Works from the JULIA STOSCHEK COLLECTION

Mit JSC ON VIEW startet eine neue Serie von Ausstellungen, die den Sammlungsbestand der JULIA STOSCHEK COLLECTION explizit in den Fokus rückt. Den Auftakt bildet die Würdigung von drei Künstlerinnen, die kürzlich verstorben sind: Lutz Bacher, Barbara Hammer und Carolee Schneemann.

Die Präsentation wird das gesamte Erdgeschoss der JSC Düsseldorf einnehmen und neben zentralen Video- und Filmarbeiten aus dem Schaffen der jeweiligen Künstlerin auch die großformatige Fotoserie Sex with Strangers (1986), einem frühen Schlüsselwerk Lutz Bachers, umfassen.

Die US-amerikanische Künstlerin Lutz Bacher, die ihre Identität seit den 1970er Jahren hinter einem männlichen Pseudonym verbarg, nimmt in ihrer oftmals parodistischen Kunst bewusst eine abwehrende Haltung gegen die Einordnung ihres Werkes in einen feministischen Kontext ein. Für ihre Objekte und zeitbasierten Arbeiten verwendet sie Bild- oder Textmaterial aus der Populärkultur, welches durch Dekonstruktion oder Verfremdung zentrale Fragen nach Autorschaft, Macht und dem Einfluss von Massenmedien auf die Gesellschaft aufwirft.

Für die bisher noch nicht in der JULIA STOSCHEK COLLECTION präsentierte neunteilige Fotografieserie Sex with Strangers, hat sie Fotografien von illustrierten Seiten und Bildunterschriften aus einem Buch vergrößert, das sich als informativ soziologische Studie über die weibliche Psychologie und abweichendes Sexualverhalten ausweist. Tatsächlich aber sind harte pornografische Aufnahmen abgebildet und verwehren auch hier den Betrachter*innen eine konkrete Zuordnung.

Die Filmemacherin Barbara Hammer zählt zu den Vorreiterinnen des Queer Cinema. Ihre Experimentalfilme entstanden aus der Vorstellung, dass der konventionelle, narrative Film zu begrenzt ist, um ihre lesbische Realität im Speziellen und die von Homosexualität im Allgemeinen sichtbar zu machen. Ihre Dokumentar- und Experimentalfilme gelten als eine der frühesten und umfangreichsten Darstellungen lesbischer Identität, Liebe und Sexualität. Die Arbeit Double Strength(1978), eine von insgesamt drei Werken Hammers innerhalb der Ausstellung, ist eine poetische Studie über die verschiedenen Stadien einer lesbischen Liebesbeziehung zwischen Hammer selbst und ihrer damaligen Lebenspartnerin, der Choreografin und Trapez-Artistin Terry Sandgreff. In einer Montage aus Filmausschnitten, in denen beide Frauen am Trapez schweben und Sandgreff akrobatische Tanzfiguren performt, sowie privaten Fotografien, erzählt der Film von den intensiven Anfängen bis zur Entfremdung und dem Ende dieser Liebe. Hammers Werk zeichnet sich durch physische Präsenz und Expressivität aus. Die Kamera geht dabei eine Beziehung mit der Umgebung ein. Raum und Zeit verschwimmen und geben stattdessen den Blick auf Hammers ganz persönlichen Erfahrungsraum frei.

Carolee Schneemann öffnete noch vor vielen ihrer Künstlerkolleginnen mit ihrer performativen, kinetischen Malerei und experimentellen Praxis den gesellschaftlichen Diskurs zu Körperlichkeit und Geschlechterrollen. Sie gilt als eine der radikalsten Vertreterinnen dieses Genres und hat sich in ihrer Praxis, wie sie selbst sagte, immer als eine „Malerin“ verstanden, „die die Leinwand verlassen hat, um den Raum der Gegenwart und gelebte Zeit zu aktivieren.“

