Von Mode speichern wir meist nur Bilder und glamouröse Inszenierungen. Ihre Materialität gerät dabei ebenso oft in den Hintergrund wie die vielfältigen Gestaltungsprozesse, die ihr zugrunde liegen. Im Rahmen des Jubiläumsprogramms „100 jahre bauhaus“ zeigt die Ausstellung „Tracking Talents“ Mode als Designprozess und fokussiert von der Ideenfindung über die Anfertigung bis zur Präsentation auf dem Laufsteg die vielfältigen Schritte des modischen Gestaltens. Anhand von rund 50 Entwürfen von ebenso vielen jungen Modedesigner*innen präsentiert „Tracking Talents“ in der oberen Sonderausstellungshalle des Kulturforums die ganze Vielschichtigkeit kreativer Modeprozesse.

Mode hatte am Bauhaus keinen offiziell zugewiesenen Platz. Design vom ephemeren Charakter der Mode zu befreien, gehörte zu den allgemeinen Zielen der Schule. Am Bauhaus erfolgten jedoch eine grundlegende Reflexion über das Textile sowie eine intensive Auseinandersetzung mit textilen Techniken, welche die Mode der Moderne stark geprägt haben. Auch die fortschreitende Demokratisierung der Mode im Kontext der Moderne sowie ihre zunehmende Transformation zur kreativen Handlung des Alltäglichen weist enge Verbindungen mit vielen Bauhaus-Ideen auf. Angesprochen ist damit auch die grundlegende Frage hinsichtlich der Beziehung zum historischen Bauhaus, welche dem gesamten Projekt „Tracking Talents" zugrunde liegt: Wie lässt sich eine so wertvolle und intensive Erfahrung mit dem Gestalten kritisch reflektieren und gleichzeitig unter bestimmten Aspekten sowie in heutigen Zusammenhängen weiterführen?

Das Projekt ist eine Kooperation des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Museen zu Berlin, der weißensee kunsthochschule berlin, der Hochschule Trier, der ESAA Duperré Paris, der Esmod Paris und des Apolda European Design Award, und wird kuratiert von Clara Leskovar und Doreen Schulz, Professorinnen für Modedesign an der weißensee kunsthochschule berlin.

Der Kontext, in dem die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten entwickelt wurden, zeigt eine starke Affinität zum Bauhaus. Denn das Bauhaus war eine Schule: Prozesse des Wissenstransfers zwischen den verschiedenen Gestaltungsdisziplinen sowie zwischen Schule und Industrie spielten hier eine fundamentale Rolle. In Anlehnung daran setzte sich das Projekt „Tracking Talents“ das Ziel, Mode im Kontext eines Austausches verschiedener Designhochschulen untereinander sowie zwischen diesen und bestimmten Traditionsmanufakturen (Strickfirmen, Bekleidungskonfektionen und Lederverarbeitung in Apolda und Umgebung in Thüringen) zu reflektieren. Inwieweit können sich junge Talente im Bereich Mode- und Textildesign und lokale Produktionsstandorte, die von der fortschreitenden Globalisierung bedroht sind, gegenseitig stimulieren? Wie können sich dabei das Handwerkliche und das Maschinelle, das Künstlerische und das Technologische kreativ ergänzen? Inwieweit kann hier mit alternativen Wegen des Modemachens experimentiert werden?

Die Ausstellung zeigt Mode, die multisensoriell erfahrbar gemacht werden möchte: Die Haptik der Materialien ebenso wie die Arbeit und Technik, die sich hinter Formen und Texturen verbergen, sollen hier und auch im Rahmen der während der Ausstellung angebotenen Workshops Thema sein. Gezeigt werden daher nicht nur fertige Outfits und Modeobjekte, sondern auch Materialproben, Experimente mit Oberflächen und Strukturen sowie Skizzen und Zeichnungen, die den langen Weg zur Materialisierung und Medialisierung von Mode nachvollziehen lassen. Das Machen und das Tragen von Mode kommen sich dabei näher: Durch das Sehen, Hören, Mitverfolgen werden Besucher*innen in die komplexen Prozesse der Entstehung von Kleidung involviert.

Die zeitliche Komponente kreativer Modeprozesse wird damit ebenfalls aktualisiert. Denn Mode ist, wie es der Designer Yohji Yamamoto einmal ausdrückte, eine Art, die Zeit zu zeichnen. Die Zeit, in der Mode entsteht, ist meist eine kollektiv erlebte Zeit, die menschliche Relationen beinhaltet. Dieser Dimension wird im Rahmen des gesamten Projektes große Bedeutung beigemessen. Das Mitwirken unterschiedlicher Hände, Visionen, Wissensrepertoires wird hier als Bedingung des Entstehens von Mode postuliert. Diese Idee spiegelt sich in der Inszenierung der Ausstellung wider, welche den kollektiven Charakter des Projektes, die Mehrstimmigkeit der dargestellten Prozesse mehr als die individuellen Positionen unterstreichen möchte.

Das Tragen von Kleidung als kontextspezifische, individuelle und soziale Handlung ist ein weiterer der in der Ausstellung verfolgten Fäden: Modeprozesse zu reflektieren, heißt dann auch, sich Fragen hinsichtlich der Beziehung von Kleidung und Körpern in unterschiedlichen Situationen zu stellen und über die Tragbarkeit oder Untragbarkeit bestimmter Artefakte nachzudenken. Grundlegende Funktionen der Kleidung neu zu interpretieren und an die heutige Zeit anzupassen, gehört ebenfalls zu dieser Reflexion über die Mode. Die Unsicherheit, die unsere Zeit charakterisiert, wirft etwa Fragen an die schützende Funktion von Kleidung auf: neu gedacht werden Volumen, Formen, Materialien sowie die alltäglichen Gesten, die mit Kleidung verbunden sind.

All diese Aspekte bringen die vieldeutige Idee des Tracking zum Ausdruck. Es geht darum, Schritte sichtbar zu machen, Spuren zu sichern, aber auch Problembereiche zu identifizieren, kontroverse Fragen hervorzuheben und neue Fragen auf Seiten der Besucher*innen anzustoßen. Die Spezifität und die besondere Rolle von Mode im Kontext des zeitgenössischen Designs stehen diesbezüglich im Mittelpunkt: Wie positioniert sich das Modedesigns in der heutigen Welt? Wie befasst es sich mit der Umweltkrise? Wie kann Mode gesellschaftlich relevante Fragen adressieren? Wie kann sie soziale Bedürfnisse ästhetisch verarbeiten?

Mode soll man im Sinne des Ausstellungsmottos nicht nur folgen, sondern auch verfolgen können. Ihre Selbstverständlichkeit soll dabei in Frage gestellt und ihre Wege im Spannungsfeld zwischen kreativer Produktion und verantwortlichem Konsum aufgezeigt werden.


Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: www.smb.museum

Tracking Talents, © Weissensee Kunsthochschule Berlin
07.06. - 04.08.2019

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