Sommer und Herbst 2019 stehen im Panorama Museum Bad Frankenhausen ganz im Zeichen von Werner Tübke. Am 14. September jährt sich nicht nur die Eröffnung des Museums zum dreißigsten Mal, der Künstler hätte am 30. Juli auch seinen neunzigsten Geburtstag gefeiert. Ein Grund mehr, ihn mit einer Sonderausstellung zu ehren, die zum ersten Mal in aller Komplexität Werner Tübkes Reisen in die Sowjetunion in den Blick nimmt und an die Ausstellung Werner Tübke – Faszination Mittelmeer von 2004 anknüpft. Gezeigt werden 140 Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle und Lithografien aus dem Schaffenszeitraum von 1948 bis 2004, die vor Ort, aber auch im Nachgang, zum Teil erst einige Jahre nach den Reisen, entstanden sind. Neben Bildern von Land und Leuten werden Reflexionen über die Geschichte der Sowjetunion und die russische Literatur präsentiert, die durch die Reisen erst angeregt wurden und das Erlebte in einen größeren Sinnzusammenhang bringen.

Von März 1961 bis März 1962 durchquerte Werner Tübke zusammen mit seiner damaligen Ehefrau Angelika die Sowjetunion. Vom europäischen Norden bis in die zentralasiatischen Republiken legten sie auf dem Landweg und in der Luft fast 14.000 Kilometer zurück. Den Frühling 1961 erlebten sie in St. Petersburg, den Sommer im Kaukasus, der Herbst führte sie nach Suchumi am Schwarzen Meer und in die georgische Hauptstadt Tiflis. In Jerewan, der Hauptstadt von Armenien, verbachten sie den Rest des Jahres, bevor sie 1962 über Baku in Aserbaidschan nach Turkmenistan weiterreisten. Im usbekischen Samarkand hielten sie sich etwas mehr als einen Monat auf, um schließlich vor ihrer Rückreise im Tian Shan-Gebirge im östlichen Kirgisistan an der Grenze zu China zu wandern.

Obschon Werner Tübkes Verhältnis zur Sowjetunion nicht unbeschwert gewesen sein dürfte – 1946 war er von sowjetischen Militärorganen mehrere Monate in Haft genommen worden und musste in der Folge eine Erklärung unterschreiben, in der er sich zum Stillschweigen verpflichtete – stellte die Reise eine unvergleichliche Chance dar. Der Künstler begegnete den Menschen offen und mit unverstelltem Blick und machte Erfahrungen, die ihn für den Rest seines Lebens beschäftigen sollten: »Der Kontakt mit russischen Menschen in Dörfern in Russland, im Kaukasus, in Zentralasien an der chinesischen Grenze hat mich entscheidend geprägt. Fernweh, Heimatlosigkeit, Gottsuche, Armut, schwarze Bösartigkeit, feste Familienbindungen durch Generationen, perfekte euroasiatische Hochbildung und selbstverständliche Sprachkundigkeit = das ist schon etwas.«

1976 kehrte er im Zuge der Vorbereitungen zum Monumentalgemälde in Bad Frankenhausen nach Moskau zurück, 1977 konnte er den Kaukasus noch einmal bereisen und auch in den 1980er Jahren hatte er mehrmals Gelegenheit, die Sowjetunion zu besuchen. Schon 1961/62 fertigte Tübke zahllose Zeichnungen und Aquarelle an, die durch ihre dichte, altmeisterliche Ausführung gekennzeichnet sind. In unmittelbarer zeitlicher Folge schuf er dann unvergessliche Gemälde, die in märchenhafte Welten entführen, und ab 1966 übersetzte er seine Motive in die Radierung und die Lithografie. Die Eindrücke, die er in der Sowjetunion gewonnen hatte, ließen ihn zeitlebens nicht mehr los und finden in seinen Werken bis kurz vor seinem Tod im Jahre 2004 Widerhall. Ein anderer, ein neuer Werner Tübke begegnet uns und nimmt uns mit auf seine Reise. 

Text: Johanna Huthmacher