"Die Erschießung Kaiser Maximilians“ (1868-69) von Edouard Manet (1832– 1883) bildet das Herzstück der Mannheimer Sammlung. Dr. Inge Herold präsentiert ab 29.03.2019 Manet und seine Ankaufsgeschichte mit Graphiken und Dokumenten aus dem Archiv der Kunsthalle in Kubus 1. Das riesige Ölgemälde war 1910 einer der ersten Ankäufe des Gründungsdirektors der Kunsthalle Mannheim. Fritz Wichert landete damit einen Coup, der in der Fachwelt und in der überregionalen Presse größte Aufmerksamkeit erlangte – aber auch enormen Widerstand hervorrief.

Wichert verfolgte ambitionierte Ziele für das Museum und seine Sammlung. Mit seiner Erwerbung positionierte er sich in einer Reihe mit anderen Direktoren großer deutscher Museen im Kampf um die Moderne. Mannheim sah sich plötzlich im Zentrum der deutschlandweiten Diskussion um die französische Malerei – eine Debatte, die nicht nur kunsthistorisch, sondern auch politisch geprägt war. Der Kauf entfachte heftigen Streit und Wichert wurde vor allem von Kritikern aus nationalistischen Kreisen attackiert.

Allen Anfeindungen zum Trotz legte Fritz Wichert in seinem Sammel- konzept, das er 1910 vorlegte, den Hauptakzent auf die klassische französische Malerei des 19. Jahrhunderts, die er für vorbildhaft hielt. Der gleich nach seinem Amtsantritt in die Wege geleitete Ankauf von Manets Gemälde war die adäquate Umsetzung dieses Anspruchs. Es erstaunt noch heute, wie schnell und unter welchen Umständen sich diese Erwerbung realisieren ließ, denn die veranschlagten 90.000 Mark waren von neun Mannheimer Bürgerinnen und Bürgern aufgebracht worden.

Begleitet wurde der Vorgang sehr geschickt durch Wicherts Pressearbeit, die darauf zielte, den Ankauf auch überregional als herausragendes Ereignis darzustellen. Stolz hatte er im Januar 1910 in einem Zeitungsbericht in die Zukunft geblickt: „Es wird sich erweisen, daß dieses Bild unserer Galerie zu dauerndem Ruhm gereicht. Wer die süddeutschen Museen bereist, darf an der Stadt der ›Erschießung‹ Manets nicht achtlos vorübergehen. Sie wird allein dafür sorgen, daß Mannheim unter den nennenswerten Galeriestädten einen Rang von Bedeutung einnimmt ...; dies ist nicht vorübergehend, sondern für alle Zeit.“

Kaum in Mannheim eingetroffen, wurde das Bild schon für die Sommer- ausstellung der Secession in Berlin angefragt. Deren Vorsitzender Max Liebermann schrieb in seinem Leihersuchen: „Aber auch vorbildlich für die Museumsverwaltung der Hauptstadt des Deutschen Reiches dürfte die Vorführung Ihres Bildes gerade jetzt wirken: Berlin hätte Gelegenheit, die hohe Einsicht der Mannheimer Galerie zu bewundern, die gerade dieses Werk Manets, das alle seine Qualitäten im höchsten Grade aufweist, erworben hat.“ In der Einleitung zum Katalog stellte Liebermann das Bild als Beispiel für seine sich von der expressionistischen Malerei abgrenzende Kunstauffassung vor. So avancierte Manets Gemälde zum Kristallisations- punkt künstlerischer Auseinandersetzungen, die mit zum Bruch innerhalb der Künstlervereinigung und zur Gründung der Neuen Secession führten.

Nationalistische Kreise griffen vor allem die an französischer Malerei orientierte Ankaufspolitik deutscher Museen an. In Mannheim personifizierte sich der Widerstand in Gestalt des Rechtsanwalts und Stadtrats Theodor Alt, der 1911 seine Ansichten in einem mehr als 500 Seiten starken Buch mit dem Titel „Die Herabwertung der deutschen Kunst durch die Parteigänger des Impressionismus“ darlegte.

Das Gemälde selbst hatte bereits zu Lebzeiten Edouard Manets für einen Skandal gesorgt, hatte der Künstler doch das Scheitern der französischen Außenpolitik in Mittelamerika zum Ausdruck gebracht, indem er Kaiser Maximilian als deren Opfer darstellte. Kurz nach dem politischen Desaster begann Manet 1867 sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Er verarbeitete es in drei Gemäldefassungen, einer Ölstudie, einer Zeichnung und einer Lithographie. Die Mannheimer Fassung des Gemäldes ist die dritte und letzte. Sie erhielt Ausstellungsverbot; die Lithographie wurde erst nach Manets Tod veröffentlicht. Teile der Komposition verwandte Manet im Übrigen auch in einer 1871 entstandenen Lithographie, die den Kampf auf den Barrikaden im französischen Bürgerkrieg zeigt.