Zu seinem 100-jährigen Gründungsjubiläum widmet das Badische Landesmuseum der weltbekannten „Karlsruher Türkenbeute“ nach vielen Jahrzehnten wieder eine Sonderausstellung. Die badische Trophäensammlung aus den sog. Türkenkriegen des 17. Jahrhunderts wird erstmals auf zwei Stockwerken und damit auf rund 1600 m² im Rahmen einer Großen Landesausstellung präsentiert. Thematisch ist die Schau „Kaiser und Sultan – Nachbarn in Europas Mitte 1600–1700“ von größter Aktualität, eröffnet sie doch neue Perspektiven auf ein altbekanntes Thema: Ostmittel- und Südosteuropa waren im 17. Jahrhundert Schauplatz von zahlreichen Kriegen und Glaubenskonflikten. Doch die Protagonisten unterschiedlicher Lager begegneten sich in dieser Zeitspanne in mehr als nur in kriegerischer Absicht. Parallel zu den Kriegen entwickelten sich auf den Gebieten des damals dreigeteilten Ungarns und der Balkanhalbinsel Transferzonen für einen regen Austausch. Ziel der Ausstellung ist es, sich von einem eindimensionalen Gedanken einer ausschließlichen Konfrontation zwischen den Kulturen zu verabschieden. Habsburger und Osmanen waren Nachbarn in der Mitte Europas!

Die Ausstellung deckt die engen Beziehungen zwischen den Höfen unter der Habsburgermonarchie und ihre Berührungspunkte mit dem Osmanischen Reich auf. Auf Grundlage der neuesten wissenschaftlichen Forschung zur transkulturellen Geschichte setzt sie sich bewusst von thematisch vergleichbaren Ausstellungen der Vergangenheit ab. Die Große Landesausstellung stellt die zivilisatorischen Neuerungen in den Mittelpunkt, die im Schatten von Machtpolitik und kriegerischen Auseinandersetzungen entstanden. Innovationen in Architektur, Kunst und Mode oder die Einführung neuer technischer Verfahren künden von einem wechselseitigen Austausch und der gegenseitigen kulturellen Durchdringung der Kulturen.

Die Ausstellung beleuchtet mit rund 320 hochkarätigen Exponaten von internationalen Leihgebern Facetten einer vielschichtigen Epoche, die als „das lange 17. Jahrhundert“ in die Geschichtsbücher einging. Doch das Badische Landesmuseum schlägt auch einen Bogen von der Vergangenheit zu den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen unserer globalen Gegenwart. Die Ausstellung betont den Mehrwert plurikultureller Gesellschaften für Europa. Mit diesem Ansatz richtet sich die Ausstellung an Besucherinnen und Besucher jeglicher Herkunft – auch an diejenigen, die ihre Kultur im Museum bislang nur aus europäischer Sicht repräsentiert sahen. Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, würdigte die Ausstellung als einen wichtigen Beitrag zur Sammlungsgeschichte des Badischen Landesmuseums mit Gegenwartsbezug: „,Kaiser und Sultan‘ verfolgt einen innovativen und zugleich hochinteressanten transkulturellen Ansatz von gesellschaftspolitischer Aktualität. Das Land stellt hierfür Sondermittel aus dem Etat der Großen Landesausstellungen in Höhe von rund einer Million Euro zur Verfügung.“

Zur Schau in Karlsruhe werden zum ersten Mal Exponate der „Karlsruher Türkenbeute“ mit einer Vielzahl an Leihgaben aus der Rüstkammer („Türckische Cammer“) der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zusammengeführt. Beide Sammlungen zählen zu den größten osmanischen Museumsbeständen Deutschlands. Zu den Leihgebern gehören außerdem Museen, Bibliotheken, Stiftungen und Privatpersonen aus Deutschland, Österreich, Polen, Ungarn, der Schweiz und Slowenien. Sie stellen für die Große Landesausstellung berühmte oder zum Teil noch nie ausgestellte Objekte einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Ergänzendes Material kommt aus  England, den Niederlanden und aus der Türkei hinzu.

