Mit dem „Liegenden Löwen“ des Bildhauers August Gaul erinnern die Staatlichen Museen zu Berlin künftig an zentraler Stelle der James-Simon-Galerie an die Enteignung der Kunstsammlung des Verlegers und Mäzens Rudolf Mosse (1843–1920). Die Skulptur gehörte zu der Kunstsammlung, die der Familie Lachmann-Mosse durch die Nationalsozialisten entzogen worden war. Das Werk wurde 2015 restituiert und konnte 2016 mit einer Bundeszuwendung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie einem Förderzuschuss der Kulturstiftung der Länder für die Nationalgalerie zurückerworben werden. Nach umfangreicher Restaurierung ist die Skulptur ab dem 13. Juli 2019 dauerhaft im Foyer der James-Simon-Galerie zu sehen.

Die Sammlung Mosse
Als „eine der großartigsten und reichhaltigsten deutschen Sammlungen“ bezeichnete der zeitgenössische Kunstkritiker Max Osborn im Jahr 1912 die Kunstsammlung, die der Verleger Rudolf Mosse (1843–1920) insbesondere in den 1880er- und 1890er-Jahren zusammengetragen hatte, und die mehrere tausend Werke umfasste.

Ab 1910 war ein Teil der Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich: In seinem prachtvollen Palais am Leipziger Platz präsentierte Mosse in 20 Sälen und über drei Stockwerke verteilt seine Kunstsammlung. Der Schwerpunkt lag auf zeitgenössischen Gemälden des Realismus, Ausnahmen bildeten vereinzelte Werke des Naturalismus und einige Alte Meister. Neben Arbeiten namhafter Künstler, darunter Adolph Menzel, Max Liebermann und Hans Thoma, erwarb Mosse zahlreiche Werke junger und bisher unbekannter Künstler, die er auf diese Weise finanziell unterstützen wollte. Neben Gemälden und Skulpturen umfasste die in Kunstkreisen als „Mosseum“ bekannte Sammlung Kunstgewerbe, Tapisserien, Bücher, ägyptische und römische Kunstwerke, Benin-Bronzen, Teppiche, Stickereien, ostasiatische Objekte und Möbel.

Nach seinem Tod im Jahr 1920 erbte Rudolf Mosses Adoptivtochter Felicia Lachmann-Mosse die Sammlung. 1933 wurde die Kunstsammlung der Familie Lachmann-Mosse durch die Nationalsozialisten entzogen. Zahlreiche Werke wurden 1934 über die Auktionshäuser Rudolph Lepke und Union veräußert.

Der Bildhauer August Gaul
August Gaul (1869–1921) ist ein wichtiger Vertreter der deutschen Bildhauerei, der den Übergang in die Moderne maßgeblich prägte. Der aus einer Steinmetzfamilie stammende Gaul begann seine künstlerische Ausbildung als Zwölfjähriger an der Königlichen Zeichenschule Hanau und setzte sie ab 1888 in Berlin an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums fort, wo er sich zeitgleich im Atelier von Alexander Calandrelli (1834–1903) verdingte. An der Hochschule der bildenden Künste in Berlin besuchte er später u.a. die Klasse des Tiermalers Paul Meyerheim (1842–1915). Der damals tonangebende Berliner Bildhauer Reinhold Begas (1831–1911) förderte ihn als Gehilfe und späteren Meisterschüler und arbeitete mit ihm am Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal und anderen Monumentalprojekten. Daneben entwickelte Gaul kleinformatige, impressionistisch bewegte Tierstudien.

Während eines Romreise-Stipendiums traf Gaul auf den Kreis der Neoklassizisten um Louis Tuaillon (1862–1919) und Adolf von Hildebrand (1847–1921), deren Ideen seine weitere Arbeit maßgeblich beeinflussen sollten. Zurück in Berlin stellte er zusammen mit der neu gegründeten Berliner Secession aus und räumte Paul Cassirer die alleinige Vertretung seines Werks ein. Ämter und Ehrungen spiegeln die zunehmende Anerkennung seines Schaffens wider: 1904 wurde Gaul zum Mitglied der Preußischen Akademie gewählt, 1908 erhielt er den Professorentitel, 1919 wurde er in die Ankaufskommission der Berliner Nationalgalerie berufen. Werke von Gaul gelangten in zahlreiche bedeutende Privat- und Museumssammlungen. 

