Radiosands ist eine begehbare Installation, in der mehrere gleichzeitig stattfindende Radiosendungen von einem KI-System manipuliert werden. Die Installation nutzt die Geschwindigkeit und Potenz digitaler Prozesse, um eine neue Erfahrung zu schaffen: Eine Echtzeit-Collage von klanglichen Fragmenten innerhalb einer raumgreifenden Skulptur.

„Wir leben online in unseren Filterblasen. Algorithmen sortieren die tägliche Informationsflut, damit wir aus ausgewählten Bruchstücken unsere eine eigene Realität bauen können. Wie kleine Sandkörner fügen wir die Fragmente zusammen, bis sie als Ganzes Sinn ergeben. Die begehbare Rauminstallation Radiosands reflektiert die Generierung, Verteilung und Wahrnehmung von Informationen im digitalen Zeitalter.

Radiosands umfasst 16 eigens für die Installation entworfene Radios gleicher Bauart. Sie schweben auf filigranen Sockeln wie auf Radiowellen im Ausstellungsraum. Die erklingenden Audiofragmente beruhen auf dem Suchergebnis von Algorithmen, die die Programme analoger UKW-Radiofrequenzen der Umgebung nach im Vorfeld festgelegten Begriffen durchforsten. Sie sind den Bereichen der politischen Entitäten, der Emotionen und der Wahrnehmung zuzuordnen und reflektieren das Leben in der heutigen Gesellschaft. Wie die Algorithmen auf Facebook wählen sie Informationen aus, die in Echtzeit auf den Radios zu hören sind. Auditive Ausschnitte aus verschiedenen Radiosendungen finden in der Ausstellung gleichzeitig zusammen und erzeugen eine Raumklanginstallation. Satzfragmente unterschiedlicher Herkunft bilden im Miteinander neue Bedeutungszusammenhänge. Das Klangbild von Radiosands ist stets ortsspezifisch, weil es das in der Umgebung stattfindende Geschehen über Radiofrequenzen in den Ausstellungsraum überträgt.

Ob Radio oder Internet: Unabhängig vom Medium durchlaufen alle Informationen einen mehrfachen Filterungsprozess, bis die Empfänger sie wahrnehmen. Ausgangspunkt ist die Intention der Absender, die über Inhalt, Formulierung und Distributionskanal entscheiden. Die Auswahl des Mediums, dessen Reichweite und Verbreitungsmöglichkeiten, legen die Sichtbarkeit der Informationen für bestimmte Gruppen fest. Die selektive Wahrnehmung und kulturelle Prägung der Empfänger sorgen dafür, dass wir für manche Informationen offener sind, als für andere. Aus den bei uns ankommenden Bruchstücken generieren wir eine sinnhafte Narration unserer Wirklichkeit.

Wie viele Bausteine benötigen wir eigentlich, um uns unsere Realität überzeugend herzustellen? Und wieviel Wahrheit steckt in ihr? Diese Fragen erinnern an den Weltenbau (englisch: Worldbuilding) der Science-Fiction und Fantasy-Literatur. Er beschreibt die Konstruktion eines imaginären, ganzheitlichen Kosmos mit all seinen Einzelzeilen, die für eine konsistente, glaubwürdige Welt notwendig sind. Das Endprodukt bezeichnet der Künstler Thom Kubli als granulare Wirklichkeit. Denn im Roman wie in der Realität kommt es darauf an, dass die Narration, in der wir die kleinteiligen Informationsschnipsel einbetten, stimmig und folgerichtig ist, um sie für wahr zu halten. Wir vergessen die Einzelteile und sehen nur das große Ganze, so wie Sand am Meer.“ (Ausstellungstext von Tina Sauerländer)


Eröffnung: 22. August 2019 um 19:00 Uhr.