Ein herausragendes Highlight ist das sogenannte „Blaue Zelt“ aus Krakau,  das einst bei Wien im Jahr 1683 von König Johann III. Sobieski erbeutet  wurde. Hier können die Besucherinnen und Besucher in einem paradiesisch anmutenden osmanischen Ambiente entspannt den Versen des großen islamischen Mystikers Mevlana (1207–1273) lauschen. Sie erfahren, wie der Kaffee in Europa heimisch wurde, welch hoher Stellenwert im Osmanischen Reich der Kalligrafie zukam und wer den Buchdruck in Istanbul einführte. Eigene Ausstellungsabschnitte berichten, wie sich die sog. Türkenmode in ganz Europa ausbreitete und welche Rolle anatolischen Gebetsteppichen  in den protestantischen Kirchen Siebenbürgens oder im Totenkult Ungarns  in Zeiten der Gegenreformation zukam.

Mediale Installationen, die das komplexe Zeitgeschehen anschaulich vermitteln, erweitern die Aussagekraft der Leihgaben. Ein Animationsfilm der Filmakademie Ludwigsburg visualisiert die Geschichte des 17. Jahrhunderts. Stilistisch lehnt sich der Film, der sich bewusst einer modernen Jugendsprache bedient, an die Werke des Online-Video-Künstlers und Multiinstrumentalisten Bill Wurtz an. Als Sprecher konnte der Schauspieler und Komiker Christian Tramitz gewonnen werden. Ein eigens entwickelter Storyguide führt – anstelle eines herkömmlichen Audioguides – durch die Ausstellung: Im Duktus einer orientalischen Erzählung hören die Besucherinnen und Besucher einen Dialog zwischen der ungarischen Freiheitskämpferin Ilona Zrínyi (1643–1703) und dem deutschen Schriftsteller Eberhard Werner Happel (1647–1690), während sie die Exponate näher betrachten.  

An drei Medienstationen erhalten die Besucherinnen und Besucher einen Überblick über die großen Flucht- und Migrationsströme der Zeit. Sie erfahren, dass Menschen aus politischen, religiösen oder wirtschaftlichen Gründen spätestens seit dem 15., vor allem aber im 17. Jahrhundert, den Weg über die sog. Balkanroute nahmen, aber im Vergleich zu heute vorwiegend in umgekehrter Richtung unterwegs waren: Sie wanderten ins Osmanische Reich aus. 

Die kulturelle Bedeutung von Ostmittel- und Südost-Europa ist heute aus dem Bewusstsein geraten und wird oft von Negativschlagzeilen, der Blockteilung der Welt und den Jugoslawienkriegen bestimmt. Politisch Rechtskonservative nehmen die anwachsenden Flüchtlings- und Migrationsströme der Gegenwart und die „Balkanroute“ ins Visier. Während wichtige Kulturstätten im Westen Europas, wie Andalusien, Sizilien und Venedig, schon lange als Brücken zwischen Orient und Okzident gefeiert werden, steht bis heute eine gleichwertige Anerkennung des betrachteten Raums aus: Der Ort der Begegnung von Habsburgern und Osmanen liegt in einem Gebiet Europas, zu dem der Islam damals längst dazugehörte. Neben seiner Rolle als Grenz- und Transitraum war die Region mit ihrem weitverzweigten Straßennetz für Verkehr und Handel jedoch vor allem eins: das östliche Tor Europas nach Asien und der jüngste Umschlagplatz für Informationen, Waren und Ideen. Die Ausstellung will dazu beitragen, die Bedeutung von Ostmittel- und Südosteuropa als „Porta Orientalis“ (Tor zum Orient) anzuerkennen.


Im Zuge der Ausstellung wurden drei Kooperationen geschlossen – mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sowie der Universitäten Graz und Zagreb. Ein zehnköpfiger, international besetzter Beirat mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern von Universitäten und Museen aus Deutschland, Kroatien, Österreich, Polen und Ungarn begleitete fachlich die Inhalte. Die Universität Graz erarbeitete mit Studierenden die Inhalte zu den Medienstationen „Flucht und Migration“ und überführte die Ergebnisse in die Gegenwart.

Gemeinsam mit dem Generalkonsulat der Republik Türkei in Karlsruhe findet anlässlich der Großen Landesausstellung am 16. November 2019 eine Konferenz unter dem Titel „Querblicke. Zwei Reiche – Zwei Positionen: Propaganda im 17. Jahrhundert zur Generierung eines Fremdbildes“ statt, zu der prominente Vertreter aus der Wissenschaft der Republik Türkei und Deutschland geladen sind.

Turbanhelm, polnisch, Ende 17. Jh.,, Nationalmuseum Krakau © Badisches Landesmuseum, Foto: ARTIS – Uli Deck
19.10.2019 - 19.04.2020

Kaiser und Sultan – Nachbarn in Europas Mitte 1600–1700 Große Landesausstellung 2019

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