In seinem Œuvre konzentrierte sich Gaul maßgeblich auf das Genre der Tierdarstellung und verließ damit die traditionellen bildhauerischen Auftragsfelder der Porträt- und Denkmalskunst des 19. Jahrhunderts.

August Gauls „Liegender Löwe“
Rudolf Mosse hatte den überlebensgroßen „Liegenden Löwen“ um 1900 bei August Gaul in Auftrag gegeben. Er stellte ihn in seinem Palais am Leipziger Platz aus, wo ab 1910 seine umfangreiche Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich war.

Der über eine Tonne schwere Löwe, dessen Mähne und Muskeln ornamental angelegt sind, markiert eine Neuorientierung Gauls weg von naturalistisch bewegten, symbolisch aufgeladenen Tierdarstellungen hin zu einem auf Details verzichtenden beruhigten Stil, der größere Flächen zu einer bildhauerischen Gesamtform verdichtet.

Gauls „Liegender Löwe“ ist ein explizites Auftragswerk, wie die Zeitschrift „Die Kunst“ berichtete, von einem „hiesigen Kunstfreund“ (Die Kunst, 1902/03, S. 550) bestellt: dem Verleger und Kunstsammler Rudolf Mosse.

Gaul, der die Steinbearbeitung im väterlichen Betrieb gelernt hatte, führte das Werk entgegen gängiger Konventionen eigenhändig aus und verzichtete auf eine Reproduktion und Verbreitung des Entwurfs in anderen Materialen. Bereits im Dezember 1903 hatte der Künstler die Arbeiten am Löwen beendet, und so konnte das Werk im darauffolgenden Jahr in das Mosse-Palais am Leipziger Platz eingebracht werden. Dem Auftrag Mosses an Gaul kam eine besondere Relevanz zu, da es sich offensichtlich um den ersten von Paul Cassirer vermittelten Privatauftrag handelte, der somit die über Jahre andauernde fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Galerie und Bildhauer begründete.

Entzug, Restitution und Neuaufstellung des „Liegenden Löwen“
Noch 1929 war der Löwe in der Eingangshalle des Mosse-Palais’ ausgestellt, ab spätestens 1935 ist er im Außenbereich des Familienanwesens am Leipziger Platz 15 dokumentiert.

Die Familie Mosse war unmittelbar nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten Repressalien ausgesetzt – zum einen weil sie jüdisch war, zum anderen wegen ihrer politischen Haltung. Felicia Lachmann-Mosse und ihrem Ehemann Hans gelang es im Frühjahr 1933, zu emigrieren. Ihr zurückgelassenes Vermögen wurde unter staatliche Aufsicht gestellt. Die umfangreiche Kunstsammlung, die Felicia von ihren Eltern Rudolf und Emilie Mosse geerbt hatte, musste in Berlin sowie auf dem Landsitz der Familie, Rittergut Schenkendorf, südöstlich von Berlin, verbleiben. Bereits im darauffolgenden Jahr wurde sie auf Betreiben der Nationalsozialisten vom Auktionshaus Lepke meistbietend, aber deutlich unter Wert versteigert. Gauls „Liegender Löwe“ wurde nicht aufgerufen, er verblieb im Einfahrtsbereich des Stadtpalais’ und überstand dort dessen kriegsbedingte Zerstörung fast unversehrt.

