Aufbruch in die Moderne – Französische und deutsche Künstler auf den Spuren von Matisse: Publikumsliebling Henri Matisse (1869–1954) ist Synonym für malerische Innovation bis an die Grenze zur Abstraktion. Als "Künstler für Künstler" hat Matisse am Beginn des 20. Jahrhunderts mit zeichenhaften und farbintensiven Werken eine jüngere Generation französischer und deutscher Künstler inspiriert und von festgefahrenen Traditionen befreit. Die Kunsthalle Mannheim präsentiert in der Sonder-ausstellung „Inspiration Matisse“ (27.09.2019 bis 19.01.2020) mit mehr als 120 Gemälden, Plastiken, Keramiken und graphischen Arbeiten den Pionier der Moderne im Kreis seiner Zeitgenossen: von den französischen Fauvisten über die deutschen Expressionisten bis zu Schülern der „Académie Matisse“. 

Als die Kunst von Matisse in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals in Erscheinung trat, spaltete sich das Publikum in leidenschaftliche Anhänger und nicht minder passionierte Gegner. Zahlreiche Künstler der Avantgarde ließen sich von seiner farbtrunkenen, expressiven Malerei inspirieren. Einzelne deutsche Kunstkenner, die das Pariser Kunstleben regelmäßig beobachteten, hatten bereits 1905 begonnen, seine Kunst wahrzunehmen. Die Diskussion über die auf viele so neuartig wirkenden Kunst begann jedoch vor allem 1906/07, als einzelne seiner Werke bei einer Wanderausstellung neuerer französischer Kunst erstmals auf deutschem Boden zu sehen waren – in München, Frankfurt am Main, Dresden, Karlsruhe und Stuttgart. 

Im Dezember 1908 reiste Matisse nach Berlin, wo im Januar 1909 eine Retrospektive seiner Kunst über die Grenzen der Reichshauptstadt hinaus von sich reden machte. Nahezu alle jüngeren wie etablierten Künstler sahen diese Ausstellung des Kunstsalons Paul Cassirer, angefangen mit Max Beckmann, der urteilte: „Eine unverschämte Frechheit nach der anderen“. Aus Dresden waren Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner angereist. Zerrissen zwischen dem Glücksgefühl, auf einen Geistesverwandten zu stoßen, und dem Schock, den die Kompromiss-losigkeit der Werke aus Paris auslöste, die selbst dort für Furore und Ablehnung gesorgt hatten, schrieben sie an den in Dresden gebliebenen Erich Heckel auf einer Postkarte lakonisch: "Matisse z.T. recht wüst." 

Die progressiven und frankophilen deutschen Kritiker erkannten in Matisse einen neuen Stern am Kunsthimmel, einen Revolutionär, der fortsetzte, was van Gogh, Gauguin, Seurat und Signac sowie vor allem Cézanne begonnen hatten, während die konservative Presse befürchtete, die jungen deutschen Künstler könnten mit einem unheilvollen Virus infiziert werden und es ihm gleichtun. Zwar war es Konsens, dass es wieder eine starke, neue deutsche Kunst geben müsse; doch viele meinten, eine solche sollte sich unabhängig von der Pariser Kunst entwickeln. 

Matisse verband mit Deutschland vor allem Erinnerungen an drei Reisen nach Speyer, Heidelberg und Nürnberg sowie München (Sommer 1908), Berlin und Hagen (Jahreswende 1908/09) sowie München und Garmisch-Partenkirchen (Herbst 1910). Er besuchte dort u.a. Museen, Sammler, die große Ausstellung islamischer Kunst auf der Münchner Theresienwiese 1910, aber auch traditionsreiche gastronomische Betriebe wie den Münchner Löwenbräukeller, wo er sich in einem Vorläufer des Photomaton mit seinen deutschen Begleitern und hochgehaltenen Maßkrügen ablichten ließ (siehe Pressefoto). Auf seinen Reisen begegnete er zahlreichen Persönlichkeiten. Einer seiner wichtigsten Partner war Karl Ernst Osthaus, der Gründer des Folkwang-Museums in Hagen. 

Ob Matisse bei seinen Reisen auch in Mannheim Halt machte, ist nicht überliefert. 1908 besichtigte er in Heidelberg das große Fass im Schloss. In Speyer besuchte er Hans Purrmann, seinen Schüler in seiner privaten Malschule „Académie Matisse“, in der er 1908 bis 1910 rund 100 Schüler aus dem In- und Ausland unterrichtete. Bei der Mannheimer Jubiläums-Ausstellung 1907 war er indes nicht vertreten. Die Kunsthalle Mannheim eröffnete erst 1909 und der bedeutende Mannheimer Sammler Sally Falk besaß wohl erst später eine Plastik sowie zwei Grafiken des Franzosen.

150 Jahre nach seiner Geburt präsentiert die Kunsthalle Mannheim Henri Matisse neben zentralen Werken von André Derain, Georges Braque, Charles Camoin, Kees van Dongen, Raoul Dufy, Henri Manguin, Albert Marquet und Maurice de Vlaminck ebenso wie von Ernst Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky, August Macke, Gabriele Münter sowie Max Pechstein und schließlich von Rudolf Levy, Oskar und Margarete Moll, Hans Purrmann und Mathilde Vollmoeller. Die verschiedenen künstlerischen Positionen treten in einen offenen Dialog und ermöglichen neue Perspektiven. Es wird deutlich, dass Matisse formal wie inhaltlich neue Wege wies und zugleich wie ein Katalysator für jeweils individuelle künstlerische Befreiungen wirkte.

Diese weltweit erste Zusammenschau zeigt kostbare Leihgaben aus Museen und privaten Sammlungen in Belgien, Dänemark, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Norwegen, Schweden, der Schweiz, Spanien und den USA. Unter den Leihgebern sind: Nationalgalerie (Berlin), Pinakothek (München), Städtische Galerie im Lenbachhaus (München), Staatsgalerie (Stuttgart), Musée Matisse (Nizza), Tate (London), Nasjonalgalleriet (Oslo), Fondation Beyeler (Riehen / Basel), Museo Thyssen-Bornemisza (Madrid), Art Institute (Chicago) und Metropolitan Museum (New York).