Eine Luftaufnahme in Schwarzweiß von Mannheim 1943. Die Quadrate liegen zerstört in Reih und Glied nebeneinander. Dazwischen rote Linien: Es sind die Routen der Kampfmittelräumdienste. Dieses Foto hat Hiwa K für sein neustes Kunstwerk mit dem Titel „Alchemy of Love (Mannheim)“ auf einen riesigen Teppich drucken lassen. Dieser bespielt den mittleren Galerieraum der Sonderausstellung „Hector Preis: Hiwa K“, die am Donnerstag, 04.07.2019 um 19 Uhr feierlich in der Kunsthalle Mannheim eröffnet wird. 

Hiwa K stellt Fragen der Zugehörigkeit und thematisiert Heimat, Identität und Macht. Mit konzeptionell und erzählerisch überzeugenden Kunstwerken liefert er Analysen global-gesellschaftlicher Verhältnisse und ihren Formen der Repräsentation. Mit seinem anekdotenreichen Werk hat er einen elementaren Beitrag zum interkulturellen Verständnis zwischen der arabischen und europäischen Lebenswelt geleistet. Kurator Dr. Sebastian Baden gruppiert  in den drei Sonderausstellungsräumen des Neubaus ausgewählte Arbeiten des Hector-Preisträgers aus den Jahren 2009 bis 2019  in die Themenbereiche „Illegale Telekommunikation“, „Meditation und Widerstand“ und „Migration der Gewalt“ 

Zu den umfangreichsten jüngeren Arbeiten von Hiwa K zählt die Installation „The Bell Project“ (2014-15), die für die Biennale di Venezia 2015 entstanden ist. Aus den metallischen Überresten von Kriegsmaterial, die aus dem Iran-Irak Krieg und den späteren Golfkriegen im Irak stammen, hat der Künstler eine Glocke gießen lassen. Die Metalle hatte der kurdische Munitionssammler Nazhad zusammengetragen, der aus Waffen, Minen und Kriegsgerät Eisenrohlinge herstellt und diese verkauft. So wurde ein historisch bekannter Prozess umgekehrt: Früher wurden Glocken wegen der Bronze zu Kanonen eingeschmolzen, heute formt Hiwa K aus dem Metall alter Waffen eine Glocke. 

Geboren wurde Hiwa K 1975 im kurdischen Teil des Irak, wo er Malerei studierte und sich mit europäischer Literatur, Philosophie und Musik beschäftigte. Mitte der 1990er Jahre floh er über die Türkei nach Deutschland, wo er zunächst als Flamenco-Schüler bei Paco Peña lernte und ab 2005 an der Kunstakademie in Mainz und als Gast an der Städelschule in Frankfurt studierte. Sein Kunststudium war motiviert von der Frage, wie sich der Kunstbegriff jenseits des westlichen Kanons weiterentwickeln lässt. 

Werke von Hiwa K wurden international ausgestellt, u.a. auf der documenta14 (2017) und der 56. Biennale von Venedig (2015), der Manifesta 7 (2009), im Kunstverein Hannover (2018), im S.M.A.K. Ghent (2018), im New Museum in New York City (2018), den KunstWerken Berlin (2017), der Serpentine Gallery in London (2012), La Triennale de Paris (2012). Der Künstler wurde mit dem Arnold-Bode-Preis  (2016) und dem Ernst Schering Preis (2017) ausgezeichnet.

Seit 1997 vergeben die Kunsthalle Mannheim und die H.W. & J. Hector-Stiftung im dreijährigen Rhythmus den Hector Kunstpreis für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Die Auszeichnung fördert Künstler, die in Deutschland leben, zwischen 35 und 50 Jahre alt sind und im dreidimensionalen Bereich der Bildhauerei, Objektkunst, Raum- und Multimediainstallation arbeiten. Damit unterstreicht der Hector Preis den Mannheimer Sammlungsschwerpunkt Skulptur. Er ist mit 20.000 € dotiert und mit einer Ausstellung in der Kunsthalle sowie begleitender Publikation verbunden. Unter den bisherigen Preisträgern waren Alicja Kwade, Nairy Baghramian, Tobias Rehberger, Florian Slotawa und Gunda Förster.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog in Zusammenarbeit mit der Zach?ta National Gallery of Art in Warschau sowie dem NOMUS Nowe Muzeum Sztuki in Danzig, herausgegeben von Sebastian Baden und Aneta Szylak.