Die Sonderausstellung präsentiert eine faszinierende Sammlung von etwa 100 Arbeiten eines alten Nürnberger Kunsthandwerks, dem mit dem Namen der Beckschlagergasse ein bleibendes Zeichen in Nürnberg gesetzt ist. Das Beckenschlägerhandwerk und seine Produkte – die golden leuchtenden Beckenschlägerschüsseln – haben jedoch heute in der Regel Erklärungsbedarf. Dabei waren diese Schüsseln in ihrer Entstehungszeit, an der Wende von Mittelalter zur Neuzeit, ein begehrtes Nürnberger Handelsprodukt. Schon seit dem 19. Jahrhundert ist es in Sammlerkreisen beliebt und so ist es auch ein privater Sammler, der seine Kollektion für dieSonderschau der Reihe „Fremde Schätze“ zur Verfügung stellt.

Die Nürnberger Beckenschläger
Die Nürnberger Beckenschläger bestanden aus einem Verbund kleinerer Beckenschläger-Werkstätten, die wegen ihres lärmenden Gewerbes in der damaligen Vorstadt – vor dem Laufer Tor – angesiedelt waren. Nominell waren die Beckenschläger keine Zunft, sondern ab 1493 ein sogenanntes geschworenes Handwerk. Sorgfältig darauf bedacht, Betriebsgeheimnisse zu bewahren und nicht etwa durch Lehrlinge aus der Stadt tragen zu lassen, waren ihnen strenge Reisebeschränkungen auferlegt. In weniger als 200 Jahren, in denen das Handwerk seine Hochblüte hatte, wurden in Nürnberg Hunderttausende von Beckenschlägerschüsseln produziert, die in ganz Europa verkauft wurden.

Beckenschlägerschüsseln – eine von vielen Bezeichnungen
Becken ist der alte Ausdruck für Schüsseln, oft haben die Beckenschlägerschüsseln aber auch die Form von Tellern. Sie heißen auch Tauf-, Blut- oder Aderlass-Schüsseln und wurden einst angeblich von Barbieren gebraucht. Entsprechend der späteren Verwendung in Kirchen werden sie in anderen Sprachen gerne als Almosenschüsseln oder Almosenteller bezeichnet.

Ein Produkt für viele Zwecke
Über die tatsächliche Verwendung dieser Gefäße ist kaum etwas bekannt. Zu einer Zeit, als Besteck noch nicht gebräuchlich war, wurden die Schüsseln sicher häufig zum Händewaschen am Tisch wohlhabender Leute gebraucht. Alte Lötspuren belegen, dass sie wasserdicht sein mussten. Die Messingteller waren Prunkgeschirr und standen auf einem Bord, hingen jedoch nie an der Wand wie heute, denn sie tragen keine ursprünglichen Aufhängevorrichtungen. Stand eine Kerze davor, konnten sie das Licht reflektieren und wurden dafür fleißig blank geputzt, was ihre starke Abnutzung erklärt: Erhabene Stellen im Ornament sind häufig durchgescheuert und erscheinen heute als Löcher. Der Findigkeit der Besitzer waren jedoch keine Grenzen gesetzt – so wurden die Schüsseln beispielsweise in Katalonien auch in Kirchen aufgehängt, um heruntertropfendes Lampenöl aufzufangen.

Vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit
Der Herstellungszeitraum der Beckenschlägerschüsseln muss kurz vor 1450 begonnen und gegen 1620 geendet haben. Die Quellenlage ist äußerst dürftig und zeigt kaum, welche Formen oder Dekore wann produziert wurden. Etwa um 1500 löste die Neuzeit das Mittelalter ab. Der stilistische Übergang von der Spätgotik zur Renaissance erfolgte in unseren Breiten etwa um 1520. Daher tragen viele Schüsseln noch gotischen Charakter. Dieser ist an Grafiken leichter auszumachen als am verzierten Messing – einen Renaissancedekor an den Schüsseln fest- zustellen, ist schwierig. Kunsthistoriker erkennen dort Formen von Vasen oder Brunnen, die auf Grafiken Nürnberger Künstler zurückgehen. Die letzten Dekore entstanden um 1535, danach kam nichts Neues mehr hinzu.

