Drei Jahre lang hat das Landesmuseum Mainz der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz (GDKE) in einem Forschungsprojekt die Herkunfts- und Eigentumsverhältnisse von 61 Gemälden, rund 160 Graphik-Konvoluten, zehn Möbelstücken sowie einer kleineren Anzahl kunstgewerblicher Objekte recherchiert, die die Gemäldegalerie und das Altertumsmuseum der Stadt Mainz (heute: Landesmuseum Mainz) von der damaligen Reichsfinanzverwaltung in den Jahren 1941-1943 erhalten hat. Dabei hat sich gezeigt, dass die Gegenstände aus dem Eigentum von Mainzer und Darmstädter Bürgerinnen und Bürgern beschlagnahmt wurden, die als Jüdinnen und Juden rassisch verfolgt wurden.

Die Sonderausstellung „Betrifft: Erwerb aus jüdischem Besitz“, die vom 17. Februar bis 28. April 2019 im Landesmuseum Mainz zu sehen ist, zeichnet den Weg dieser Objekte ins Museum nach. Sie zeigt die Rolle der Finanzverwaltung bei der systematischen Enteignung von Juden auf und beleuchtet in Fallgeschichten die Biographien von Gemälden, Graphiken und Möbeln und ihre Verknüpfungen mit den Biographien ihrer früheren Eigentümerinnen und Eigentümern. 

„Ich bin dem Landesmuseum Mainz der GDKE sehr dankbar, dass es dieses wichtige Projekt so hartnäckig verfolgt hat“, so der rheinland-pfälzische Kulturstaatssekretär Salvatore Barbaro, „denn wir brauchen eine selbstkritische und verantwortungsbewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Institutionengeschichte und der eigenen Rolle als Museum. Die Herkunft der Kunst und Kulturgüter in unseren Sammlungen zu ermitteln und sie nach Möglichkeit zu restituieren, ist eine gemeinsame dauerhafte Verpflichtung. Hinter jedem unrechtmäßig entzogenen Kulturgut stehen das individuelle Schicksal eines Menschen und das an ihm verübte Unrecht. Das darf nicht in Vergessenheit geraten.“

So belegt die Sonderausstellung sehr eindrücklich die Verstrickung in die NS-Verfolgung und in die Vermögensverwertung und will an die Lebenswege der Mainzer Familien erinnern, die ausgehend von Gemälderückseiten, Listen und Nummerierungen rekonstruiert werden konnten. 

„Die Sammlungen der Gemäldegalerie und des Altertumsmuseums, die im Mittelpunkt der Ausstellung stehen“, so die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse, „sind nach wie vor städtisches Eigentum und als solche Dauerleihgaben an das Land Rheinland-Pfalz. Wir unterstützen ausdrücklich die Suche nach der Wahrheit und die Suche nach den Erben. Daher steht es für uns außer Frage, dass wir in allen Fällen, in denen die Eigentums- und Rechtsverhältnisse geklärt werden können, die betroffenen Objekte restituierenund darüber hinaus gemeinsam mit den Erben Lösungen für eine eventuelle weitere Präsentation hier im Museum suchen werden.“

Seit den 1990er Jahren hat sich das Landesmuseum Mainz um die Aufklärung der Verdachtsmomente bemüht. Dazu wurden einzelne Werke unter Berücksichtigung der ungeklärten Provenienz in Bestandskatalogen publiziert und sämtliche Objekte als Fundmeldungen in der „Lost Art“ Datenbank veröffentlicht. Da diese Maßnahmen kaum zur Klärung der Herkunfts- und Eigentumsverhältnisse beitragen konnten, ist das Konvolut seit April 2016 Gegenstand eines Projekts zur systematischen Provenienzforschung, das mit Fördergeldern der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste unterstützt und von der Historikerin Emily Löffler bearbeitet wird.

„Nach derzeitigem Stand konnten wir einige Nachfahren ermitteln und kontaktieren. Ich bin sehr dankbar, dass wir die Geschichten dieser Familien auch in der Ausstellung präsentieren können“, so Löffler, „denn letztlich geht es in meiner Arbeit darum, über die Objektgeschichten auch die Lebensgeschichten ihrer früheren Eigentümer wiederzuentdecken – soweit es denn geht. Denn nicht in allen Fällen konnte ich Eigentümer identifizieren, und in einigen Fällen sind wir auch nach wie vor dabei, nach Erben zu recherchieren.“  

Das derzeitige Provenienzforschungsprojekt am Landesmuseum Mainz wird zum 31. März 2019 auslaufen. „Wir planen auf jeden Fall, das Projekt fortzusetzen“, so die Direktorin des Landesmuseums, Dr. Birgit Heide, „auch wenn uns bewusst ist, dass unsere Aufarbeitung keine Wiedergutmachung sein kann, so wollen wir doch dazu beitragen, die Erinnerung und das Gedenken zu erhalten, die Geschehnisse zu dokumentieren und an die Lebenswege der Mainzer Familien zu erinnern. Denn die Geschichte von den Kunstwerken ist unmittelbar mit den Schicksalen der Menschen verknüpft.“