Eine Ausstellung des S AM Schweizerisches Architekturmuseum in Zusammenarbeit mit dem Bengal Institute for Architecture, Landscapes and Settlements, Dhaka. Kuratiert von Niklaus Graber, Andreas Ruby und Viviane Ehrensberger.

Nur wenige von uns dürften mit den aktuellen architektonischen Entwicklungen im tropischen Deltagebiet Bangladeschs vertraut sein. Auf der architektonischen Weltkarte war diese mit kulturellem und landschaftlichem Reichtum gesegnete Region bislang kaum präsent, ein Umstand der sich in naher Zukunft dank herausragender Werke einer vibrierenden Architekturbewegung ändern dürfte. Der Output dieses „Bengal Stream“ ist nicht nur räumlich und architektonisch äußerst brisant, sondern zeugt von einer hohen gesellschaftlichen Relevanz der Disziplin Architektur. Durch ein sorgfältig aus der spezifischen Geschichte und Geografie entwickeltes, lokales Handeln erlangen aktuelle Tendenzen in Bangladesch globale Bedeutung. Partizipatorische Lowcost-, Umwelt- oder Sozialprojekte werden häufig von denselben Entwerfern in Angriff genommen, die auch Aufträge von einer wachsenden Mittelschicht und dem urbanen Hochpreissegment erhalten.
Obschon die Protagonisten der heute tonangebenden Architektengeneration mit ihren Projekten individuelle Schwerpunkte setzten, sind sie in einem vitalen fachlichen Austausch und durch übergeordnete Ziele gemeinschaftlich verbunden. Einem unablässigen Strom gleich setzt sich eine immer größere Zahl von Akteuren für die Etablierung des noch jungen Berufsstandes und für ein Bewusstsein um die lokale Kultur ein, ohne sich globalen Einflüssen zu verschließen. Im von tausenden von Flüssen geäderten, größten Deltagebiet der Erde scheint man sich bewusst zu sein, dass jede Art von lebendiger Kultur eine Verbindung aus Eigenem und Fremdartigen ist.
Damit folgt die zeitgenössische Architekturbewegung Bangladeschs dem großen Meister Muzharul Islam (1923-2012), dessen Orginalzeichnungen hier zum ersten Mal außerhalb seiner Heimat ausgestellt werden. Muzharul Islam war bestrebt, zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln und dabei Lokales und Internationales gleichermaßen in seiner Architektur zu absorbieren. Seinem Selbstverständnis eines interkulturellen Dialogs entsprach es, westliche Protagonisten wie seinen Lehrer Paul Rudolph und seinen Studienfreund Stanley Tigerman, die er bei seinem Architekturstudium in den USA kennenlernte, und schließlich Louis I. Kahn für wichtige Bauaufgaben in seine Heimat zu holen.
„Bengal Stream“ wirft keinen romantisch verklärten Blick auf Bangladeschs Architekturentwicklung, vielmehr entspringt die Ausstellung dem Anliegen, mehr über den architektonischen Umgang mit substanziellen Fragestellungen zu lernen: Was braucht es, um gute architektonische Räume entstehen zu lassen? Welche Materialien machen an welchem Ort und für welche Aufgabe Sinn, wie können sie ihre Wirkung entfalten? Wie können natürliche Belichtung und Belüftung nicht nur einen ökonomischen, sondern auch einen gestalterischen Mehrwert bieten? Dabei wird deutlich, dass wegweisende Architektur unabhängig ortspezifischer Einschränkungen auf universell gültigen architektonischen Elementen wie Licht, Raum und Proportion fußt. „Bengal Stream“ lädt zu einer Reise ein, über die Entdeckung des Anderen auch die eigene Kultur neu zu sehen.

EINDRÜCKE DER AUSSTELLUNG „BENGAL STREAM“ IM DAM Foto: Moritz Bernoully
07.06. - 20.10.2019

BENGAL STREAM. Die vibrierende Architekturszene von Bangladesch

Deutsches Architekturmuseum

Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main