Intermezzo 2019 zeigt zeitgenössische Positionen, die mit unterschiedlichen Bildverfahren geteilte Wirklichkeiten erlebbar machen. Es geht um Mitteilung, Bildteilung und Empathie. Teil I präsentiert aktuelle Werke der Düsseldorfer Künstlerin Myriam Thyes, die im Bereich der Neuen Medien von Fotografie über Video bis zur 3D Animation arbeitet, und von Sandra del Pilar, die im klassischen Medium der Malerei mit einer besonderen Bildtechnik wechselnde Perspektiven erzeugt. Beide Künstlerinnen, die ihre Arbeit in Deutschland mit zwei anderen Kulturkreisen, mit der Schweiz und Mexiko, verbinden, setzen sich mit politischen und gesellschaftlichen Fragen auseinander. 

Sandra del Pilar "Narziss am Fenster"
Nehmen wir einmal an, Narziss, der schöne Göttersohn, hätte ein Einsehen in die Sinnlosigkeit seiner Selbstverliebtheit gehabt, den Blick von seinem Spiegelbild gelöst, und ihn stattdessen aus dem Fenster gerichtet, ihn also von innen nach außen gewandt. Was er nun sieht, sind nicht nur die schönen Seiten seiner selbst und seines begrenzten, kleinen Alltags, sondern das Weltendrama in aller Komplexität. Aus einer gewissen Distanz heraus betrachtet er es, denn zwischen ihm und dem Leben steht ja die Fensterscheibe; und dennoch ist er Teil all dessen, denn in dem Glas spiegelt sich sein Antlitz erneut, diesmal allerdings geheimnisvoll durchwoben von dem, was dahinter liegt.(Sandra del Pilar)

In den aktuellen Gemälden von Sandra del Pilar wird die Oberfläche zum Medium des Blicks und der Reflexion. Die Künstlerin bedient sich einer spezifischen, von ihr zu diesem Zweck entwickelten Technik. Die Ästhetik des schönen, glänzenden, nur scheinbare Distanz schaffenden Fensterglases wird in die Materialität der Malerei transportiert: Jedes Gemälde besteht aus mehreren Mal- Schichten, die sich - im Gegensatz zur klassischen Lasurmalerei - jedoch häufig nicht mehr auf einem einzigen Bildträger befinden, sondern jede für sich einen eigenen beansprucht. Die erste Schicht wird oft, wie gewohnt, auf Leinwand aufgetragen, die folgenden allerdings entwickeln sich auf über die Leinwand gespannten Synthetikstoffen, die transparent genug sind, um die darunter liegende Malerei teilweise sichtbar zu lassen. Während die obersten weißen oder schwarzen Schichten in ihrer materiellen Schönheit verführerisch erscheinen, zeigen die unten liegenden Schichten oft jene Aspekte der zeitgenössischen globalen Welt, die diese gerne negieren möchte: die Hässlichkeit, den Schmerz, die Fremdheit, die Brüche, die Inkohärenzen, die Widersprüche, das Irrationale... in einem Wort: die unverständliche Komplexität der Wirklichkeit.

In meinen aktuellen Arbeiten geht es um die Überwindung des tradierten Blicks, der entweder nach innen auf sich selbst gerichtet ist, oder das, was er sieht, für real hält. Stattdessen denken sie im Medium der Malerei über das Bild als Medium der Sichtbarkeit nach. (Sandra del Pilar)

Sandra del Pilar hinterfragt und unterwandert die ästhetische Sprache unserer Zeit. Die Transparenz in ihren Bildern enthüllt nicht sondern verschleiert; statt Dinge klarer und deutlicher zu machen, erzeugt sie eine visuelle Interferenz, welche die solide malerische Fläche auflöst und zum Flimmern bringt. Die dargestellten Personen ihrer figurativen Gemälde tauchen in den Malschichten verdoppelt oder verdreifacht auf und entbehren damit der Logik und der visuellen Schärfe wirklicher Persönlichkeiten. Im Widerspruch zu ihrer „realistischen“ Darstellung –erscheinen sie als körperlose, ephemere und flüchtige Wesen, die metaphorisch lesbar sind und versuchen, im Medium der Malerei über unsere zeitgenössische Wirklichkeit zu reflektieren.

In der Ausstellung sind neben vielen wandfüllenden Gemälden auch Installationen zu sehen, wobei die „Armee der kleinen Mädchen“ wie ein begehbares Bild funktioniert. Die Verletzlichkeit der zarten Figuren ist gepaart mit einer visuellen Un-angreifbarkeit. Die übernatürlich großen Mädchen verschwinden in der Betrachtung, sie lösen sich bei wechselnden Standpunkten auf und bleiben letztlich un-verfügbar.

