Die in Istanbul lebende Künstlerin Banu Cennetoglu befasst sich mit den politischen, sozialen und medialen Bedingungen heutiger Informationsgesellschaften. Ihre konzeptuellen Arbeiten fragen nach dem Verhältnis von Privatem und Öffentlichem, nach dem Unterschied von ungefilterter Information einerseits und redaktionell aufbereiteten Nachrichten andererseits. Tagtäglich werden Entscheidungen darüber getroffen, was wann wie und in welcher Form publiziert wird, welche Information zur Nachricht wird und welchen gesellschaftlichen Stellenwert das Private hat. Banu Cennetoglu weist in jedem ihrer Werke darauf hin, dass diese Entscheidungen politische Entscheidungen sind, gleichgültig ob sie das Private oder das Öffentliche betreffen.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen zwei für ihr Werk der vergangenen Jahre zentrale Arbeiten: Seit 2010 archiviert die Künstlerin an ausgewählten Tagen alle ihr verfügbaren lokalen und nationalen Zeitungen, die in einem Land erschienen sind. Die sechs bisher entstandenen Archive werden in den ersten beiden Räumen gezeigt: die Zeitungen aus der Türkei vom 20. August 2010, aus der Schweiz vom 14. Januar 2011, aus zwanzig arabischsprachigen Ländern vom 2. November 2011, aus Zypern vom 29. Juni 2012, aus dem Vereinigten Königreich und den Kanalinseln vom 4. September 2014 und aus Deutschland vom 11. August 2015. Sie dürfen vorsichtig durchgeblättert und gelesen werden. In der Gegenüberstellung der Sammlungen sowie der einzelnen Zeitungen lässt sich nicht nur beobachten, wie sich die Anzahl der Tageszeitungen von Land zu Land untterscheidet, sondern auch, wie unterschiedlich und vielstimmig – oder eben nicht vielstimmig – über Ereignisse berichtet wird.

Auch der Film im dritten Raum ist ein Archiv: “1 January 1970 – 21 March 2018 ·
H O W B E I T · Guilty feet have got no rhythm · Keçiboynuzu · AS IS · MurMur · I measure every grief I meet · Taq u Raq · A piercing Comfort it affords · Stitch · Made in Fall ·
Yes. But. We had a golden heart. · One day soon I’m gonna tell the moon about the crying game” (2018). Als Archiv unterscheidet sich diese mehrere Titel tragende Arbeit jedoch stark hinsichtlich Inhalt, Ordnung und Präsentationsform von den Zeitungssammlungen:
In chronologischer Reihenfolge werden sämtliche Fotos und Videos gezeigt, die sich auf Festplatten, Kameras und Handys der Künstlerin zwischen dem 10. Juni 2006 und dem 21. März 2018 angesammelt haben. Der Zeitraum beginnt mit zwei für Leben und Werk der Künstlerin einschneidenden Ereignissen, der Schwangerschaft mit ihrer Tochter und dem Beginn ihrer Veröffentlichung von der Liste des europäischen Netzwerks UNITED for Intercultural Action. In diesem Dokument sind sämtliche Informationen über Todesfälle von Migrantinnen und Migranten innerhalb oder an den Grenzen der EU zusammengestellt.
In der Filminstallation fließen eigene Fotos und Videos aber auch Bilddateien anderer Quellen und Urheber zusammen. Bilder, die im Zusammenhang mit Ausstellungsprojekten oder Recherchen entstanden sind, fügen sich in Momentaufnahmen ihres Privatlebens ein. Privates und Berufliches stehen so gleichberechtigt neben der Dokumentation gesellschaftspolitischer Ereignisse in der Türkei und darüber hinaus, die Cennetoglu kritisch verfolgt. Langsam setzt sich so ein schonungslos intimes Porträt der Künstlerin und ihrer Sozialisierung im Spiegel weitreichender politischer Geschehnisse zusammen. Eine Vorführung dauert 127 Stunden, 14 Minuten und 44 Sekunden oder 22 Ausstellungstage.

Während diese beiden ausufernden Sammlungen die Unmöglichkeit von Vollständigkeit vorführen, stellen die beiden auf die Architektur bezogenen Interventionen im mittleren Raum die Frage nach den subjektiven und psychologischen Bedingungen von Informationsverarbeitung: 23 Luftballons bilden die Wortfolge „Ich weiß zwar, aber dennoch“. Sie verweisen auf das psychologische Phänomen der Verleugnung, wie es der französische Psychoanalytiker und Ethnologe Octave Mannoni im Anschluss an Sigmund Freud formuliert hat. Der Satz „Je sais bien, mais quand même“ beschreibt das bewusste Ausblenden von Fakten, um die wir wissen, die wir aber dennoch nicht zur Grundlage unseres Handelns machen. Der Satz steht in direktem, kommentierenden Zusammenhang; sowohl mit dem Zeitungsprojekt, das aufzeigt, wie umfassend Menschen in einzelnen Ländern informiert sind, als auch mit Cennetoglus eigener Arbeitssituation zwischen Politischem und Privatem. Wenn die Ballons im Laufe der Ausstellung Helium verlieren, zerfällt die Buchstabenkette. Der Satz verflüchtigt sich und negiert sich damit selbst.

„‚A problematic‘ triad?: Yellow Red Green“ (2015/2019) ist eine ortsspezifische Intervention, bei der Banu Cennetoglu in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Ausstellungssituationen und institutionellen Zusammenhängen die Farbkombination Gelb, Rot, Grün in gegebene Strukturen eingefügt hat. Für K21 entwickelte sie eine Version, bei der die oberen Segmente der Fenster im zentralen Raum der Bel Etage eingefärbt wurden. Auf subtile Weise beeinflussen die Farben den Blick nach draußen und verändern gleichzeitig die farbliche Stimmung im Inneren. Die Trias ist offen für unterschiedlichste Deutungen. Ihren Ausgangspunkt hat die Arbeit jedoch in der systematischen Ächtung dieser Farbkombination durch den türkischen Staat in den 1990er-Jahren, da es sich um die Farben der kurdischen Flagge handelt. In dieser Zeit erwogen die staatlichen Behörden sogar eine Veränderung der Ampelfarben in der kurdischen Stadt Diyarbakir.

Banu Cennetoglu (*1970, Ankara) lebt und arbeitet in Istanbul.
Ausgewählte Einzelausstellungen: SculptureCenter, New York (2019); Chisenhale Gallery, London (2018); Bonner Kunstverein (2015); Kunsthalle Basel (2011).
Ausgewählte Gruppenausstellungen: Liverpool Biennial (2018); documenta 14, Athen und Kassel (2017); 10. Gwangju-Biennale (2014); Manifesta 8, Murcia (2010); 53. Biennale von Venedig / Türkischer Pavillon (2009).


Öffnungszeiten:
Dienstag - Freitag: 10:00 - 18:00 Uhr
Samstag - Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

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