Sein Stuhl mit der Nummer 7 steht noch immer überall in Deutschland. Man findet ihn in Museumscafés, Rathäusern und Seminarräumen der Universitäten. Die Design-Ikone, 1955 entworfen, verkörpert wie kein anderes von ihm entworfenes Produkt das Werk des dänischen Designers und Architekten Arne Jacobsen. In Deutschland ist Jacobsen vor allem für sein ansprechendes und funktionales Design bekannt, doch er beherrschte die ganze Bandbreite des Entwerfens: von der Gabel bis zum Rathaus, vom Kleinen und Feinen bis zum Großen und Monumentalen. Außerhalb von Fachkreisen ist es kaum bekannt, dass Arne Jacobsen zudem in enger Partnerschaft mit seinem Landsmann, dem Architekten Otto Weitling, eine Reihe von Projekten in Deutschland realisierte. Eine Partnerschaft in der Architektur, die Zeichen für die Entwicklung der modernistischen Architektursprache setzte: damals und heute – in Deutschland und Dänemark.

Die Bau- und Rezeptionsgeschichte dieser Gebäude verrät bis heute viel von der Entstehungszeit in den 1960er und 1970er Jahren, von ihren Ideen und Visionen, aber auch vom engen Zusammenhang von Architektur, Stadt und Politik. Die Ausstellung der Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog sowie das gleichnamige Buch werfen ein Licht auf das Werk und die engen Bande der beiden Architekten in Deutschland. Hier haben sie Projekte in verschiedenen Maßstäben umgesetzt: vom lichten Glasfoyer in Hannover über die Atriumhäuser im Berliner Hansaviertel, dem Rathaus in Mainz bis zum Hamburger Christianeum oder dem HEW-Hochhaus in der City Nord bis zu städtebaulichen Anlagen wie dem Forum Castrop-Rauxel oder der Ferienanlage Burgtiefe auf Fehmarn.

Die szenografische Grundidee der Ausstellung ist eine Reihe von semitransparenten Wänden, zwischen denen Plattformen als Sitzgelegenheiten bzw. als Ausstellungsflächen für Modelle und weitere Exponate angeordnet sind. In den Themengruppen „Werk und Wesen“, „Ideen und Ideale“, „Form und Funktionen“, „Perfektion und Präzision“ und „Wert und Wirkung“ werden Zeichnungen, Zitate, historische und zeitgenössisc he Fotografien sowie Modelle und Produktentwürfe (u. a. von Fritz Hansen, HOWE, VOLA und Louis Poulsen) gezeigt. Auf den stoffbespannten Wänden werden Fotos und Filmausschnitte präsentiert. Alle begleitenden Texte zur Ausstellung sind in deutscher und englischer Sprache verfasst.

Statement der Kuratoren
Die Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling hat eine herausragende Bedeutung für die Nachkriegsmoderne in Deutschland. Zugleich ist die Qualität ihrer Projekte in Vergessenheit geraten. Diese Lücke in der Wahrnehmung möchten die Kuratoren Hendrik Bohle und Jan Dimog mit der Wanderausstellung und der dazugehörigen Publikation schließen. Mit acht Projekten in Deutschland haben die beiden dänischen Baumeister hier die meisten Bauten außerhalb ihrer Heimat realisiert. Erstmals werden sieben Gebäude in einer Wanderausstellung präsentiert. Sie findet im Rahmen des deutsch-dänischen kulturellen Freundschaftsjahres 2020 und anlässlich Jacobsens fünfzigstem Todestages 2021 statt. Der nordische Funktionalismus von Jacobsen und Weitling ist ein Spiegel der Visionen der alten BRD. Es ging bei den Entwürfen und Aufträgen um Demokratie, Prestige und Effizienz. Die Ausstellung wirft ein Schlaglicht auf die Formgeber und die baukulturelle Verbundenheit zwischen Dänemark und Deutschland. Sie ist zugleich eine Bestandsaufnahme der heutigen Situation und des Umgangs mit dem Erbe der Spätmoderne. Die Kuratoren möchten die Besucher dazu anregen, sich selbst ein Bild der Architektur von Jacobsen und Weitling zu machen. Die Reise wird sie ans Meer, in Modellstädte der Moderne und zu einer Vielschichtigkeit führen, die eine Auseinander- setzung im Sinne Otto Weitlings provoziert: „Ein Für und Wider wäre schon ein positives Zeichen, denn ein Haus, über das man nicht redet, ist meist nicht der Rede wert.“

Hendrik Bohle, Projektarchitekt (u. a. bei magma architecture), Stadtforscher und Autor in Fachpublikationen. Bei DOM publishers sind seine Architekturführer Istanbul (2014), Vereinigte Arabische Emirate (2016) und Slowenien (2018) erschienen, alle mit dem Journalisten Jan Dimog, mit dem er auch THE LINK betreibt. Die Onlinepublikation verbindet Architektur und Reisen. Mehr über seine Arbeiten und Urbanismus - Forschungen auf www.studiohbohle.com & auf https://thelink.berlin.

Jan Dimog, Reporter, (Foto-)Journalist und Drehbuchautor für nationale und internationale Verlage, Institutionen und Projekte in Deutschland, Europa und Afghanistan. Sein Dokumentarfilm Countdown Afghanistan (Regie: Manuel Fenn, Co- Regie: Jan Dimog) wurde 2014 auf arte ausgestrahlt. Bei DOM publishers sind von ihm die Architekturführer Kabul (2017), Istanbul (2014), Vereinigte Arabische Emirate (2016) und Slowenien (2018) erschienen – die drei letztgenannten mit Hendrik Bohle. Das Seebad Burgtiefe kennt Jan Dimog seit seiner Kindheit – er ist in Burg auf Fehmarn aufgewachsen.

Arne Jacobsen und Otto Weitling an der Baustelle des Rathaus Mainz © Klaus Benz, Stadtarchiv Mainz
15.11.2021 - 18.04.2022

Gesamtkunstwerke. Architektur von Arne Jacobsen und Otto Weitling in Deutschland

Jenisch Haus

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