Dekor von der Matrize – eine Nürnberger Besonderheit
Die Verzierung der Rohlinge erfolgte in Nürnberg stets mittels einer Matrize aus Stahl, die etwa wie ein überdimensionaler Münzstempel aussah. In sie war das Motiv im Negativ, also spiegelbildlich eingeschnitten. Die Herstellung solcher Matrizen war extrem aufwändig und erforderte wochenlange Arbeit von Spezialisten. Das machte die Matrizen so kostbar, dass sogar solche mit beschädigter Schrift lange weiterverwendet wurden. Die Verzierung mit Hilfe einer Matrize ist ein Alleinstellungsmerkmal für alle Nürnberger Beckenschlägerschüsseln.

Unverzierte Ware, und das waren die meisten Beckenschlägerschüsseln, lässt sich nicht eindeutig zuordnen. Zwar gab es schon im 14. Jahrhundert Beckenschläger, auch in anderen Städten, die allerdings nicht mit Matrizen arbeiteten. Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts traten verzierte Messingteller auch in Norddeutschland auf, zahlreicher noch in denwestlichen Niederlanden, wo sie „doopschotels“ heißen, Taufschüsseln.Auch sie wurden auf einer Drückbank geformt, der Rand um einen starken Eisenreif gebördelt. Der wenig abwechslungsreiche Dekor wurde jedoch frei getrieben.

Sammlungen von Nürnberger Beckenschlägerschüsseln
Von den zahlreichen in Nürnberg produzierten Schüsseln sind heute noch einige Tausend erhalten. Sammler besitzen meist weniger als 40 Stück, ein einziger trug 200 Exemplare zusammen. Große Museen zeigen in ihren Dauerausstellungen maximal ein gutes Dutzend, in den Depots schlummern bis zu 150 Stück. Dabei ist keine Sammlung festzustellen, die auf Systematik oder Vollständigkeit angelegt ist. Die im Stadtmuseum im Fembo-Haus ausgestellte Kollektion wurde nach Formen und Dekoren zusammengetragen, die wiederum die Gliederung der Ausstellung bestimmen.

Formen und Dekore
Der Eingangsraum der Ausstellung präsentiert die Formenvielfalt der Beckenschlägerschüsseln: vom riesigen Taufbecken über große und kleine Teller bis hin zum randlosen Napf. Ergänzend werden hier die Fachbegriffe erklärt, die die einzelnen Bestandteile von Tellern und Schüsseln benennen.

Vom zweiten Raum an ist die Ausstellung chronologisch gegliedert und spiegelt die technische und stilistische Entwicklung wider:

Die ältesten Schüsseln tragen kein Mittelmotiv im Spiegel und sind um die 40 cm groß. Nach dem nabelähnlichen Buckel im Zentrum – Umbilicus (lat.) heißt Bauchnabel – werden sie als Umboschüsseln bezeichnet. Sie sind aufgrund ihres hohen Alters rar und gesucht.

Sogenannte Übergangsformen vereinen ein Mittelmotiv mit bereits bestehenden Ornamenten der Umboschüsseln. Hierfür wurden alte Matrizen weiterverwendet.

Der früheste und häufigste Dekor im Spiegel ist als „Fischblasenrosette“bekannt. Mehr als die Hälfte aller Beckenschlägerschüsseln trägt das Muster in unterschiedlicher Ausprägung. Es ist schon seit 1463 belegt.

Die meisten Mittelmotive sind von einem Ringwulst von etwa 17 cm Durchmesser umgeben, für den eine Rinne in den Matrizenrand eingearbeitet war. Diese Standardisierung gestattete weitere Verzierungen in variabler Form.

Neben floralen, figürlichen und ornamentalen Friesen gibt es etwa 40 verschiedene Schriftkränze, die zur Dekoration verwendet wurden. Nebensinnvollen Texten auf Deutsch oder Latein wie „Hilf Got aus Not“ oder „ave maria gracia plena“ überwiegen pseudogotische Buchstabenfolgen, die – in einer Zeit, als Lesen einer Minderheit vorbehalten war – Schrift lediglich imitieren. Sie sind sinnfrei und als Ornament zu verstehen.

Bei den frühen figürlichen Darstellungen dominieren entsprechend dem Zeitgeist religiöse Themen. Verkündigungsszenen waren sehr verbreitet, die Sündenfall-Darstellungen gibt es in neun Varianten, von denen nur eine schon Renaissancecharakter hat. Von den Heiligen war besonders der Drachentöter Georg beliebt. Auch die Opfersymbolik mit dem Agnus Dei war in unterschiedlichen Formen verbreitet. Seltener der Pelikan, der sich der Legende nach die Brust aufreißt, um seine Brut zu nähren. Als Evangelist wurde Markus bevorzugt dargestellt, während der in einem kleinen Napf gezeigte Lukas eine große Rarität ist. Ebenso das Einhorn, ein erst unlängst entdecktes kleines Motiv. Generell sind die kleinen Teller seltener, da sie offenbar weniger aufbewahrt wurden.

