Mit dieser umfassenden Einzelausstellung bietet die Galerie Nord der Künstlerin Nadja Schöllhammer einen dreigliedrigen Transformationsraum, in dem sie die Elemente, Module und Werkgruppen ihres faszinierenden, überbordenden Œuvres neu verschalten wird. Mittels ihrer selbst entwickelten Methoden des erweiterten Zeichnens entgrenzt sie das Verhältnis zwischen Zeichnung, Malerei, Raum und Narration. Dabei spielt sie mit Akkumulation, Überlagerung, Unüberschaubarkeit und der transformatorischen Kraft der Wucherung und der Entäußerung.

Mit einer eigens für den zentralen Raum der Galerie entwickelten In-situ-Installation aus Plakatfragmenten, Collagen, Cut-outs, Aquarellen und skulpturalen Elementen präsentiert Schöllhammer eine umfassende Visualisierung komplexer Prozesse des Kommunizierens zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren. Darüber hinaus zeigt sie eine Auswahl zweidimensionaler Arbeiten, deren Dickicht an Farben, Formen und Linien sich einer schnellen Dechiffrierung entziehen.

Ein Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist ihr Interesse an unterschiedlichen kulturellen Riten, Sagen, Mythen, an traumartigen Zuständen sowie an vorsprachlichen Prozessen, die sie auf inhaltlicher und materieller Ebene erforscht. Sie geht an die Grenzen der von ihr bevorzugten fragilen und formbaren Materialien wie Papier und Silikon und bearbeitet die Fragmente ihrer Collagen und Zeichnungen mit Skalpell, Gasbrenner und Klebepistole, akkumuliert und überzieht sie mit einem Gespinst aus Linien, Netzen und Strukturen. 

Wahn, Verwandlung, Schleier, Maskerade, Schein und Komödie – die Fratzen der Protagonistinnen zeugen von lustvollen und dramatischen Prozessen der künstlerischen Bearbeitung, die zwischen filigranem, präzisem Vorgehen und offenem Spiel changieren. Die so entstehenden Module, Elemente und papiernen Protagonisten verwebt sie zu einem rhizomatischen System, welches selbst zum Akteur wird und in dem sich das Wissen des physischen Außenraumes und des mentalen Innenraumes durchdringt. Wir stehen und blicken in ein Dickicht aus Linien und fragilen Inseln, auf denen sich unter einem Schleier aus Farbe, Linien, Tusche und Silikon Gestalten tummeln. Mit weit aufgerissenen Mündern – leise wispernd oder mit schrillem Gesang – spazieren sie in unsere Unterwelten hinein, verweilen dort und wandeln gemeinsam mit den drei Söhnen des Schlafgottes Somnus ihre Gestalt.

In ihrem facettenreichen Werk führt uns Schöllhammer gekonnt über den Grat der Bewusstseinsveränderungen, deren Verlauf oft pathologisiert und als wahnhaft bezeichnet wird, aber deren in sich kohärente Gedankengebäude und Welterfindungen ebenso „wahr“ und „real“ sein könnten wie allgemein anerkannte Deutungssysteme von Wirklichkeit.

Kuratiert von Veronika Witte


Öffnungszeiten:
Dienstag - Samstag: 12:00 - 19:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: kunstverein-tiergarten.de

© Nadja Schöllhammer, 2019, Fotos: Eric Tschernnow
10.08. - 20.09.2019

Nadja Schöllhammer: Wandler

Kunstverein Tiergarten

Turmstraße 75
10551 Berlin