In der Präsentation im Fotoraum unternehmen wir den Versuch, ein Kinderzimmer, für das Marta Hegemann 1929 mehrere Wandgemälde entwarf, erlebbar zu machen. Außer Fotografien, die August Sander aufnahm, ist davon heute nichts mehr erhalten. Zusammen mit Porträts und Originalgrafiken von Hegemann nähern wir uns ihren Entwürfen für die Wandgestaltung und laden explizit die ganz Jungen dazu ein, sie zu erkunden.

Wie stolz und wild sie auf dem Foto von August Sander aus dem Jahr 1925 aussieht, die Malerin Marta Hegemann, die früher auch einmal als Lehrerin für Zeichnen und Sport gearbeitet hatte und Mutter von zwei Söhnen war. Bluse und Halskette scheinen irgendwie verrutscht und ins Gesicht hat sie sich außerdem allerlei Zeichen gemalt: ein Kreuz, einen Punkt, Vögel – Motive, die wir von ihren Bildern kennen. Als Hegemann vier Jahre später einige Wandgemälde für ein Kinderzimmer entwarf, war es wieder August Sander, der die Arbeit daran und das Ergebnis mit der Kamera festhielt. Zu sehen waren die Gemälde 1929 in der Ausstellung Raum und Wandbild im Kölnischen Kunstverein. Initiiert vom Architekten Hans Heinz Lüttgen, waren acht Maler*innen eingeladen worden, jeweils einen Musterraum zu gestalten. Marta Hegemann hatte zuvor bereits Spielplätze entworfen, hier kam ihr also das Kinderzimmer zu. Andere Musterräume waren z. B. ein Arbeitszimmer von Franz Wilhelm Seiwert, ein Speisezimmer von Richard Seewald, ein Wohnzimmer von Jankel Adler. Luise Straus-Ernst hob aber das Kinderzimmer in der Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration besonders lobend hervor und beschrieb, wie Hegemann „künstlerische und kindliche Ansprüche gleichermaßen (erfülle)“, indem sie „die Wände mit einem fröhlichen Spiel von Kindern, flatternden Vögeln, Blumen, Schiffchen und Sternen überzog, das dem ganzen Raum lichte Heiterkeit verlieh“. Leider gelten die Werke seither als verschollen. Dank der Aufnahmen von August Sander wissen wir aber wie sie aussahen – zumindest in Schwarzweiß.

Zwei jeweils zwei mal zwei Meter große Gemälde waren darin zentral. Auf beiden steht ein Kind im Mittelpunkt. Sie sind umgeben von Vögeln, Sternen, Booten, vor beiden liegt ein aufgeschlagenes Buch und beide sind umgeben von Wasser; weit im Hintergrund das Land mit Häusern und Pferdchen. Möglichkeitsräume schafft Hegemann in diesen Bildern, die hinausführen aus dem Alltag in einer Stadt, in einer Familie, in der Schule. Mit seinem Zelt, Holzpferd und Federschmuck imaginiert sich eines der Kinder nach Amerika zu den First Nations, dessen Konturen im aufgeschlagenen Buch vor ihm zu erkennen sind – eine Form der kulturellen Aneignung, für die wir mit dem Blick von heute sensibilisieren möchten. Dem anderen Kind sitzt ein Äffchen zu Füßen. Rock mit Schürze mögen andeuten, dass es einem Beruf nachgeht? Verkleidungen und Rollen beschäftigten Hegemann in all ihrer Kunst. Sie können Freiheit spüren lassen – Freiheit von sich selbst, der eigenen Lebenssituation – oder verweisen auf Rollenzwänge. Hegemann durfte als Frau damals nicht einfach und überall Kunst studieren, darum wählte sie den Umweg als Zeichenlehrerin. In dem Porträt von August Sander bemalte sie ihr Gesicht und inszenierte sich damit selbstbewusst als Malerin, nicht ohne Augenzwinkern, wie es scheint.

Die Fotografien und Grafiken, die wir präsentieren, werden in eine kindgerechte Höhe gehängt. Die Wandgemälde Hegemanns werden in Originalgröße reproduziert. Die jungen Besucher*innen sind eingeladen, selbst aktiv zu werden und dem Schwarzweiß der Fotografien ihre Farbfassung von Hegemanns Gemälden entgegenzusetzen.