Weitere Besonderheiten
Es gibt in der Ausstellung auch viele Besonderheiten zu entdecken, darunter Schüsseln mit Emaille-Auflagen als kostbare Verzierungselemente oder einen Esels-Unterkiefer, wie er dem Samson als Keule diente. Bemerkenswert ist auch eine Schüssel mit dem spanischen Wappen Kaiser Karls V., die vermutlich als Exportware für Spanien produziert wurde. Zu sehen sind außerdem „umgekehrte“ Schüsseln mit dem Dekor auf der gewölbten Außenseite, die in katalanischen Kirchen als Tropfschalen für hoch aufgehängte Ewig-Licht-Ampeln dienten und daher nur von unten zu sehen waren.

Objekte zum Reden bringen
Über den Herstellungsprozess der Schüsselrohlinge ist wenig bekannt. Hier dienen die Stücke selbst als Dokumente, da sie eindeutige Spuren tragen, an denen ihre Entstehung abzulesen ist. „Metallumformung“ ist dasSchlüsselwort:

Im letzten Raum der Ausstellung zeigt ein Filmbeitrag aus einer Metalldrückerei in Wendelstein, wie einfach ein rundes Messingblech zu einer Schüssel umgeformt werden kann. Es wird in eine Drehbank eingespannt, die vor der Elektrifizierung mit einem Transmissionsriemen angetrieben wurde, der seine Kraft von einem Wasserrad bezog. Das ausgeglühte und dadurch weichere Blech wird auf eine Form aufgezogen, indem ein gefetteter, polierter Andrückstahl von der Mitte her mit Hebelkraft gegen die Form gepresst wird. Das hinterlässt spezielle Drückrillen auf der Rückseite des Gefäßes.

Im gleichen Raum stehen in einer „Begreif-Station“ verschiedeneExemplare von Beckenschlägerschüsseln bereit, dürfen untersucht und verglichen werden. Hier lassen sich sogar Merkmale entdecken, die helfen, ein Original von einer Kopie zu unterscheiden: Eine echte Beckenschlägerschüssel ist beispielsweise überraschend schwer, da ihr gehämmertes Blech in der Mitte viel stärker ist als am Rand. Niederländische Schüsseln und viele Fälschungen sind dagegen deutlich leichter, da sie aus gezogenem, dünnerem Blech gefertigt wurden.

Der Sammler
Dr. Klaus Tiedemann, ein Anatomieprofessor, hat vor 30 Jahren die Beckenschlägerschüsseln eher zufällig als weiteres Sammlungsgebiet für sich entdeckt und seit seiner Pensionierung verstärkt erforscht.

Dabei bemühte er sich besonders, grafische Vorbilder von Künstlern für die Motive aufzuspüren. Denn die Matrizenschneider und Beckenschläger waren Handwerker, die mit Sicherheit auf Vorlagen zurückgriffen. Ihr Auffinden bestätigt die bisweilen angezweifelte Herkunft der Beckenschlägerschüsseln aus Nürnberg. Holzschnitte aus der Schedelschen Weltchronik standen Pate, aber auch Werke von Albrecht Dürer und Meistern aus seinem Umfeld wie Erhard Schön, Hans Sebald Beham, Albrecht Altdorfer, Hans Schäufelein oder Georg Pencz. In der Ausstellung werden lediglich Abbildungen solcher Grafiken gezeigt, da die Originale die helle Beleuchtung nicht vertragen.

In seinem Fachbuch „Nürnberger Beckenschlägerschüsseln“ (Nuremberg Alms Dishes) bildet Dr. Klaus Tiedemann jedes Motiv und jeden Schriftkranz farbig ab und zeigt darüber hinaus zahlreiche Fälschungen, die den Markt überschwemmen, etwa 30 Prozent des heutigen Bestands ausmachen und es sogar bis in die Sammlungen von Museen geschafft haben.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 10:00 - 17:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: museen.nuernberg.de/fembohaus

Beckenschlägerschüssel mit dem Motiv "Vornehme Dame", Nürnberg, 16. Jh. Frei zur Veröffentlichung nur mit dem Vermerk: Bildnachweis: Klaus Tiedemann
22.03. - 18.08.2019

Leuchtendes Messing. Die Kunst der Nürnberger Beckenschläger

Stadtmuseum im Fembo-Haus

Burgstraße 15
90403 Nürnberg