Sie reiht sich ein in die Phalanx der großen deutschen künstlerischen Positionen seit den 70er Jahren, deren „Epizentrum“ vor allem das Rheinland war: Die Künstlerin Katharina Sieverding (in Prag geboren und im Ruhrgebiet aufgewachsen, lebt und arbeitet in Düsseldorf). Als Bühnenbildnerin ausgebildet, verlor sie schon früh jede Angst vor dem großen Format, als Studentin von Joseph Beuys übte sie sich darin, ihre schöpferische Energie konsequent für politische Belange einzusetzen. Und als Fotografin reizte sie gekonnt die vielfältigen technischen Möglichkeiten des Mediums aus. 

Wer die zahlreichen großformatigen Selbstporträts von Katharina Sieverding sieht – zum Teil solarisierend verfremdet oder metallisch überzogen – ahnt, dass hier künstlerisch keine Kompromisse gemacht werden. Nicht von ungefähr zählt die Künstlerin bis heute zu den wichtigsten Vertreter*innen ihrer Generation in Deutschland – und zugleich als zeitlose Pionierin der internationalen Fotografie. Ihre Bereitschaft, sich immer wieder aufs Neue mit Fragen der deutschen wie globalen Gegenwart auseinanderzusetzen, sichert ihrem Werk bis heute seine ungebrochene Relevanz, wenn nicht Brisanz. Sieverding sucht die Konfrontation, visuell wie inhaltlich. Gleichzeitig sagt sie selbst in einem Interview: „Ich mache keine Propagandakunst, ich möchte nicht als jemand wahrgenommen werden, der für etwas Bestimmtes steht. Das sind alles Zuordnungen, die mich festlegen. Ich möchte eine unabhängige Position haben und meine Gedanken durch die Arbeiten äußern.“

Vom Mikroskopischen zum Makroskopischen: Die Referenzen in ihrem Werk sind komplex. Der medizinisch-sezierende Blick ihres Vaters, eines Radiologen, hat den ihrigen geschärft und zugleich geöffnet für die technischen Möglichkeiten ihres Mediums. Vom Theater kommend, hat sie verstanden, wie Bilder an der Wand einen ganzen Raum definieren können, der so unmittelbar und überwältigend wirkt wie die Kulisse einer Bühne oder die Leinwand eines Kinos. Und damit zugleich einen introspektiven Blick in imaginative Innenwelten ermöglicht. Ihre nicht selten mit plakativen Schlagzeilen versehenen Bilder im Schwarz-Weiß-Modus mit einem leuchtenden Rot als Signalfarbe spiegeln mediale und kommerzielle Manipulationsstrategien und hinterfragen sie zugleich – nicht von ungefähr hat die Künstlerin immer wieder bewusst die musealen Räume verlassen und die direkte Öffentlichkeit im urbanen Außenraum gesucht. Und ihre frühe sehr reflektierte Rolle in einer vor allem als Männerbündnis wirkenden Düsseldorfer Kunstszene hat sie sensibilisiert für die Frage nach eigener Individualität und Identität, nach Geschlecht, seiner Geschichte und ihren Bedingungen – und vor allem nach den fließenden Übergängen und den prozesshaften Transformationen zwischen all diesen Kategorien.

Das Museum Frieder Burda zeigt nun in Kooperation mit den Deichtorhallen Hamburg eine umfangreiche Übersichtsausstellung der Künstlerin und spannt dabei einen Bogen durch alle Werkphasen der Künstlerin: Von Videoarbeiten vom Ende der 1960er-Jahre über die bildgewaltigen Selbstporträt-Serien der 1970er bis 1990er-Jahre bis hin zu gegenwärtigen Produktionen. Diese umfassen auch neue Arbeiten wie das aktuelle Werk Gefechtspause, das sich mit dem Lockdown während der Corona-Krise beschäftigt. Mit der Ausstellung von Katharina Sieverding schließt das Haus an die Reihe von monografischen Ausstellungen fotografiebasierter Positionen wie die von Gregory Crewdson, Andreas Gursky, Rodney Graham sowie des Street Art Künstlers JR an, die immer auch die Inszenierungsmöglichkeiten und große Bandbreite des technischen Mediums gegenüber der Malerei ausgelotet haben. – Die Ausstellung wird kuratiert von Udo Kittelmann in Zusammenarbeit mit Katharina Sieverding.