In seinen Fotografien geht der Düsseldorfer Künstler Sebastian Riemer (geb. 1982 in Oberhausen) den spezifischen Eigenschaften des fotografischen Bildes auf den Grund. Dabei geht er häufig von historischen Aufnahmen aus, die mitunter sogar aus der Anfangszeit der Fotografie stammen.

In seiner seit 2013 entstehenden Serie „Press Paintings“ greift Riemer auf amerikanische Pressefotos der 1920er- bis 1970er-Jahre zurück. Diese wurden als Druckvorlagen genutzt und vor der Drucklegung manuell bearbeitet, um die Bildinhalte den Anforderungen der jeweiligen Presseartikel anzupassen. So wurden etwa mit Pinsel und Farbe die Veränderungen direkt auf die Foto-Oberfläche aufgetragen. In Reimers hochauflösenden Reproduktionen erscheinen diese Eingriffe in übersteigerter Skurrilität und lassen ihren Ursprung weit hinter sich. Abgebildete Personen werden nahezu Körpergröße den Betrachtern gegenübergestellt. Vormals feine Pinsel- striche der Retuschen erscheinen als expressive Trompe-l'oeil-Malerei.

Reimers seit 2015 entstehende Werkgruppe der „Instant Photos“ beruht auf historischen Daguerreotypien, von denen er Polaroidaufnahmen anfertigt. Dieser Zyklus thematisiert die Fehler der Repräsentation durch die frühen unausgereiften Techniken: Es sind Personen wie Aussparungen im milchigen Lichtkegel zu sehen, der Umraum ist aufgewühlter abstrakter Gestus aus Entwicklerflüssigkeit, der das Bild in ein verwaschenes Blau taucht. Über die Oberfläche ziehen sich einzelne Kratzer. Indem die Personen, die mit dem Habitus der Mitte des 19. Jahrhunderts sowieso aus der Zeit gefallen wirken, wie freigestellt im Bild auftreten, wird ihre Bedeutung und ihre Erzählung mysteriös. Natürlich wird die Aussagekraft und die Lesbarkeit des Porträtfotos befragt, zugleich wird die Distanz veranschaulicht, die zur Gegenwart besteht, und doch sind Riemers Bilder ganz im Heute positionieren.

Riemers Arbeiten gehen über die bloße Aneignung der Vorlagen hinaus, vielmehr wirft er medienspezifische und rezeptionsgeschichtliche Fragen auf. Er befragt das "Postfaktische" der Fotografie, dass ihr seit ihrer Erfindung innewohnt. Die Macht der technischen Bilder ist im digitalen Zeitalter präsenter denn je, weshalb Riemers Revisionen an Aktualität nichts missen lassen; vielmehr werden die bis heute gültigen Mechanismen der Bildproduktion in ihren Anfängen sichtbar und ihr Wirken in Frage gestellt.

Biografie:
2003-2010 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Thomas Ruff und Christopher Williams
2006 Meisterschüler von Thomas Ruff


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: muenchner-stadtmuseum.de

Sebastian Riemer, “Abandoned (Soccer)”, 2016, Pigmentprint © Sebastian Riemer
24.05. - 25.08.2019

FORUM 049: Sebastian Riemer – Archivarische Empathie

Münchner Stadtmuseum

St.-Jakobs-Platz 1
80331 München