Schneemanns Video Up to and Including Her Limits von 1975 ist als direkte Antwort auf Jackson Pollocks physisch geprägten Malprozess zu deuten: „Ich bin in einem Baumpflegergurt an einem 3/4-Zoll-Manila-Seil aufgehängt, das ich manuell anheben oder absenken kann, um eine gewisse Zeit des Ziehens zu überstehen. Mein ausgestreckter Arm hält Buntstifte, die über die umgebenden Wände streichen und ein Netz aus farbigen Markierungen entstehen lassen. Mein ganzer Körper wird zum Werkzeug für visuelle Spuren, ein Überbleibsel der Energie des Körpers in Bewegung“. Eines ihrer zentralen Werke Fuses von 1964–67 ist über mehrere Jahre entstanden und zeigt Schneemann mit ihrem Partner, dem Komponisten James Tenney bei ihren intimen sexuellen Aktivitäten. Der Akt, der von ihr selbst gefilmt wurde, wird mit Farbüberlagerungen oder Brandspuren collagiert, die sich im Laufe der Zeit in den Film eingeschrieben haben. Fuses ist der erste Teil ihrerAutobiographical Trilogy und entstand aus der Fragestellung, wie und ob sich der sexuelle Akt von Pornografie oder klassischer Kunst unterscheidet.

Alle drei Künstlerinnen waren Pionierinnen in ihrem Bereich. Alle drei sind in diesem Jahr in ihren 70ern gestorben. Die Julia Stoschek Collection nimmt dies zum Anlass, einen Einblick in das Werk dieser drei Künstlerinnen und ihrer gegensätzlichen Interpretation zu bieten.

LUTZ BACHER (geboren 1943, gestorben 2019) lebte und arbeitete in New York. Zu den jüngsten Einzelausstellungen zählen K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf; Fondation d’entreprise Galeries Lafayette, Paris; KADIST, San Francisco; Yale Union, Portland; Greene Naftali Garage, Brooklyn; Secession, Wien und Aspen Art Museum, Colorado. Ihre Werke befinden sich in den Sammlungen des SFMOMA – San Francisco Museum of Modern Art, San Francisco; Art Institute of Chicago, Chicago; Berkeley Art Museum und Pacific Film Archive, Berkeley; Metropolitan Museum of Art, New York; Walker Art Center, Minneapolis; Whitney of American Art, New York; und das Museum of Modern Art, New York.

BARBARA HAMMER (geboren 1939 in Hollywood, gestorben 2019), lebte und arbeitete in New York. Hammer war u. a. vertreten in Gruppenausstellungen wie der Whitney Biennale (1993), der WACK! Show im MOCA – Museum of Contemporary Art, Los Angeles und MoMA PS1 in New York (2007/2008). Mit den Film-Retrospektiven im New Yorker MoMA im Jahr 2010 und in der Tate Modern in London 2012 hat das Interesse der Kunstwelt an Hammers Werken in letzter Zeit zugenommen. Hammer war viele Jahre als Lehrerin tätig und hatte eine Professur an der Europäischen Graduiertenschule in Saas-Fee, Schweiz inne.

CAROLEE SCHNEEMANN (geboren 1939 in Fox Chase, Pennsylvania, USA, gestorben 2019 in New Paltz, New York). Ihre Malerei, Fotografie, Performance und Installationen wurden im LACMA – Los Angeles Museum of Contemporary Art, Los Angeles; Whitney Museum of American Art, New York; Museum of Modern Art, New York; Centre Georges Pompidou, Paris; und zuletzt in einer Retrospektive im New Museum of Contemporary Art in New York mit dem Titel Up To And Including Her Limits gezeigt. Film- und Video-Retrospektiven waren im Centre Georges Pompidou, Paris; MoMA, New York; National Film Theatre London; Whitney Museum, New York; San Francisco Cinematheque; Anthology Film Archives, New York zu sehen. Sie hat an vielen Institutionen unterrichtet, darunter an der New York University, am California Institute of the Arts, am Bard College und am School of Art Institute of Chicago. Sie war Ehrendoktorin am Maine College of Art, Portland und erhielt im Jahr 2000 den Lifetime Achievement Award der College Art Association. 2017 wurde sie zudem auf der Biennale di Venezia für ihr Lebenswerk mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet.


Öffnungszeiten:
Sonntag: 11:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: julia-stoschek-collection.net