Die aus Indien stammende Glaubensgemeinschaft der Jainas vermeidet strikt alles, was anderen Lebewesen – Mensch, Tier, Pflanze – schadet. Ihre Anhänger ernähren sich vegan und leben nach einem disziplinierten Verhaltenskodex. Doch was steckt hinter dieser im westlichen Kontext nahezu unbekannten Lehre der Gewaltlosigkeit?

Mit der neuen Blickpunkt-Ausstellung „Heilige und Asketen – Miniaturmalerei der Jaina aus Indien“, die vom 11. Oktober 2019 bis 16. Februar 2020 im Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt zu sehen ist, feiert das RJM die Schenkung eines umfangreichen Konvoluts indischer Miniaturen der Jaina aus der Zeit zwischen dem Ende des 14. Jahrhunderts und Anfang 17. Jahrhunderts. Die Religionsgemeinschaft der Jaina kann seit etwa dem 6. Jahrhundert vor unserer Zeit in Indien nachgewiesen werden. Weltweit bekannt ist ihr Grundsatz der Gewaltlosigkeit gegenüber Mensch und Tier. Eine wichtige Rolle im religiösen Leben spielen Manuskripte, die Lehren, kosmologische Vorstellungen sowie Richtlinien für moralisches Verhalten enthalten. Illustriert werden sie durch Miniaturen, die teilweise mit Lapislazuli und Gold ausgemalt wurden. Wohlhabende Jainas stifteten die Werke an Tempel und Mönche. Die Regionen Gujerat und Rajasthan waren im 14. bis 16. Jahrhundert Zentren der jainistischen Manuskriptherstellung. Anhand der Miniaturen lassen sich einige charakteristische Entwicklungen des westindischen Malstils darstellen.

Nach einer Einführung in den Jainismus gliedert sich die Ausstellung in drei weitere Bereiche: die Heiligen Schriften, die kosmologischen Vorstellungen und die Stilrichtungen der Jain-Malerei.

Im Bereich der Heiligen Schriften wird die Wertschätzung deutlich, mit der die Jainas ihren überlieferten Schriften begegnen. Neben ihrem religiösen Inhalt werden einige Manuskripte auch als kostbare Objekte verehrt. Für die Laiengemeinde der Shvetambara ist der frühe religiöse Jain-Text Kalpasutra ein wichtiger Text, um sie auf dem Weg der Erlösung zu unterstützen.

In kaum einer anderen Religion entwickelten sich so detaillierte Vorstellungen des Universums wie im Jainismus. Sie sind geprägt durch die essentielle Idee, dass die Seele einem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburten unterworfen ist. Das Universum ist durch Symmetrie und sich wiederholende Strukturen geprägt, ohne Anfang und Ende. Es gibt zahlreiche Schriften mit Illustrationen zu seiner Beschaffenheit.

Der sogenannte „westindische Malstil“ bestimmte zwischen dem 11. bis 16. Jahrhundert die Malerei in Gujarat und Rajasthan, ist aber auch in anderen Gebieten Indiens anzutreffen. Die Inhalte werden über einen langen Zeitraum formelhaft wiedergegeben. Die zweidimensionale Darstellungsweise zeigt prägnante Konturlinien, übertriebene Körperproportionen und eine spezielle Gestaltung der Gesichtszüge. Besonderes Merkmal ist das zweite Auge, das aus der Kontur des Dreiviertelprofils herausragt.

Der Bereich der Malstile wird ergänzt durch die Ergebnisse des Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) der Technischen Hochschule Köln. Im Rahmen einer Kooperation unterstützt das CICS den naturwissenschaftlichen Zugang zur Manuskriptsammlung. Die Studienrichtung „Schriftgut, Grafik, Fotografie und Buchmalerei“ setzte sich mit ausgewählten Folios der Sammlung Eva und Konrad Seitz auseinander. Die in technologischen und analytischen Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse über verwendete Materialien erlauben ein tieferes Verständnis für die Entstehungsprozesse und geben gleichzeitig Antwort zu möglichen Zustandsveränderungen.

Ergänzt wird die Ausstellung durch einige Folios aus der Schenkung von Ludwig V. Habighorst und Leihgaben christlich-religiöser Schriftkunst aus dem Museum Schnütgen sowie Bronzeskulpturen aus der Sammlung Viktor und Marianne Langen.

Kinder und Jugendliche sind herzlich eingeladen, die Schönheit der Miniaturmalerei im Kleinen und Feinen in der Ausstellung zu erleben und/oder sich in ausgewählten Motiven malerisch zu vertiefen. Ein kleines Malbuch mit Motiven aus der kostbaren Sammlung ist im Museumsshop für zwei Euro erhältlich.

Die Zusammenarbeit mit CERES (Centrum für Religionswissenschaftliche Studien) der Ruhr-Universität Bochum und dem dort angegliederten Wissenschaftler und Jain-Experten Dr. Patrick Felix Krüger ermöglichte tiefere Einblicke in die jainistische Buchmalerei und die Komplexität der jainistischen Glaubensvorstellungen.

Begleitet wird die Ausstellung von einem vielseitigen Veranstaltungsprogramm, das insbesondere auch die Möglichkeit bietet, von der Kölner Jain Community mehr über ihre Glaubensvorstellungen und ihr Leben als Jain zu erfahren.

RJM
10.10.2019 - 16.02.2020

Heilige und Asketen – Miniaturmalerei der Jaina aus Indien

Rautenstrauch-Joest-Museum

Cäcilienstraße 29-33
50667 Köln