Jace Clayton, zwölfter Stipendiat des von der Landeshauptstadt Wiesbaden und dem Nassauischen Kunstverein vergebenen Stipendiums Follow Fluxus – Fluxus und die Folgen, untersucht aktuelle Auswirkungen von weißem Rauschen. Drei Installationen demonstrieren mit Sound, Textilien, Zeichnungen, Video und Momenten des fokussierten Zuhörens, wie das akustische Phänomen des weißen Rauschens kollektive Verantwortung und zeitgenössische Subjektivitätsherausbildung formt. Das Themenspektrum reicht von der Therapeutenpraxis und Tanzfläche bis zur Frage der Beziehung zwischen algorithmischer Kontrolle und unvorhersehbarer Zukunft.

Street Seeper ist ein Klangwerk, das vorhandene Außengeräusche mittels Textilien, Text und einem architektonischen Eingriff in den Ausstellungsraum erfahrbar macht. Diese für den urbanen Raum prägende, von Autos, Flugzeugen oder auch Klimaanlagen produzierte Geräuschkulisse wird so zur akustischen Manifestation die Umwelt schädigender Motoren. Anstatt die omnipräsenten Hintergrundgeräusche zu ignorieren, werden sie als ständiges Alarmsignal für die globale und sich gesamtgesellschaftlich auswirkende Klimakrise verstanden und als solches in den Vordergrund gestellt. 

Privacy Choir ist eine für fünf Soundmaschinen entwickelte Klangskulptur. Die Geräusche produzierenden Geräte wurden in den 1970er-Jahren in amerikanischen Psychotherapeutenpraxen eingeführt, um mit weißem Rauschen die Privatsphäre der Patient*innen zu schützen. Metaphorisch stehen sie für das neoliberale Selbst, das sich durch das Streben nach Individualität charakterisiert. Privacy Choir untersucht einerseits das Verhältnis von weißem Rauschen zur Aufrechterhaltung der Singularität jedes Individuums und bietet andererseits ein kollektive Klangerfahrung. 

Im Zentrum von White Noise Night Sweats steht ein sich selbst komponierendes Stück für modulare Synthesizer, die wie die legendären Drum Machine Roland TR-808 (1981-1983) Snare- und High-Hat-Sounds ausschließlich aus analogem weißem Rauschen verwenden. Komplettiert wird es von einem Video sowie zahlreichen kleinen, simplifizierenden Zeichnungen als Hommage an die 12.000 fehlerhaften Transistoren des TR-808. Mit dem Aufkommen von Drummachines folgten auch die Tanzbewegungen dem Raster des Maschinentempos. Erst die Unterbrechungen durch Snares oder Hi-Hats eröffnen musikalische Freiräume, verändern das Zeitgefühl und ermöglichen mit dem eigenen Körper die Musik zu erfahren und sie zu erleben.  

Weißes Rauschen ist eine zufällige Kombination aller Frequenzen im hörbaren Spektrum. Zufall ist ein analoges Phänomen, das digital nicht erzeugt werden kann. In einer Zeit zunehmender algorithmischer Kontrolle bestärken diese akustischen Momente der Zufälligkeit die Möglichkeit auf Veränderung, denn sie erinnern an die entscheidende Bedeutung, die das aktive menschliche Handeln hat.

Jace Clayton (*1975, Framingham, MA, US) studierte Englisch an der Harvard University in Boston. Er hatte von 2017 bis 2018 eine Gastprofessur an der University of North Carolina at Chapel Hill inne und ist seit 2013 Mitglied der Fakultät Music/Sound des MFA-Programms des Bard College in New York.2016 wurde sein Buch Uproot: Travels in 21st-Century Music and Digital Culture veröffentlicht. 2019 waren Werke seiner einjährigen Künstlerresidenz am Harvard Art Museum zu sehen und neue Arbeiten wurden auf der Sharjah Biennial 2019 präsentiert. Zudem ist er unter dem Pseudonym DJ /rupture bekannt. Er lebt und arbeitet in New York.

Eröffnung / Donnerstag, 22. August 2019

Jace Clayton, Installationsansicht Sharjah Biennale, 2019, Detailansicht, Courtesy und ©: Der Künstler
23.08.2019 - 24.05.2020

Follow Fluxus 2019 Jace Clayton / White Noise as a Call to Responsibility

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