Vom Magistrat der Stadt Berlin (Ost) wurde er zunächst der Nationalgalerie (Ost) zur Aufbewahrung übergeben, 1951 geschenkt und schließlich in den Inventaren der Galerie des 20. Jahrhunderts bzw. der Nationalgalerie (Ost) verzeichnet. Lange Zeit stand er in der Kutschendurchfahrt der Nationalgalerie (heute Alte Nationalgalerie), wo er in der Tradition der Wächterfigur programmatisch die Besucher*innen begrüßte und auf die plastischen Bilderwerke des Kolonnadenhofs (darunter Gauls „Stehender Löwe“ in Bronze von 1904) verwies.

Bereits 2015, noch vor der Gründung der Mosse Art Research Initiative (MARI), konnte das Werk an die Erbengemeinschaft der Familie Lachmann-Mosse restituiert werden und 2016 mit einer Bundeszuwendung der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) sowie einem Förderzuschuss der Kulturstiftung der Länder für die Nationalgalerie angekauft werden. Nach umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen wird die Skulptur ab dem 13. Juli 2019 in der neu eröffnenden James-Simon-Galerie ihre dauerhafte Aufstellung finden

Restitutionen an die Erben von Rudolf Mosse
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat seit 2015 neun Kunstwerke an die Erben von Felicia Lachmann-Mosse restituiert. Sie war bei der systematischen Überprüfung ihrer Sammlungen auf die Werke gestoßen und hatte damit begonnen, mögliche Erben zu ermitteln, als sie 2014 vom Mosse Art Restitution Project um Auskunft zu zwei dieser Objekte gebeten wurde. Eine faire und gerechte Lösung konnte rasch gefunden werden. Drei der restituierten Werke konnten in den darauffolgenden Jahren für die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin erworben werden: Ein römischer Kindersarkophag aus der Antikensammlung sowie der „Liegende Löwe“ von August Gaul und die Skulptur „Susanna“ von Reinhold Begas aus der Nationalgalerie.

Die restituierten Werke waren auf unterschiedlichen Wegen in die Sammlungen der Museen gelangt: 1942 kaufte die Antikensammlung aus Privatbesitz einen römischen Kindersarkophag, der 1934 auf der Auktion der Sammlung Mosse angeboten worden war. Ebenfalls in die Auktion einbezogen waren zwei Objekte ägyptischen Ursprungs, ein Opferbecken und ein Eingeweidekrug. Diese tauchten erst 1970 in Brandenburger Privatbesitz wieder auf und wurden vom Ägyptischen Museum (Ost) angekauft. Unmittelbar nach Kriegsende 1945 stellte Kurt Reutti, Mitarbeiter des Berliner Magistrats, im Außenbereich des Mosse-Palais am Leipziger Platz in Berlin die Skulptur des „Liegenden Löwen“ von August Gaul sicher. In den 1950er-Jahren übergab ein Kommando der Deutschen Grenzpolizei den Staatlichen Museen zu Berlin weitere vier Objekte, die aus dem Anwesen der Mosses in Schenkendorf bei Königs Wusterhausen stammten: zwei Steinlöwen chinesischer Herkunft sowie zwei liegende Windhunde. Die vier Werke gelangten in die neu entstandene Ostasiatische Sammlung auf der Museumsinsel Berlin.

Die Mosse Art Research Initiative (MARI)
Seit 2017 erforschen Wissenschaftler*innen der Freien Universität Berlin gemeinsam mit der Erbengemeinschaft der Familie Mosse und weiteren Projektpartner*innen, wo sich die von den Nationalsozialisten entzogenen Werke der Sammlung von Rudolf Mosse heute befinden.

Beteiligt sind die Kulturstiftung der Länder, die Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, die Stiftung Jüdisches Museum Berlin und das Landesarchiv Berlin. Kooperationspartner sind die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, das Wallraf-Richartz-Museum Köln, das Museum Wiesbaden, das Museum der Stadt Worms und die Mathildenhöhe Darmstadt. Partner innerhalb der Staatlichen Museen zu Berlin ist das Zentralarchiv. Es hat auch die Forschungen zu Objekten aus der Sammlung Mosse in der Staatlichen Museen zu Berlin durchgeführt.

Das Forschungsprojekt wird durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg und das Mosse Art Restitution Project gefördert