen Statements, zuerst eine ausführliche Dankesliste vorliest und anschließend die relativen Kosten des Programms und der Sendezeit vorträgt, wendet er das Format als performative Medienkritik gegen sich selbst und legt so den Blick auf die Mechanismen des Mediums Fernsehen und die daran geknüpfte Bürokratie frei.

Parallel zu den Druckveröffentlichungen begann Geys 2010 unter der URL: jefgeysweblog.wordpress.com einen Blog, den er auf ähnliche Weise wie dasKempens Informatieblad führte. Der finale Eintrag vom 22. Januar 2018 fasst seine letzte großangelegte, internetbasierte Arbeit Kunst Tonen (dt.: Kunst zeigen) zusammen, für die er sein Umfeld dazu aufforderte, sich zusammen mit einem Kunstwerk zu portraitieren.


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Sonntag: 14:00 - 19:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: 

26.01. - 24.03.2019

Jef Geys: Kempens Informatieblad

Künstlerhaus Bremen

Am Deich 68 - 69
28199 Bremen