Die Ausstellung ‚Stille über den kalten Fluten des Inns‘ zeigt die innige Auseinandersetzung zweier Künstler, Vater und Tochter, bei gleichzeitiger künstlerischer Eigenständigkeit der Werke. Silvia Hatzl konzipiert für den hohen Galerieraum, im Dialog mit den Werken ihres jüngst verstorbenen Vaters C.A. Wasserburger (geboren als Alexander Hatzl,1940-2018), eine raumspezifische Installation. Das Thema der Zeit, der eigenen, der erlebten und der vergangenen, ist allseits in den Werken präsent.

Silvia Hatzls aufwärtsstrebende, raumgreifende Skulptur aus Stoffbahnen lässt den Betrachter klein werden. Die Textilien fallen leicht aus luftiger Höhe und verdichten sich auf dem Boden einer reliefartigen Landschaft. Hatzl, die als Bühnenbildnerin an verschiedenen Theatern gearbeitet hat, setzt das dadurch erarbeitete Feingefühl für den Raum in ihrer Arbeit als Künstlerin passend ein. Rhythmus und Größe einzelner Gewebebahnen reagieren auf den hohen Ausstellungsraum und sind in Erinnerung an den Bestimmungsort entstanden. Der Betrachter betritt ein ‚Skulpturenbild‘, das sich je nach Standpunkt und Lichteinfall verändert. Die Lebendigkeit, Unebenheit und Transparenz des Materials weckt Assoziationen an japanische Shoji Papiere. Die lichtmalerischen Membranen geben den Blick auf zwei große Gewänder frei als Platzhalter für Personen fungieren. Es sind Gefäße, die die Körper, das Sein aufnehmen. Das Gewand ist Schutz und Hülle, aber auch die fragile Grenze zwischen der Welt und dem Individuum. Die archaische Form des Kleides zitiert frühere Zeiten und fremde Kulturen. Es spielt mit bekannten Elementen der Vergangenheit und bewahrt sie auf diese Weise.

Ein langer komplizierter Entstehungsprozess lässt die einzigartigen Stoffe entstehen: Das Material für die Gewänder gewinnt Silvia Hatzl aus der Bearbeitung von tierischer Haut oder Därmen. Sie verwendet natürlich gewachsene Materialien, die aber geringgeschätzt werden, da sie Abfallprodukte des Konsums sind. Wolle, Seide, Leinen, Asche, Blut und Rost werden unter den Händen der Künstlerin zu überraschend neuen Stoffen, an denen die eingeschriebene Zeit ablesbar ist.

Bereits vor zweitausend Jahren forderte Horaz seine Zeitgenossen auf, die Stunde zu nutzen: ‚Carpe diem‘ soll uns ermahnen und erinnern, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist und wir jeden Tag genießen sollten. Diese Sentenz hat C.A. Wasserburger ganz und gar verinnerlicht und erweitert um den Ausspruch von Bazon Brock: „Wer viel tut, hat viel Zeit.“ So begleitet Wasserburger sein Tun auf Schritt und Tritt: Seinem künstlerischen Schaffen sind weder räumliche noch zeitliche Grenzen gesetzt.

Erinnerungen halten die Zeit fest und können durch Worte und Bilder fixiert werden. Ein Skulpturenensemble in der Ausstellung lässt erahnen, mit welchen Mitteln C.A. Wasserburger seine Lebenszeit gesichert und für die Nachwelt in eine Skulptur gebannt hat. Eine große Vitrine birgt eine Sammlung von Gefäßen mit Bleistiftabrieb und den Reststücken vieler Bleistifte. Daneben ein Tisch mit vierzehn Büchern, die vom Künstler tagtäglich, abends, angefüllt wurden mit Berichten, Erlebnissen, Zeichnungen und von seinem Innersten zeugen. Die Erinnerung ist vom Künstler fixiert worden, doch bleibt uns eine Teilhabe an ihr verwehrt. Das Zeugnis ist niemandem mehr zugänglich, da die Tagebücher mit mehreren miteinander verschweißten Metallbändern vor neugierigen Blicken geschützt wurden. Diese Arbeit Wasserburgers ist bis kurz vor seinem Tod gewachsen, und die letzten drei Tagebücher, die noch nicht verschweißt waren, hat Silvia Hatzl schließen lassen, um damit im Sinne ihres Vaters das Werk vollenden zu können. Was bleibt ist die Botschaft, dass wir, um nicht Last der Vergangenheit zu leiden und die Gegenwart zu überleben, nach vorne schauen müssen.

In allen uns bekannten Kulturen wird Essen und Trinken neben Sexualität und Schlaf lebenserhaltende Funktionen zugesprochen. So verwundert es nicht, dass Wasserburger mit dem Rot des Weines, einem Symbol des Lebens, gearbeitet hat. Die Form des Materialauftrags hinterlässt deutliche Spuren der Flüssigkeit und erinnert an die Schüttbilder von Hermann Nitsch, der die abendländische Kultur- und Philosophiegeschichte mit seinem Orgien Mysterien Theater nachzeichnete. Die Farbe des Weines wird zum Bild, zum Imago, zum unbewussten Vorstellungsbild, das vielerlei Gedanken auslöst. „Wein in einer geschlossenen Flasche ist eine Zeitkonserve, in ihr ist die Sonne aus der vergangenen Zeit. Durch das Öffnen einer Flasche entweicht die Gegenwart von damals.“ (Dr. Dorothea von Koelen, 1990).


Eröffnung: Donnerstag, 16.5.2019 von18:00 bis 21:00 Uhr