Ein Jahrhundert nach Ende der deutschen Kolonialherrschaft in Tansania begibt sich das MARKK auf Spurensuche. Anhand der ehemaligen deutsch-kolonialen Forschungsstation Amani in den Usambara-Bergen Tansanias geht die Sonderausstellung Amani. Auf den Spuren einer kolonialen Forschungsstation dem Nachleben des Kolonialismus in der tansanischen und der deutschen Gegenwart nach und blickt auf die historischen und gegenwärtigen Verbindungen von Wissenschaft, Sammlungen und Kolonialismus.  Abseits von einer historischen Betrachtung der Kolonialzeit, lädt die Ausstellung zur emotionalen und intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Erbe deutscher Kolonialwissenschaft in Tansania und Deutschland ein. Anlass der Ausstellung ist das 100-jährige Jubiläum der Universität Hamburg.

Die deutsche Kolonialherrschaft im damaligen „Deutsch-Ostafrika“ dauerte von 1885 bis 1919 und prägte die enge und zugleich gewaltvolle, historische Beziehung zwischen Deutschland und Tansania, die es aufzuarbeiten gilt. Das 1902 gegründete Amani ist eine naturwissenschaftliche Forschungsstation im heutigen Tansania. Unter wechselnden Bedingungen der kolonialen Besetzung und später unter tansanischer Leitung wurden Tropenmedizin, Flora und Fauna des Regenwaldes und Landwirtschaft studiert. Heute ist die Station weitgehend inaktiv. Wenige verbleibende Angestellte versuchen die Überreste des einst führenden Forschungsprojekts Ostafrikas zu bewahren.

Die Ausstellung bringt persönliche und wissenschaftliche Fundstücke zusammen. In Form von naturwissenschaftlichen Sammlungen, historischem Inventar und Fotografien werden Spuren eines Jahrhunderts des Wissenschaftsbetriebs in Amani gezeigt, die sich bis nach Hamburg verfolgen lassen. So wird zum Beispiel die Reise des populären Usambara-Veilchens mit dem lateinischen Namen saintpaulia auf die Fensterbänke der Welt thematisiert oder die Geschichte einer Begräbnismarionette, die Franz Stuhlmann, der erste Direktor Amanis und Mitbegründer des Hamburger Kolonialinstituts, 1893 mitbrachte. Über seine Person ist Amani sowie die koloniale Forschung und Wissenschaft in Ostafrika direkt mit der Universität Hamburg und der Sammlung des MARKK verknüpft. Auch Familienerbstücke von Amanis ehemaligen Angestellten finden sich unter den Exponaten. Derartigen Spuren des kolonialen Erbes werden Positionen zeitgenössischer Kunst gegenübergestellt. Einige darunter wurden eigens für die Ausstellung von Evgenia Arbugaeva, Rehema Chachage, Syowia Kyambi und Mariele Neudecker geschaffen. Die künstlerischen Arbeiten befassen sich mit den Zusammenhängen zwischen Amanis Vergangenheit und der Gegenwart des Ortes. Erstmalig werden auch Bestände des MARKK, die durch ehemalige Wissenschaftler*innen der deutschen Forschungsstation ins Museum gelangten, präsentiert.

Anhand der Geschichte der Station Amani wird ein Kontinuum globaler Verflechtungen zwischen Europa und Afrika aufgezeigt. Die Überreste der Station werden so wieder lebendig und erzählen uns die Geschichte von komplexen Beziehungsgeflechten, von reisenden Forscherinnen und Forschern, tansanischen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern und deren Sehnsüchten und Projektionen auf die Station. Die Ausstellung gibt zugleich Einblick in experimentelle, von historischen Nachstellungen und Konzeptkunst inspirierte Forschungsmethoden der Kultur- und Sozialanthropologie, die in diesem Fall ein Erfahren der kolonialen und nach-kolonialen Vergangenheit mit sich bringen.

Die Ausstellung basiert auf dem Forschungsprojekt Memorials and Remains of Medical Science in Africa in welchem der Sozialanthropologe Paul Wenzel Geißler gemeinsam mit einer internationalen Forschungsgruppe die Hinterlassenschaften kolonialer Wissenschaft an verschiedenen Orten Afrikas untersuchte. Was bleibt von den damals in der Forschungsstation tätigen Menschen und ihrem Wirken? Wie geht man mit dem Verbleib der kolonialen Architektur und den materiellen Spuren der Wissenschaft um? Was ist die gegenwärtige Lage der Forschungsstation und inwiefern hat die Kolonialwissenschaft die heutige tansanische Forschung geprägt? Kann die Zusammenarbeit mit Künstler*innen dazu beitragen, die Ambivalenzen derartiger Spuren auszuloten?

Die Ausstellung und ihre Begleitveranstaltungen werden unterstützt durch Körber-Stiftung, National Institute for Medical Research Tanzania, National Museums of Tanzania, Goethe-Institute Kenia und Tansania, Freunde des Museums am Rothenbaum MARKK e.V., University of Oslo, Department of Social Anthropology und University of Amsterdam, Centre for Social Science and Global Health und Economic and Social Research Council. 


Öffnungszeiten:
Dienstag - Mittwoch: 10:00 - 18:00 Uhr
Donnerstag: 10:00 - 21:00 Uhr 
Freitag - Sonntag: 10:00 - 18:00 Uhr

Weitere Informationen direkt unter: markk-hamburg.de
 

Fotografie aus der Serie Amani von Evgenia Arbugaeva, 2015 © Evgenia Arbugaeva
20.09.2019 - 19.04.2020

Amani. Auf den Spuren einer kolonialen Forschungsstation

MARKK Museum am Rothenbaum Kulturen und Künste der Welt

Rothenbaumchaussee 64
20148 Hamburg