Die Einzelausstellung vereint Arbeiten unterschiedlicher Werkgruppen aus dem insgesamt sechs Jahrzehnte umfassenden künstlerischen Schaffen der documenta-6-Künstlerin. Zudem werden neue Arbeiten aus zwei erstmals ausgestellten Serien zu sehen sein.

Rune Mields (*1935, Münster) übersetzt ordnende Strukturen und Schemata in Kunst, wobei sich Logik und Ratio mit Poesie und Magie verbinden. Die Einbindung von Symbolen unterschiedlicher Ordnungssysteme, auf denen unsere Gesellschaft basiert, wie Zahlen, Worte, Noten, aber auch abstrakte Zeichen und Ornamente, kennzeichnen ihre meist in Schwarz, Weiß und Grau gehaltenen und bei aller Konzeptualität sehr stark visuell geprägten Gemälde und Zeichnungen. Der Erforschung und Visualisierung von Zahlensystemen stellt sie die in vielen Kulturen existierende magische oder rituelle Bedeutung der Zahlen zur Seite, wissenschaftliche Konzepte und Fragestellungen werden von mythischen oder metaphysischen Ideen überlagert. So stellen sich als zugrundeliegende Elemente ihrer Arbeiten die Visualisierbarkeit der Unendlichkeit und die Limitierung unseres Denk- und Vorstellungsvermögens heraus.

Der Fokus der für ZEITEN UND ZEICHEN ausgewählten Arbeiten liegt einerseits auf der Darstellbarkeit von Zeit in Form von Zahlen, andererseits auf der Darstellung von Zahlen und anderen Zeichen in unterschiedlichen Zeiten und Systemen.

Die Serie Steinzeitgeometrie (1981-1982) führt vor Augen, dass Zeichen seit Beginn der Menschheitsgeschichte vorhanden und Ausdruck eines immerwährenden Dranges nach darstellbaren Ordnungssystemen waren. Die Überschneidung von künstlerischem Ausdruck und Funktionalität von Zeichen wird sichtbar. Die Arbeiten aus Zeit der Zeichen (2000) reflektieren, welche Bedeutung der Einführung der uns heute geläufigen Grundrechensymbole zukommt und gleichzeitig welche grafische Kraft ihnen innewohnt, und ehren die jeweiligen Erfinder dieser Zeichen. Bezugnehmend auf Novalis, unter dessen Aufzeichnungen sich auch mathematische Fragmente finden, und seine Aussage „Die Zahlen sind die Droguen [sic!]“ verbindet Rune Mields in der Werkgruppe Novalis folgend(2011-2017) mathematische Phänomene und Probleme mit philosophischen und künstlerischen Ansätzen. In den Gemälden untersucht sie die bildliche Darstellbarkeit und Ausdruckskraft von mathematischen Sätzen und Zahlensystemen. Die endlichen Ziffern (2018) thematisiert die Nicht- Darstellbarkeit von größeren Zahlen und somit die Endlichkeit von Zahlschriften, also Ziffernsystemen, von Altgriechisch über Arabisch und Hebräisch bis Armenisch, die auf Buchstaben basieren. Diese neue Werkgruppe tritt mit der ebenfalls erstmals öffentlich ausgestellten SerieDie verrinnende Zeit (2016) in einen Dialog, in der eine kurze Zeitspanne (etwa ein Menschenleben umfassend) als Ausschnitt der Unendlichkeit präsentiert wird. Endlich- und Unendlichkeit, symbolisiert durch Sanduhr und Reiher, stoßen im menschlichen Vorstellungsvermögen aufeinander.

Am Ende des Rundgangs begegnet uns die Künstlerin in einemSelbstportrait mit Telefon (2015), das ein Selbstbildnis Maria Lassnigs zitiert. Sie tritt hinter diesem Attribut in den Hintergrund, verdeutlicht aber den subjektiven, künstlichen Eingriff, der hinter jeder Darstellung von Abstraktem steht. Rune Mields macht Unsichtbares sichtbar, das wiederum von den Betrachter*innen als verschlüsselt wahrgenommen wird und entschlüsselt werden muss. Beides geschieht mittelbar und innerhalb der Grenzen, die uns Denkvermögen und Verfügbarkeit von Zeichen setzen. Während die Werke die Betrachter*innen also dazu zwingen, genau hinzusehen und zu versuchen, die Überschneidungen verschiedener inhaltlicher sowie bildlicher Ebenen zu enträtseln, gilt für Mields Arbeiten doch immer die im gleichnamigen Gemälde (2014) zitierte Aussage des Physikers und Aphoristikers Georg Friedrich Lichtenberg: „Die Hauptsache ist immer unsichtbar“.

Über die Künstlerin:
Rune Mields (*1935, Münster) begann ihre künstlerische Laufbahn Ende der 1960er und gehört zu den bedeutendsten bildenden Künstlerinnen Deutschlands. 1968 war sie Mitbegründerin des Kunstvereins Zentrum für aktuelle Kunst – Gegenverkehr in Aachen. 1977 nahm sie an der documenta 6 in Kassel teil und erhielt 1984 eine Gastprofessur an der Hochschule der Künste in Berlin. 1989 war sie Ehrengast der Villa Massimo in Rom. Ihre Arbeiten sind u. a. in den Sammlungen des Ludwig Museums, des Kunstmuseums Bonn, des Landesmuseums Mainz und des der Nationalgalerie Berlin vertreten. Sie erhielt u. a. den Harry Graf Kessler- Preis, den Kulturpreis Köln, den Gabriele Münter Preis und zuletzt den Zonta Cologne Art Award 2016. Sie lebt und arbeitet in Köln.


Zur Eröffnung, am 11. April 2019, spricht Jörg-Uwe Funk, kommissarische Leitung, Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden.