Mit der Ausstellung „Ersehnte Nähe – Singarum J. Moodley und Neo I. Matloga“ bringt das Museum Marta Herford zwei südafrikanische Künstler unterschiedlicher Generationen zusammen, deren Werke von Freiheit und Toleranz erzählen. Singarum Jeevaruthnam Moodley eröffnete 1957 ein Fotostudio, das sich während der Apartheid zu einem Rückzugsort für die Nicht-Weiße-Bevölkerung entwickelte. Seine Studioporträts werden gemeinsam mit den collagierten Malereien des 1993 geborenen Neo Image Matloga präsentiert, die Szenerien und Charaktere fern konventioneller Konzepte von Geschlecht und Identität abbilden. Die Werke zeigen auf subtile Weise Systeme der Unterdrückung auf und lassen durch ihr Zusammenspiel einen Dialog über Vielfalt entstehen, dessen Aktualität ungebrochen ist.

„Die Schwarze Erfahrung ist vielschichtig. Meine Aufgabe ist es, Kunst zu erschaffen, die dies zum Ausdruck bringt.“ (Neo I. Matloga)

Auf ganz unterschiedliche Weise adressieren die beiden Künstler die stereotype Darstellung Schwarzer Identität, die maßgeblich durch den kolonialen Blick geprägt ist. In Moodleys Fotografien entziehen sich die Porträtierten diesem, indem sie sich frei von Konventionen selbstbestimmt und individuell in Szene setzen. Jahrzehnte später wird der klischeehafte Blick in den Collagen von Matloga wortwörtlich in Stücke gerissen, wodurch sich seine Figuren einer festen Identitätszuschreibung widersetzen. 

Singarum Jeevaruthnam Moodley (*1922 in der Provinz KwaZulu-Natal, † 1987 ebenda), dessen Vater als indischer Wanderarbeiter nach Südafrika kam, war entschiedener Anti-Apartheid-Aktivist und fotografierte vor allem People of Color indischer und afrikanischer Abstammung, für die sein Studio einen Schutzraum fernab politischer Unterdrückung darstellte. Die Porträts, die im Marta Herford ausgestellt werden, entstanden zwischen 1972 und 1984 und bieten private Einblicke, wie sie die südafrikanische Fotografie dieser Zeit nur selten offenbart. Bisher sind international vor allem dokumentarische Fotografien bekannt, die People of Color im Kontext von Unterdrückung, Krieg und Widerstand abbilden.  

Im Gegensatz zu diesen von Gewalt bestimmten Darstellungen sind Moodleys Studioporträts von einer besonderen Intimität und Unbeschwertheit geprägt – nicht zuletzt, weil die Aufnahmen als persönliche Erinnerungen entstanden sind. Das private Fotostudio in Pietermaritzburg bot seinen Kund*innen die Möglichkeit, mit verschiedenen Formen der Selbstdarstellung zu spielen und ihrer vielschichtigen Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen. Während sich einige in traditionellen Gewändern fotografieren ließen, präsentieren sich andere modisch gekleidet:  hippiesk mit Peace-Zeichen um den Hals, lässig rauchend oder als Elvis Presley verkleidet. Die Fotografien bieten damit Einblick in eine Gesellschaft, die sich mit Selbstverständlichkeit zwischen traditioneller Stammeskultur und moderner Popkultur bewegt und Diversität als das präsentiert, was es sein sollte: soziale und kulturelle Normalität.

Dieser Facettenreichtum Schwarzer Identität zeigt sich auch in den Werken von Neo Image Mat-loga (*1993 in Mamaila, in der Provinz Limpopo, lebt in Amsterdam). Wie auch Moodleys Fotografien ermöglichen sie den Betrachtenden Einblicke in private Momente: intime Szenen zwischen Liebenden oder ausgelassene Feiern im Kreise von Freund*innen und Familie. Für seine collagierte Malereien nutzt der Künstler Fragmente von Familienfotos und Ausschnitte aus Zeitschriften, die er durch Tinte-, Öl- und Kohlezeichnungen ergänzt, um Charaktere zu entwerfen, die sich konventionellen Geschlechter- und Identitätsvorstellungen entziehen. Die Figuren, wie sie etwa in den Werken „‚Ompile korobela‘“ oder „Ke o fa pelo yaka“ abgebildet sind, vereinen weibliche wie männliche Attribute und stellen die gesellschaftlich geformten Rollenbilder auf den Prüfstand. 

Diese fragmentierten, teils zerbrechlich wirkenden Gestalten werden von Matloga wie auf einer Bühne inszeniert: Obwohl die Collagen fast ausschließlich Szenen abbilden, die im sicheren Schutz des Privaten stattfinden, strahlen sie eine einnehmende Theatralität aus. Besonders deutlich wird dies bei der installativen Arbeit „Tee e tala“ im hinteren Bereich der Lippold-Galerie. Vor den beiden über Eck gehängten Leinwänden stehen ein Tisch und Stühle, die das Werk dreidimensional in den Ausstellungsraum erweitern. Neben diesem Mobiliar und einer hölzernen Sitzbank, die Matloga aus seiner Kindheit und Jugend vertraut sind, hat er noch ein weiteres Element aus Südafrika mit ins Marta gebracht: Die zwei halbhohen roten Mauern, die den Ausstellungsraum teilen, sind angelehnt an die städtebauliche Struktur ehemaliger Townships und Homelands, die die dortige Architektur bis heute prägt. Die urbane Ausstellungsgestaltung, die sich auch im Design der Wandtexte wiederfindet, bildet einen Gegenpol zu den privaten Szenen, die in den Werken von Moodley und Matloga abgebildet sind.

Singarum J. Moodley und Neo I. Matloga sind beide geprägt von den gesellschaftlichen Konsequenzen der Apartheid: einer als direkter Zeitzeuge, der andere, weil er zu einer Zeit aufgewachsen ist, in der die Gräueltaten der Vergangenheit die Lebensrealität bis heute prägen. Vor diesem Hintergrund spielen Apartheid und Rassismus eine bedeutende Rolle, in den Werken stehen jedoch die Themen Selbstbestimmtheit, Offenheit und Vielfalt im Zentrum. Sowohl in Moodleys Fotografien als auch in Matlogas Collagen begegnen die Betrachtenden einer Pluralität Schwarzer Identität.

Die Wandtexte in der Ausstellung sind nicht nur in Deutsch und Englisch, sondern auch in Matlogas Muttersprache Sepedi verfügbar, in der auch seine Werktitel verfasst sind. Einen niedrigschwelligen Zugang zum Ausstellungsthema bieten zwei Texte in Leichter Sprache.

Die Ausstellung entstand nach einer Idee der Gastkuratorin Dr. Wiebke Hahn und in Zusammenarbeit mit Marta-Kuratorin Ann Kristin Kreisel.


Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag: 11.00 - 18:00 Uhr
Montag: geschlossen

Weitere Informationen direkt unter: marta-herford.de