Die neuen Werke von Sandra del Pilar nutzen eine sehr subtile Sprache behalten jedoch hintergründig die Inhalte ihrer früheren Bilder bei. Immer wieder fordern in den Bildern versteckte Szenen und Eindrücke von Verletzung und Gewalt nicht nur eine visuelle und körperliche Bewegung des Betrachters sondern gleichfalls seine emotionale Resonanz. Die sowohl in Mexiko als auch in Deutschland lebende Künstlerin ist u.a. durch die gesellschaftliche und politische Situation in Mexiko mit -geprägt und reagiert daher sehr sensibel auf gewalttätige Ereignisse. In ihrer Kunst betrachtet sie Täter und Opfer und fragt nach den Hintergründen von Gewalt. Die Künstlerin arbeitet mit ihren visuellen Erinnerungen, Erlebtes, Alltagsszenen, Familiäres, Kunstgeschichte und vor allem aus einer heute omnipräsenten, medial dokumentierenden Bildwelt.

Sandra del Pilar arbeitet als freischaffende Künstlerin und Kunsttheoretikerin in Deutschland und in Mexiko, seit sie ihr Studium in Malerei an der Academia de San Carlos in Mexiko-Stadt und ihr Promotionsstudium in Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf abgeschlossen hat. Sie war Stipendiatin der Studienstifung des Deutschen Volkes und des DAADund erhielt eine Förderung des LVR (Landschaftsverband Rheinland). Darüber hinaus sind ihre künstlerischen Arbeiten mehrfach ausgezeichnet worden. Sandra del Pilar erhielt u.a. 2018 den Hammer Kunstpreis, den ersten Preis der Bienal de Pedro Coronel in Zacatecas und des FIDS im Museo del Chopo, beides in Mexiko. Ihre Werke sind in Museen, öffentlichen und privaten Galerien, Privatsammlungen und auf Biennalen u.a. in Mexiko, Deutschland, Frankreich, Belgien, China und Bolivien vertreten. Neben einer Reihe von Katalogen zu den Werken von Sandra del Pilar, sind ihre Texte und Essays in Fachzeitschriften, Sammelbänden, Katalogen und Zeitungen veröffentlicht.

Myriam Thyes "Barocke Versprechen und Konstruktive Zweifel":
Myriam Thyes knüpft mit ihren Werken in der zeitgenössischen Lebenswelt an, die auch immer eine medial vermittelte Gegenwart ist. Sie verwendet Visualisierungstechniken, die von der Fotografie über den Film bis zur 3D Animation reichen. Das Ausgangsmaterial für ihre Bildinszenierungen sind eigene Fotos und eigene Videoaufnahmen sowie bereits bestehende Bilder aus der Kunstgeschichte und aus kommerziellen Filmen. Ihre künstlerische Laufbahn führte Myriam Thyes von der Malerei über die Videokunst zur Medienkunst, die alle Medien digital vermittelt. Mit gezielten Ausschnitten, Serien und Montagen rückt sie bestimmte Inhalte in den Focus. Künstlerische, triviale, aktuelle und historische Bilder erhalten neue visuelle und inhaltliche Botschaften, die die vertraute Bildaussage erweitern. Fast immer handelt es sich um eine übergeordnete, symbolische oder auch metaphorische Bedeutung.

Die Künstlerin verbindet z. B. in der Arbeit Kreuz Fläche zu Raum den Blick in ein barockes Deckenuniversum von Andrea Pozzo mit schwebenden Elementen von gegenstandslosen konstruktiven Kompositionen der Künstlerin Sophie Taeuber-Arp. Das Illusionspotential einer hierarchisch-religiösen Weltordnung gerät so in den Dialog mit einer Bildwelt, die einer nicht hierarchischen, demokratischen Weltanschauung entspringt. Mittels 3D Animation, einer zeitgenössischen visuellen „Verführungs-Technik“, nähern sich diese Welten an und gehen temporär formale wie inhaltliche Verbindungen ein. Genau austarierte Konstellationen entstehen, Unterschiede und Beziehungen werden sichtbar. Die Verknüpfungen in Sophie Taeuber-Arps Fluchtlinien stehen hingegen vor historischen, bzw. biographischen Hintergründen. In Zeichnungen, die Sophie Taeuber-Arp zwischen 1940 und 1942 im südfranzösischen Exil fertigte, entdeckte Myriam Thyes in den Linien-Geflechten immer wieder Sechssterne, Haken und Peitschen. Sie stellt die Formen der Lignes von Taeuber-Arp in Beziehung zu Fotografien aus der damaligen Zeit und animiert in unterschiedlichen Kompositionen visuelle Überlagerungen.

