»Vergleicht man die Jahre 1989 und 1990, fällt auf, dass sie in der kollektiven Erinnerung höchst unterschiedlich präsent sind. Jeder kann sich die Ereignisse des Herbstes ’89 ins Gedächtnis rufen, während das Jahr 1990, das in seinen Entwicklungslinien immer wieder abreißt, oft unfassbar bleibt, nicht erzählbar ist.« (Jan Wenzel)

Das Jahr 1990 als Zwischen- und Übergangszeit nach der Wende des Herbstes 1989 in Ostdeutschland setzt sich aus einer Folge abgerissener Entwicklungen zusammen und ragt tief in die Gegenwart. Jan Wenzel (Autor, Künstler) und Anne König  (Autorin, Künstlerin) – beide haben  den Leipziger Verlag spector books mitgegründet und das f/stop Festival für Fotografie kuratiert—bereiten ein Buch über 1990 vor, also ein Zeitraum, als die DDR zwar noch existierte, aber der Staatsapparat zusammenbrach, und neue demokratische Strukturen sich abzeichneten. Mit dem >Einigungsvertrag< im Oktober des Jahres schienen diese Überlegungen plötzlich obsolet.

»Ein Irrtum zu glauben, dass irgendeines dieser Ereignisse wirklich abgeschlossen wäre. Nachrichten bemessen Aktualität nach Tagen. Aber das ist falsch. ‚Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen’, heißt es bei William Faulkner, und das, was wir Geschichte nennen, ist letztlich nichts anderes als die Strahlenkunde der Gesellschaft. Die Ereignisse des Jahres 1990 wirken bis in die Gegenwart und noch weit darüber hinaus. « (Jan Wenzel)

In einer Ausstellungs-Skizze, die sich mit dem Jahr 1990 befasst, soll exemplarisch gezeigt werden, wie Fotografie als ein Mittel der Vergegenwärtigung und Erinnerung dabei helfen kann, einen gesellschaftlichen Diskussionsprozess anzustoßen und als dessen Katalysator zu dienen. Im Zentrum steht die Frage, ob und inwiefern die Fotografie ein geeignetes Mittel sein kann, den alle Lebensbereiche umfassenden Umbruch der Jahre ab 1990 für die damals Betroffenen wie auch die nachgeborenen Generationen fassbar und begreifbar zu machen. Wie kann durch die Fotografie und das Display das Gesellschaftliche—das schwierige Ganze—wieder in den Blick gerückt werden? Auf welche Weise kann die Fotografie heute ein Medium des Demokratischen und der gesellschaftlichen Vermittlung sein? Im Anschluss daran ist auch danach zu fragen, welche Rolle fotografische Bilder und Bildarchive heute für eine Verständigung über die Ursachen, Strukturen und Bewältigungsformen aktueller gesellschaftlicher Verwerfungen spielen können.

©Foto: Martin Jenichen, Leipzig-Connewitz, März 1990
15.09. - 09.11.2019

Das Jahr 1990 freilegen oder: Aufführung eines Buches / Anne König und Jan Wenzel

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