Anlässlich ihres 200-jährigen Jubiläums zeigt die Gipsformerei als älteste Einrichtung der Staatlichen Museen zu Berlin erstmals eine umfassende Präsentation ihrer Bestände – als erste Schau im Sonderausstellungsraum der jüngst eröffneten James-Simon-Galerie. Die weltweit größte noch existente Museumsformerei verfügt über ein mehrere Tausend Stücke umfassendes Konvolut historischer Gussformen und Modelle, die auf Werke aller Epochen und Weltkulturen zurückgehen. Mit rund 200 Exponaten widmet sich die Ausstellung dem Thema der Lebend- und Naturabformung und verdeutlicht,wie „nah“ der Gipsabguss dem Leben kommen kann.

Das Abformen von Gegenständen in Gips oder anderen Gieß- und Abformmassen ist eine Kulturtechnik, die zu den ältesten bildnerischen Mitteln der Menschheit gehört. Durch den Direktkontakt mit dem abgeformten Gegenstand gilt die Abformung als authentisch und wirklichkeitsnah. In der Kunst- und Bildhauereigeschichte Europas und Nordamerikas, die sich vom Altertum bis in die Gegenwart an der Darstellung des „echten“ Lebens abgearbeitet hat, ist das Abformen und Abgießen deshalb seit jeher ein beliebtes künstlerisches Verfahren. Der Allgegenwärtigkeit dieser Praxis zum Trotz wurden Skulpturen, die qua Abformung entstanden sind, jedoch traditionell mit einem Negativurteil versehen und bis in die Moderne hinein als Nicht-Kunst disqualifiziert.

In fünf thematischen Sektionen geht die Ausstellung der Idee nach, dass die Abformung dem Leben (und dem Tod) buchstäblich am nächsten kommt. Sie macht die tragende Bedeutung der Abformung in der Geschichte der Bildhauerei deutlich und weicht Grenzlinien zwischen Kunst, Nicht-Kunst, Handwerk und Wissenschaft auf. Gezeigt werden alle Arten von Abgüssen, aber auch Gemälde, Bücher, Druckgrafiken, Fotografien und Videos. Von Tierabgüssen über Totenmasken von Geistesgrößen des 19. Jahrhunderts, Körperteilmodelle aus der Künstlerausbildung und den sensiblen Sammlungsbestand von Menschenabgüssen aus kolonia- len Kontexten wird der Bogen zu prominenten Werken von Donatello, Auguste Rodin oder Marcel Duchamp geschlagen, die (vermeintlich) mit Hilfe von Körperabformungen entstanden sind.

Die Ausstellung erschließt den Bestand der Gipsformerei querschnittsartig und stellt ihm Objekte aus den anderen Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin sowie herausragende Leihgaben u.a. aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, dem Kunstmuseum Göteborg, dem Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main oder den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gegenüber. Eine zentrale Rolle spielen moderne und zeitgenössiche Werke von Marcel Duchamp, Asta Gröting, Liane Lang, Teresa Margolles, Pauline M’barek, Allan Mc Collum, Donald Lokuta, Auguste Rodin, George Segal und Maria Volokhova, anhand derer die Emanzipation des Abgusses vom technischen Hilfsmittel zum eigenständigen Kunstwerk nachvollzogen werden kann.

Anhand von Schwerlastregalen überführt „Nah am Leben“ die Werkstattsituation der Gipsformerei in den Ausstellungsraum. In einem Prologbereich informiert die Ausstellung über die Geschichte der Gipsformerei sowie die traditionellen, bis zum heutigen Tag angewendeten Handwerkstechniken. In Form von ausgesuchten Interventionen durch die Dauerausstellungen der Museumsinsel Berlin wird gezeigt, dass die Gipsformereieine Art „3D-Archiv“ der Skulpturenbestände der Staatlichen Museen zuBerlin ist. Zugleich verweisen die Interventionen auf die Wurzeln der Gipsformerei, die eng an die Gründung der Königlichen Museen gebunden ist.

Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Publikation in deutscher und englischer Sprache im Prestel-Verlag, herausgegeben von Christina Haak, Miguel Helfrich und Veronika Tocha, mit Fotografien und Philip Radowitz, Broschur, ca. 264 Seiten, ca. 300 farbige Abbildungen, ISBN: 978-3-7913-5939-7 (deutsche Handelsausgabe), 978-3-7913-5940-3(englische Handelsausgabe), Preis: ca. 42 €.


Öffnungszeiten:
Montag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 20:00 Uhr
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: smb.museum