der Film »The Stability of the System« (Die Stabilität des Systems) beginnt mit einem Punkt: Mathematisch ist er ein geometrisches Objekt ohne jede Ausdehnung, ein Kreis mit Radius Null. Dieser Punkt erzählt von seinem Wunsch nach einer mehrdimensionalen Existenz, dass er Raum und Zeit entdecken möchte. Der Punkt wird zum Ort und die Reise beginnt, eine Spirale fängt an, sich auszubreiten.

Litvintseva und Mallet zeigen Aufnahmen der vulkanischen Insel Lanzarote. Die mondartige Landschaft wirkt tot. Die monochromen, schwarzen Lavafelder erscheinen endlos und das gleißende Licht des wolkenlosen Himmels alles Leben zu absorbieren. Kein Ort für menschliche, individuelle Subjektivität. Und doch verstehen Litvintseva und Mallet ihn und das geschmolzene Gestein als Ausdruck der schöpferischen Kraft von Vulkanausbrüchen. An ihr zeigt sich offensichtlich die unaufhörliche Transformation der Natur als Materie in Veränderung, vom Molekül zum Berg und weiter zum Sediment. Geologie könne man als einen Film in Zeitlupe auffassen und Landschaft als Momentaufnahmen und Spur ihrer eigenen Entstehung, so Litvintseva.

Mallets Vertonung wirkt wie ein Kommentar der stillebenartigen Naturaufnahmen. Sie setzt Kontrapunkte, betont einzelne Phänomene, nähert sich anderen bedächtig, fast anschleichend. Irgendwann übertragen sich die Geräusche auf die Landschaft und die Wahrnehmung kippt: Man meint der Natur zuzuhören, Gestein, Raum und Zeit sprengen imaginär die Grenzen ihrer sinnlichen Erscheinung.

Am Ende des Films scheint die Filmemacherin halluzinatorisch in der Landschaft zu versinken und nicht mehr in der Lage zu sein, zu sehen – vielmehr sieht die Landschaft für sie. Auch die Aufmerksamkeit des Punktes wendet sich am Ende der Erzählung wieder dem eigenen Nucleus zu.


Sasha Litvintseva (RUS, 1989) lebt in Berlin und London und interessiert sich in ihrer künstlerischen Arbeit für die unsicheren Übergänge von Mensch/Nichtmensch, innen/außen und wahrnehmbar/übertragbar. Derzeit lehrt sie Film an der Queen Mary University und promoviert am Goldsmiths College in London über  »Geological Filmmaking«. Ihre Arbeiten wurden auf Festivals wie dem Forum Expanded der Berlinale, International Film Festival Rotterdam, Kasseler DokFest, Cinéma du Réel und Edinburgh Film Festival sowie auf Ausstellungen im ICA, London; Museum of Contemporary Art, Chicago, Kunstverein Göttingen, Berlinische Galerie gezeigt.

 

Isabel Mallet (USA, 1989) experimentiert mit Skulpturen aus Text, Bildern, Lärm, Objekten und Materialien. Statische Vorstellungen von Bildhauerei erweitert sie durch performative Elemente und Stoffen mit »lebendigen« Eigenschaften. Diese Arrangements nennt sie  »un-autorisierte« Kunstwerke. Raum und Material setzt sie dabei als handelnde Akteure ein. Mallet ist verantwortlich für das Online-Magazin FORM IV. International stellt sie unter verschiedenen Pseudonymen aus.


Kuratoren in Dialog mit Dr. Gabriele Mackert, Mittwoch, 7. August 2019, 18:00 Uhr 

Videostill: © Sasha Litvintseva Isabel Mallet, Stability of the System, 2016
01.08. - 01.09.2019

Ozeanische Gefühle 07: Sasha Litvintseva & Isabel Mallet »The Stability of the System« (2016)

Hessisches Landesmuseum Darmstadt

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