Ihre Montage stellt die Frage, ob angesichts von Krieg, Verfolgung und Flucht eine rein selbstreferentielle formale Sprache überhaupt möglich war oder - wie in der Arbeit visuell und emotional greifbar - Taeuber-Arps Zeichen eine lang übersehene Symbolik enthalten?

Eine fotografische Arbeit der Künstlerin, die in den Bildblöcken von Magnify Malta, in drei Leuchtkästen und in einer Bodenarbeit zu sehen ist, versteht sich ebenfalls nicht als rein fotografische Kunst oder als Dokumentation. Die Fotoserie enthält wiederum einige Fotomontagen, die das Dokumentarische zum Exemplarischen erweitern und verdichten. Der kulissenhafte Raum in Myriam Thyes' Bildern wird zur Bühne für Reflexion. "... Eine Erweiterung des ersten Blicks über die pure Idylle hinaus zu erreichen, ist das Ziel von Magnify Malta. Die gewählten Bildausschnitte und Bildserien zeigen keine Naturaufnahmen sondern gebauteBefindlichkeiten der Bewohner... . Diese Beobachtungen werden durch die gestaltenden Eingriffeder Künstlerin, kaum erkennbare digitale Manipulationen, noch verstärkt ..." Michael Staab in 'GLASGOW STYLES / MAGNIFY MALTA: Das ganze Bild. Der erweiterte Blick', 2012.

Scheinbar spielerische Verbindungen stellen inhaltlich aufschlussreiche Bezüge her, fordern neue Perspektiven und stellen Fragen. Myriam Thyes möchte ihre Arbeit dezidiert nicht als gesellschaftskritisch bezeichnet wissen, da sie keine inhaltliche Festschreibung oder eine Beantwortung der Fragen liefert. Werke mit zeitgenössischen Inhalten wie Smart Tunnel oderSmart Pantheon zeigen in der Verschachtelung sich berührender Hände eine faszinierende aber auch fragliche Berührung von Hand und Apparat als Ersatz einer persönlichen, körperlichen Kommunikation. Die Kombination der Protagonisten aus dem Film The Matrix mit Texten von C. G. Jung und der Kulisse des Prime Tower in Zürich wird zur Metapher für die heute besonders ausgeprägte Leistungsgesellschaft mit ihrer vermittelten Kommunikation und ihrem Zeitdruck.

Die filmisch inszenierte Vision der Zukunft und unsere selbstgebaute Welt berühren sich.

Zur Person:

Myriam Thyes stammt aus der Schweiz und Luxemburg, sie lebt und arbeitet als freischaffende Künstlerin in Düsseldorf und Zürich. Seit 1994 nimmt sie international an Ausstellungen und Festivals teil. Von 1984 bis 1985 hat sie an der Höheren Schule für Gestaltung in Zürich (heute ZHdK), von 1986 bis 1992 an der Kunstakademie Düsseldorf, v.a. bei Nan Hoover studiert und 1992 den Abschluss "Meisterschüler" erhalten. Sie erhielt zahlreiche Stipendien: Cité Internationale des Arts, Paris (1990); Glasgow, UK (2008), Graz, AT (2015) und Auszeichnungen: u.a. ‚Best Video Art‘ Preis für Kreuz und Fläche zu Raum (2018) FICOCC Five Continents Festival, Venezuela; ‚Best Experimental‘ Preis für Sophie Taeuber-Arps Fluchtlinien (2017) Near Nazareth Film Festival, Israel; ‚Web/New Media Award‘ für Smart Pantheon (2017) Alternative Film Festival, Toronto, CA ; ‚Special Mention‘ für Sophie Taeuber-Arps Fluchtlinien (2017) Athens Animfest, GR ;‚Depict! Award‘ für Ascension (2005) Encounters Shortfilm Festival, Bristol, UK.

Neben Einzelausstellungen in deutschen Kunstvereinen ist international,in Europa vor allem
in der Schweiz und in Deutschland, seit 2004 jährlich in Gruppenausstellungen zur Medienkunst und in Ausstellungen zu aktuellen gesellschaftlichen und historischen Themen zu sehen.
Myriam Thyes wird vertreten durch die Stiftung imai inter media art institute, Düsseldorf.
Als monografische Publikationen sind erschienen: UmBildungen / ReVisions (2007), Glasgow Styles / Magnify Malta (2012), beide Kehrer Verlag Heidelberg.


Öffnungszeiten:
Mittwoch - Freitag: 14:00 - 18:00 Uhr
Samstag und  Sonntag (Feiertage): 11:00 - 18:00 Uhr
Montag - Dienstag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunstmuseum-ahlen.de