Die Ausstellung anarchive zeigt künstlerische Bearbeitungen zum Thema des Archivs.

In Archiven wird kategorisiert, eingeordnet, zugeschrieben und selektiert. Archive sind exklusiv. Was eigentlich macht das Archiv zu einem so attraktiven Gegenstand in Kunst und Gesellschaftswissenschaft, wie es in den letzten Jahrzehnten zunehmend beobachtet werden kann? Das klassische Archiv eröffnet die zentralen Fragen, wie Wissen über Kultur und Geschichte geordnet wird, wie Vergangenheit überliefert wird, was und wie überhaupt erzählt wird und welche Anstrengungen unternommen werden, um das Wissen zu bewahren und immer wieder neu festzuschreiben.

Die Künstler*innen der Ausstellung machen diese Vorgänge sichtbar, sie nehmen sie zum Ausgangspunkt, um die Konventionen archivierender Praxis zu befragen und sie entwickeln andere Ideen von Archiven. Dabei wird das Archiv als ein Ort begriffen, der alternative Erzählweisen über Geschichte und Gegenwart eröffnet. Das Archiv ist dann kein statisches Gebilde mehr, sondern wird dynamisch, zu einer offenen Struktur, die dazu einlädt, feste Ordnungen aufzubrechen, in dem ein Objekt immer auch in einen Zusammenhang mit anderen Objekten gestellt werden kann und eine eindeutige Zuordnung (anders als eben in einem klassischen Archiv) nicht erfolgt.

Georges Adéagbo und Stephan Köhler sammeln für ihre raumgreifenden Installationen eine Vielzahl an Materialien unterschiedlicher Herkunft: Schriftstücke, Fotos, Bücher, Gemälde, Objekte. Alltagsgegenstände, Kunst und Artefakte treffen zusammen. Die Arbeit La Colonisation Belge en Afrique noir(2005/19), die für den Leipziger Kontext adaptiert wird, kreist um die Themen Kolonialismus und Postkolonialismus, das Verhältnis zwischen Europa und Afrika, die Repräsentation afrikanischer Kunst im westlich dominierten Kunstsystem sowie die Mechanismen des Kunstbetriebs. Kunst und Kulturgeschichte verweben sich mit politischer Weltgeschichte. Sammelpraktiken und die Musealisierung von Geschichte werden herausgestellt. Diese Arbeitsweise stellt einen nie abgeschlossenen Prozess dar, bei dem die einzelnen Elemente der Installationen nur temporär zu einer fixierten Form zusammenfügt werden.

In dem Film “From Source to Poem” verschiebt Rosa Barba ihren Fokus von rein künstlerischen Werken zur archivarischen Speicherung: “From Source to Poem” wurde im Nationalen Audio-Visual Conversation Center der Library of Congress in Culpeper, Virgina und bei einem riesigen Solar Kraftwerk in der Mojave Wüste in Kalifornien gedreht. Der Film stellt die Bilder des weltweit größten Medienarchivs mit einer rhythmischen Studie und Bildern kultureller Produktion denen aus industrieller Produktion gegenüber.

Genauso wie die zeitlichen Eigenschaften von zwei Dingen, die zum gleichen Zeitpunkt geschehen, „ist der Zeitraum, der den Zufall bestimmt, anpassbar“.
Der 35mm-Film beschäftigt sich mit der Konservierung kultureller Produktionen, gleichzeitig aber auch mit ihrer zukünftigen Digitalisierung. Ein großer Teil des Archivbestands besteht aus Tonmaterial (Tonaufzeichungen, Wax Discs, Vinyl und LPs); eine akustische Erinnerung, die wiederhergestellt und in den Soundtrack integriert wird, wird als Mittel eingesetzt, um andernfalls unwahrscheinliche Dialoge in Bewegung zu bringen.

Andreas Grahl setzt seine eigene künstlerische Arbeit im Raum eines „Studierzimmers“ in einen narrativen und assoziativen Bezug zu Sammeltätigkeiten aus dem 16. Jahrhundert. Seine installativen Arrangements erinnern an die Vorläufer öffentlicher Sammlungen, die Wunderkammern, oder an naturhistorische Sammlungen aus jener Zeit. Kunst- und Kulturgeschichte und die eigene künstlerische Position werden auf diese Weise vielschichtig verwoben. Andreas Grahl wird das „Studierzimmer“ für die Ausstellung erstmalig nachbauen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen.

Für die Arbeit Apokryphen fotografierte Ricarda Roggan Gegenstände und Hinterlassenschaften bekannter Persönlichkeiten, Philosoph*innen, Literat*innen und Komponist*innen. Wir finden Bleistift, Brieföffner oder ein Rastral, der fürs Ziehen von Notenlinien notwendig ist. Erst im Wissen um ihre Besitzer*innen entsteht eine auratische Aufladung, der wir uns kaum entziehen können. Apokryphen sind Dinge die ein Schattendasein führen, die am Rande des Zentrums stehen, die nicht zum Kanon der Hinterlassenschaften gehören. In der Sammlung und Ansammlung von Roggan gehen sie eine Gemeinschaft unter Vielen ein. Roggan baut ein neues Archiv und befragt nicht nur die Dinge selbst, sondern auch das Verfahren, das Selektieren und die Informationsgehalte des Bewahrten.